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Konzert-Bericht
 
Das neue Ich

Niels Frevert & Band
Desiree Klaeukens

Münster, Gleis 22
06.12.2014

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Niels Frevert
"Die nächste Nummer kann ich nicht im Stehen spielen", sagt Niels Frevert entschuldigend, als zur Hälfte seines Auftritts im gut gefüllten Münsteraner Gleis 22 ein Stuhl auf die Bühne gebracht wird. "Dabei setze ich mich ungern hin. Das sieht so undynamisch aus - und es passt nicht zu meinem neuen Ich." Er lacht zwar, als er das sagt aber etwas Wahres ist da schon dran. Derzeit ist vieles neu bei Deutschlands vielleicht bestem Singer/Songwriter. Nach mehr als einem Jahrzehnt hat er unlängst Label und Konzertagentur gewechselt, und nachdem früher seine Platten nur alle Jubeljahre erschienen (zwischen seiner ersten und zweiten lagen rund sechs Jahre, fast ebenso viel Zeit verging zwischen der zweiten und dritten), gibt es nun im allseits bekannten Zweieinhalb-Jahres-Rhythmus Neues vom Mann, der nie übt.
Ein bisschen, so mag man sich zumindest einbilden, hat sich damit auch die Perspektive gewandelt. Früher hatte man immer ein wenig das Gefühl, dass Frevert seine Musik in erster Linie für sich selbst machte und bisweilen gar nicht richtig merkte, wie fantastisch seine Songs waren. Schließlich war er lange nicht mehr als ein Geheimtipp. Seit allerdings sein brillantes drittes Album "Du kannst mich an der Ecke rauslassen" ein größeres Publikum erreicht hat, als einer der Beteiligten es je zu träumen gewagt hatte, ist nicht nur die Erwartungshaltung beim Publikum gestiegen. Zumindest ein kleines Stück weit macht Frevert jetzt das, was andere an seiner Stelle auch tun würden: Er bedient die Erwartungen - und das nicht nur mit dem wirklich sehr rockstarigen Sternenhemd, das er im Gleis trägt.

Vielleicht auch deshalb ist das Gastspiel in Münster zwar sehr, sehr gut, muss aber trotz einer perfekt eingespielten vierköpfigen Band hinter ihm ohne die transzendenten Momente auskommen, die es früher praktisch bei jedem Frevert-Konzert gegeben hat. Im Mainset stehen die Songs der letzten drei Alben im Mittelpunkt, wir hören von Ufos, die auf dem Kirchentag landen, von katastrophalen Auftritten in Zürich ("Ich war letzte Woche für ein Solokonzert dort und es war wieder sehr ereignisreich", verrät Frevert und macht Lust auf einen potenziellen zweiten Teil des Liedes von der LP "Zettel auf dem Boden"), von verpassten Chancen im Leben und in der Liebe und von Baukran-Metaphern. Erst ganz am Ende geht es weiter zurück: "Wann kommst du vorbei", Freverts Hit für die Ewigkeit, beendet den regulären Teil, und bei der Zugabe gibt es sogar Songs zu hören, "die im Handel gar nicht mehr erhältlich sind", wie Frevert augenzwinkernd erklärt. Mit "Doppelgänger" und dem neu ins Set gerutschten "Tankstelle im Wald" gibt es dann auch wirklich zwei willkommene Raritäten von vorgestern und das - sorry für die Floskel, aber sie passt hier wirklich - schwer rockende "Seltsam öffne mich" entpuppt sich als heimliches Highlight des ganzen Konzerts, bevor Frevert mit dem feinen "Aufgewacht auf Sand" kurz vor Ende der Zugabe sogar noch einen Alleingang wagt.

Dass auf dem aktuellen Album "Paradies der ungeliebten Dinge" genauso wie beim Auftritt im Gleis Coverversionen fehlen, kommt sicher nicht von ungefähr. Selten gab es so viel Frevert an einem Abend - und damit meinen wir nicht nur die rekordverdächtigen 23 Songs, die die fünf Musiker an diesem Abend spielen. Udo Lindenberg, Nina Hagen, Hildegard Knef oder Herman Van Veen zu zitieren, hat er inzwischen nicht mehr nötig: Mehr als je zuvor klingt Frevert heute einfach nur noch nach Frevert.

Gleich mitgebracht nach Münster hat er übrigens auch ein "hauseigenes" Vorprogramm, schließlich ist er seit Jahren ein Förderer der Berliner Singer/Songwriterin Desiree Klaeukens, an deren Debütalbum "Wenn die Nacht den Tag verdeckt" auch praktisch seine komplette Band beteiligt ist. Im Gleis steht Klaeukens dennoch solo auf der Bühne, wirkt dabei aber noch mal ein Stück weit aufgeräumter als bei ihren Konzerten in diesem Frühjahr. Fast hat man das Gefühl, dass ihre betont Liwa'esken Ansagen inzwischen als Schutzwall dienen, um wenigsten ein bisschen Distanz zwischen das Publikum und ihre leisen, zerbrechlichen Songs zu legen, die allesamt sehr persönlich sind und wie ungefilterte Tagebucheinträge klingen. Damit geht ihr zwar etwas verloren. denn bei ihren frühen Auftritten war es gerade die Distanzlosigkeit, die bisweilen den besonderen Reiz ausmachte, im Rahmen eines Supportauftritts ist die veränderte Herangehensweise aber ideal - genauso wie die Spielzeit. In gerade einmal 24 Minuten macht sie den Münsteranern Lust auf mehr. Ein Singalong bei "Kompliziert" und lang anhaltenter Applaus am Ende sind der Lohn.

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Surfempfehlung:
www.nielsfrevert.net
de-de.facebook.com/nielsfrevert
www.klaeukens.de
de-de.facebook.com/pages/Desiree-Klaeukens/360490444965
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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