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Konzert-Bericht
 
Nostalgie hautnah

Roger McGuinn

Bochum, Christuskirche
13.09.2014
Roger McGuinn
Wie schrieb der Kollege Matthias Strzoda in der Zeit doch so treffend? Mit seiner Brille, seinem Jägerbart und schwarzen Fedora erinnert Roger McGuinn auf der Bühne eher an Roger Whittaker als einen L.A.-Hipster. Trotzdem ist der Amerikaner als Gründer der Byrds bis heute eines der Aushängeschilder der Counter-Culture-Generation - und bei seinem Konzert in der gut gefüllten Bochumer Christuskirche erinnert er sein Publikum aus zumeist Gleichaltrigen nur zu gerne daran. 72 Jahre ist der US-Singer/Songwriter inzwischen alt, doch das kann man höchstens an seiner seit jeher dünnen und hohen, aber inzwischen bisweilen etwas brüchigen Stimme ablesen. Rein äußerlich könnte er glatt für 50 durchgehen, ganz abgesehen davon, dass er sich auch nicht wie ein alter Mann bewegt und - besonders beeindruckend - besser Gitarre spielt als je zuvor. Eine Band hat er auf dieser Tournee nicht dabei. Eine Akustikgitarre und die berühmte 12-saitige Rickenbacker, das Herzstück des unverkennbaren Jangle-Sounds der Byrds, reichen vollkommen.
Um Punkt 20.00 Uhr geht das Licht aus und McGuinn taucht gitarrespielend in der Backstagetür auf. Bob Dylans "My Back Pages" macht den Anfang, schließlich sei der Abend gewissermaßen eine Führung durch seine eigenen "back pages", verrät der Musiker, als die ersten Ovationen der Zuschauer abgeklungen sind. Praktisch jeden der fast 30 Songs, die er an diesem Abend spielt, leitet er mit einer kleinen Geschichte ein. Vor "Ballad Of Easy Rider" erfährt man, wie Bob Dylan einst Peter Fonda eine mit Textfragmenten vollgekritzelte Serviette gab mit dem Auftrag, sie McGuinn zu geben, denn "der weiß, was damit zu tun ist", vor "Bells Of Rhymney" gesteht er, dass er jahrelang den Namen der titelgebenden walisischen Stadt falsch ausgesprochen hatte (und zelebriert die korrekte Aussprache anschließend bei jedem Refrain genüsslich), und natürlich darf auch die Geschichte nicht fehlen, wie er aus dem Folksong "Mr. Tambourine Man" mithilfe eines Johann Sebastian Bach entlehnten Intros und eines Beatle-Beats einen Radiohit gemacht hat, der das Publikum auch fast 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung noch entzückt. Überhaupt wird die Beziehung zu Bob Dylan ausführlichst thematisiert, aber wer will es McGuinn verdenken? So spielt er zum Beispiel wie zigtausend andere Künstler auch "Knockin' On Heaven's Door" - mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass er der Gitarrist der Originalversion von 1973 ist. Bisweilen wird zwar überdeutlich, dass er die Anekdoten zu den Songs jeden Abend erzählt, doch sein manchmal fast schon ein wenig zu penetrantes Dauergrinsen unterstreicht, dass er es mit Freude macht und gerne in der Anerkennung der Zuschauer badet, die nach jedem Song lange ehrlichen Applaus spenden. Überhaupt ist McGuinns Herangehensweise sehr ökonomisch: Oft sind die Songs kaum länger als die einleitenden Geschichten und hier und da fallen auch schon mal ein paar Strophen unter den Tisch, sodass 50 Jahre Rockhistorie locker in eine Stunde 45 Minuten zuzüglich 15 Minuten Pause ("Ihr könnt das machen, was ihr tun müsst, und ich werde noch ein bisschen üben", scherzt der Protagonist) passen.

Obwohl wirklich alle Hits vertreten sind (aus dem klassischen frühen "Greatest Hits"-Album der Byrds gibt es zehn von elf Tracks zu hören) - die echten Highlights des Abends sind die wenigen eingestreuten Raritäten wie das fast unerwartet dynamische "Don't You Write Her Off" aus der ersten Platte von McGuinn, Clark und Hillman in den späten 70ern, die zur gleichen Zeit entstandene Ballade "Russian Girl" aus dem "Thunderbyrd"-Album und McGuinns letzter Soloerfolg von 1991, das zusammen mit Tom Petty geschriebene Meisterwerk "King Of The Hill". Eingeleitet wird der Schlenker zu Petty übrigens mit einer prima Coverversion von dessen "American Girl", mit dem McGuinn unterstreicht, wie viel von ihm in Petty steckt. Songs neueren Datums gibt es keine zu hören, wenn man von dem beeindruckenden Instrumental "Echoes Live" absieht, mit dem der Amerikaner Werbung für die von der Firma Martin für ihn entworfene 7-saitige Akustikgitarre macht, auf der er Folk- und Jangle-Pop gleichermaßen interpretieren kann: "Wenn ihr euch eine kauft, könnt ihr sofort auch so spielen", meint er augenzwinkernd, bevor er beim Solo von "Eight Miles High" seine Brillanz als Gitarrist ein letztes Mal unter Beweis stellt.

Bei der Zugabe bleibt noch Raum für einen feinen Singalong bei "Turn! Turn! Turn!", eine Hommage an Gene Clark, McGuinns verstorbenen kongenialen Partner aus frühen Byrds-Tagen, dessen "I Feel A Whole Lot Better" er spielt, und das Abschiedslied "Leave Her, Johnny, Leave Her", mit dem er das Konzert auf einer melancholischen Note ausklingen lässt. Natürlich war es ein durch und durch nostalgischer Abend, aber in Zeiten, in denen blutleere Reunion-Tourneen mit Kartenpreisen im dreistelligen Eurobereich durch Riesenhallen führen, war es dennoch eine Freude, hier einen der größten Stars der 60er-Jahre in intimem Rahmen und für weniger als 35 Euro hautnah erleben zu dürfen.
Surfempfehlung:
www.ibiblio.org/jimmy/mcguinn
de.wikipedia.org/wiki/Roger_McGuinn
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Simon Mahler-


 
 

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