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Konzert-Bericht
 
Aufs Herz des Hörers gezielt

Sharon Van Etten
Marisa Anderson

Hasselt, Muziekodroom
16.11.2014

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Sharon Van Etten
Lobeshymnen von der gesamten Presse, Liebeserklärungen von Musikerlegenden wie J. Mascis und Lou Reed, Auftritte an der Seite von John Cale, Nick Cave und Big Star – Indie-Folk-Darling Sharon Van Etten hat nach nur drei Platten bereits mehr erreicht, als viele andere Künstler je zu träumen wagen. Richtig selbst gefunden hat sich die 33-jährige New Yorkerin dennoch erst jetzt. Gefühlsgesteuert und ungefiltert zeichnet sie auf ihrem ausgezeichneten neuen Album "Are We There" die Höhen und Tiefen einer langjährigen, komplizierten Romanze nach und verdichtet ihre Wünsche, Ängste und Probleme als weltweit gefragte Musikerin in zutiefst emotionalen Songs, die bei aller Intimität ohne Theatralik auskommen und so direkt auf das Herz des Hörers zielen. Nach allenthalben in den höchsten Tönen gelobten Auftritten in Europa im Mai und August ist Sharon derzeit mit ihrer hervorragende Band ein letztes Mal in diesem Jahr in unseren Breiten unterwegs - und begeistert erneut.
Gleich beim ersten Headline-Konzert der Tournee in der belgischen Provinz macht die drangvolle Enge im Muziekodroom deutlich: Die Zeiten, in denen Sharon in kleinen Clubs auftritt, dürften bald vorbei sein. Das überwiegend sehr junge Publikum hat sich an diesem nasskalten Sonntagabend zwar ohne Frage wegen Sharon in das Industriegebiet vor den Toren Hasselts aufgemacht, doch auch Marisa Anderson bekommt im Vorprogramm viel verdienten Applaus. Dabei ist der Sound der Dame aus Portland, Oregon, die auch auf Sharons neuestem Album einen Gastauftritt hat, bisweilen herrlich sperrig. Instrumental, nur mit der elektrischen Slidegitarre und Lap Steel bewaffnet, interpretiert sie Blues- und Folklieder, die von Doc Watson ebenso beeinflusst wurden wie von Elizabeth Cotten und etwa im Falle des rasanten "House Carpenter" Public-Domain-Songs sind. Am Anfang steht dagegen ein waschechter Gospel, denn "schließlich ist heute Sonntag", wie Marisa lachend erklärt. Dabei punktet Marisa nicht nur als Instrumentalistin, sondern auch mit ihren leidenschaftlichen, wenngleich augenzwinkernden Ansagen, bei denen sie ihre fast ausschließlich von Tod und Verderben handelnden Songs ausführlich vorstellt, damit der Inhalt der Stücke in ihren wortlosen Versionen nicht verloren geht...
Sharon hat sofort zu Beginn die Chance, ihre Entertainerkünste unter Beweis zu stellen. Denn obwohl auf der Bühne technisch eigentlich alles perfekt sein sollte, bleibt ausgerechnet ihr Mikro erst einmal ein paar Minuten tot. Also betätigt sich die Amerikanerin als Radioreporterin und erklärt den in den hinteren Reihen stehenden Gästen, welche Anstrengungen das Hauspersonal zu ihren Füßen gerade unternimmt, um das Problem zu lösen. Wie schon im Sommer geht es dann mit dem Dreiklang "Afraid Of Nothing", "Taking Chances" und "Tarifa" äußerst abwechslungsreich los. Sharon wechselt dabei von der Akustikgitarre ans Omnichord und dann an die Stromgitarre, während ihre Mitstreiter Doug Keith (Gitarre), Darren Jessee (Drums), Brad Cook (Bass) und Heather Woods Broderick (Gesang, Keyboards) ihre Flexibilität unterstreichen können. Überhaupt fällt auf, dass die Band nach Dutzenden von Konzerten seit dem Tourstart in Brüssel im Mai (Gaesteliste.de berichtete) inzwischen richtig in die Songs eingetaucht ist und sich kleine Änderungen und Eigenheiten eingeschlichen haben. Vor allem Neu-Drummer Darren drückt einigen Songs inzwischen hörbar seinen Stempel auf. Doch es sind nicht nur Nuancen, die anders sind, denn die Setlist unterscheidet sich doch deutlich von denen der vorangegangenen Europa-Konzerte. So ist mit "Our Love" erstmals Sharons Versuch, einen Sade-Song zu schreiben, ins Programm gerutscht. "Hat leider nicht ganz geklappt", scherzt sie vorab, aber immerhin gibt das unverhohlen poppige (und textlich dennoch furchtbar düstere) Stück Drummer Darren die Chance, sich als menschlicher Drumcomputer zu versuchen.

