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Konzert-Bericht
 
Weltklasse

Shellac

München, Backstage
10.11.2001
Shellac
Das Schlagzeug steht unmittelbar am Bühnenrand, die selbstgebauten Gitarren- und Baßverstärker rechts und links davon sehen aus, als wenn man damit auch Signale von UFOs problemlos empfangen könnte. Die "Lightshow" besteht aus einem Dutzend weißer Scheinwerfer: Keine Farbe, kein albernes Flackern, nichts. Schon bevor die drei Herren aus Chicago die Bühne betreten, ist klar: Wir reden hier von Minimalismus pur, Rock N Roll in Reinform, bei dem Showelemente einfach keinen Platz finden. Und diese Vermutung wird in der Sekunde zur Gewißheit, in der Shellac für das einzige Headlinekonzert ihrer Mini-Europa-Tournee die Bühne des ausverkauften Backstage betreten. Die drei Alleskönner Steve Albini, Todd Trainer und Bob Weston ARBEITEN Musik, und weil das so ist, sitzt jede einzelne Note und keine einzige Sekunde ist verschwendet.
Die Songs aus ihren drei herausragenden Alben "At Action Park", "Terraform" und "1000 Hurts" fügen sich übergangslos aneinander, der einzige Unterschied zu den Platten ist die Verlagerung des Schwerpunkts auf die Musik. Spielt auf den Alben der Gesang eine durchaus gleichwertige Rolle, ist er auf den Konzerten so weit nach hinten gemischt, daß das schlafwandlerisch sichere Instrumental-Zusammenspiel der drei Protagonisten nur noch unterstrichen wird. Und das geschieht mit voller Absicht, zumindest versichert Weston dem Publikum, daß es besser so sei und sie jemandem "viele Tausend Dollar" dafür bezahlen, daß man ihren "Gesang" bei den Konzerten kaum hört.

So ernst Shellac sich, ihre Musik und ihre Anti-Business-Attitüde auch nehmen, mit ihren Ansagen schaffen es die Amerikaner, den Wall der streckenweise fast depressiven Ernsthaftigkeit, den die drei auftürmen, immer wieder zu durchbrechen. Als Bob Weston beispielsweise auf einige Zurufe aus dem Publikum erklärt, man dürfe Mr. Albini ruhig "Stevie" nennen, seine Mutter tue das auch. Oder als Albini auf einige Publikums-Zwischenrufe à la "der Krieg muß aufhören" todernst, aber selbstverständlich völlig ironisch erwidert: "Oh ja? Das wäre mir nie in den Sinn gekommen. Überhaupt hab ich mir zu dem Krieg in den letzten Wochen nicht gerade viele Gedanken gemacht!"

Was Shellac fabrizieren, ist nicht nur die Blaupause für Hunderte von anderen Emo-Bands, sondern im Gegensatz zu den Versuchen ihrer Nachahmer wirklich Kunst. Deshalb ist es mit Shellac-Konzerten ein bißchen wie mit Medizin: Es fühlt sich vielleicht nicht immer gut an, sie zu schlucken, aber letztendlich geht es einem besser. Shellac kokettieren musikalisch mit Metal-Klischees, scheuen sich nicht vor fast kakophonischen Improvisationen, besitzen aber - ähnlich wie übrigens auch Sebadoh - genug Sensibilität, dem Publikum immer genau dann, wenn es fast abschalten will, einen rohen Happen Popmusik vorzuwerfen, um es so bei der Stange zu halten. Vor Shellac muss man nach diesem sensationellen Auftritt in München den Hut ziehen.
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-


 
 

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