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Konzert-Bericht
 
Der Leuchtturm in der Americana-Nebelwand

The Barr Brothers

Köln, Studio 672
15.10.2014

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The Barr Brothers
Ein Blick auf die komplett mit Instrumenten zugestellte winzige Bühne des Kellerclubs unter dem Kölner Stadtgarten macht bereits vor Konzertbeginn klar: Eine alltägliche Band werden die Zuschauer an diesem Abend nicht erleben. Denn mitgebracht haben die Barr Brothers nicht nur eine Harfe (!), auch am mit Lichterketten behangenen Schlagzeug ist ein Becken gegen eine Fahrradfelge ausgetauscht worden, um die Pedal-Steel herum stehen allerhand windschiefe Uraltakustikgitarren, und überall auf der Bühne verstreut liegen Percussioninstrumente aller erdenklichen Formen und Herkunftsländer und gleich ein ganzes Täschchen voll mit Mundharmonikas. Lediglich der elektrische Bass fällt ein wenig aus dem Rahmen, aber vermutlich hat die amerikanisch-kanadische Folk-and-beyond-Band das 08/15-Instrument deshalb ganz hinten links in die Ecke verbannt.
Als es um kurz nach halb neun ohne Vorgruppe losgeht, brauchen die fünf Musiker allerdings kaum mehr als eine leise Akustikgitarre, um gleich mit dem ersten Lied restlos zu begeistern und für eine erste Gänsehaut zu sorgen. Sänger/Gitarrist Brad Barr, sein etatmäßig am Schlagzeug sitzender Bruder Andrew und Joe Grass, die multiinstrumentalistische Touraushilfe, versammeln sich in der Bühnenmitte und singen gemeinsam mit ungeheurer Inbrunst und 20, 30 cm Abstand vom Mikro das melancholische, aber nie depressive "When The Heroine Dies", sanft begleitet von Sarah Pagé an der Harfe und kaum hörbar unterstützt von Neuzugang Mishka Stein am Bass. Schlagartig sind wir nicht mehr im Köln des Jahres 2014, sondern wähnen uns als Publikum in dem Keller von Big Pink in Woodstock, wo Bob Dylan und The Band 1967 die "Basement Tapes" aufnahmen und damit den Grundstein für all das legten, was heute unter Americana im Plattenladen zu finden ist.

Doch den Barr Brothers geht es nicht allein darum, das musikalische Vermächtnis der Vergangenheit hochzuhalten. Gleich danach steht mit "Love Ain't Enough" ihre modernste Nummer auf dem Programm, bei dem die Harfe die Rhythmusgitarre ersetzt und mit einem mantraartigen Riff eine unwirkliche Stimmung erzeugt, mit der der Rest der Band eine Brücke zurück zum Indie-Folk-Boom der Neuzeit schlägt und ganz nebenbei noch unterstreicht, dass die Barr Brothers auch echte Ohrwürmer schreiben können. Zu denen zählt auch "Even The Darkness Has Arms", das nicht zuletzt wegen der seufzenden Pedal Steel deutlich heimeliger daherkommt. Damit offenbart sich in den ersten drei Songs bereits die große Bandbreite, die das Quintett aus Montreal offenbar vollkommen mühelos abdeckt. Dabei sind die wohlüberlegten Songs und die üppigen Arrangements gleichermaßen kreativ. Bisweilen werden den Gitarren mit Geigenbögen und sogar Bindfäden ungewöhnliche Töne entlockt, und die Harfe sorgt eh immer wieder für klangliche Überraschungen. Dabei sitzt jeder Ton perfekt. Dass die Band in Köln erst zum zweiten Mal in dieser Besetzung zusammenspielt, da der eigentliche Pianist/Bassist Andres Vial zu Hause geblieben ist, mag man kaum glauben. Offenbar haben sich die drei Stunden Soundcheck, für die sogar der Einlass ein paar Minuten nach hinten verschoben musste, voll ausgezahlt.

Doch nicht nur das Publikum ist hin und weg. Freudestrahlend begrüßt Brad die Anwesenden zum "ersten wirklichen Barr Brothers-Konzert in Deutschland", nur um gleich anschließend anzumerken, dass sie ja im Sommer bereits einige Festivalauftritte hierzulande bestritten hätten, aber der Auftritt in Köln fühle sich zum ersten Mal wie ein echtes Konzert an. Nach einer halben Stunde legt die Band den Hebel um, tauscht die sagenhafte Intimität der ersten Nummern gegen kratzige, mitreißende Intensität, wenn bei "Half Crazy" die Drums nach vorne peitschen und die sägende Slidegitarre die Barr Brothers in schlammige Südstaaten-Gewässer taucht, bevor mit dem majestätischen "Come In The Water" der nächste U-Turn ansteht und plötzlich Soul-Vibe durch das Studio 672 schwappt und die Beatles und Tommy James zitiert werden.

Nachdem die erste Hälfte des Auftritts komplett den Songs des aktuellen Meisterwerks "Sleeping Operator" gewidmet ist, stehen im zweiten Teil Stücke aus dem selbstbetitelten Erstling auf dem Programm, die ein wenig traditioneller oder zumindest etwas weniger abenteuerlustig klingen, aber dennoch genauso begeistern wie die neuen. So wächst sich "Lord, I Just Can't Keep From Crying" am Ende zu einer stampfenden Blues-Jam-Session aus und sorgt für ein letztes lautes, wildes, mitreißendes Ausrufezeichen, bevor mit "Cloud (For Lhasa)" das Publikum, das den ganzen Abend über gebannt gelauscht hat, sanft in die Nacht und damit in die Realität entlassen wird.

Kein Zweifel, der Leuchtturm in der Nebelwand des Americana, wie der Kollege Ullrich Maurer die Barr Brothers an dieser Stelle bereits treffend charakterisiert hat, strahlte in Köln ganz besonders hell.

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Surfempfehlung:
thebarrbrothers.com
www.facebook.com/thebarrbrothers
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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