Mit "I Don't Want To Let You Down" gibt es danach sogar einen unveröffentlichten Song zu hören. Vermutlich ist es die musikalische Nähe zu Neil Young, die dafür sorgte, dass die Nummer zwar für "Are We There" aufgenommen wurde, aber letztlich nicht berücksichtigt wurde. Live dagegen ist das Lied so etwas wie das heimliche Highlight des Abends: Die kleine tanzende Orgelbegleitung, der treibende Beat vom Schlagzeug und das lange, in einem Crazy Horse-würdigen Crescendo endende Gitarrensolo machen den Song zu einer perfekten Live-Nummer, und am Ende kann man gar nicht mehr böse sein, dass dafür ausgerechnet das brillante "Serpents" aus dem Set gekegelt wurde. Überhaupt glänzen die Songs von Sharons 2012er-Breakthrough-Album "Tramp" komplett mit Abwesenheit. Dafür ist mit "Tell Me" eine weitere Rarität dabei, ein Stück, das es nicht auf "Tramp" geschafft hat und das in der Solo-Demo-Version ein typischer Sharon-Klagegesang ist. Auf der Bühne und in Bandbesetzung wird daraus nach ätherischem Beginn allerdings ein im Mittelteil fast schon etwas an Bob Dylan erinnernder Folk-Rock-Song, bei dem Sharon und Heather gesanglich wunderbar harmonieren. Vollkommen können die feinen neuen Lieder allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sharon und ihre Band nach rund sechsmonatiger Mammutkonzertreise (die 2015 weltweit fortgesetzt wird) verständlicherweise ein wenig den Tour-Blues haben. Die Lockerheit bei den Ansagen, die vor zwei Jahren noch jedes Sharon-Konzert zu einem Unikat gemacht hatten, ist ihr - vielleicht auch infolge des immensen Presserummels zur Veröffentlichung - inzwischen ein klein wenig abhanden gekommen. Äußerst charmant ist sie zwar immer noch, doch der Floskel-Anteil ist doch merklich gestiegen. Das allerdings ist dem Publikum in Hasselt herzlich egal, und so werden nach dem phonstarken Abgang mit "Don't Do It" und dem niederschmetternden "Your Love Is Killing Me" stürmisch Zugaben gefordert.

Die erste bestreitet Sharon solo und spielt mit "Remembering Mountains" ein weiteres unveröffentlichtes Stück, für das sie einen Text aus dem Nachlass der Folk-Ikone Karen Dalton neu vertont hat. "Sorry, Karen, wenn dir die Melodie nicht gefällt - ich hab mir die größte Mühe gegeben!", entschuldigt sie sich prophylaktisch. Das wäre allerdings gar nicht notwendig gewesen, denn die Nummer ist, wenngleich ein wenig wackelig performt, eine Punktlandung zwischen Sharon-Typischem und Karen-Unnachahmlichkeit und wirklich zauberhaft. Beim letzten Song, "Everytime The Sun Comes Up", fällt dann die ganze Anspannung von der Band ab und es wird sogar noch richtig albern. Plötzlich tauchen Doug und Brad nämlich hinter dem Schlagzeug auf und posieren breit grinsend für ein Erinnerungsfoto... Das wird eine gute Tour, wetten?

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Surfempfehlung:
www.sharonvanetten.com
www.marisaandersonmusic.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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