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Konzert-Bericht
 
Größer als die Scorpions mit David Hasselhoff

James Yorkston
The Lion And The Wolf

Duisburg, Steinbruch
09.01.2015
James Yorkston
Die letzte Deutschland-Tournee James Yorkstons liegt inzwischen rund zehn Jahre zurück, trotzdem hat der tiefenentspannte schottische Troubadour an diesem nasskalten Freitag im Januar keine Probleme, den Duisburger Steinbruch praktisch bis auf den letzten Platz zu füllen. Der Grund dafür ist ziemlich simpel: Wo immer der Mann aus der kleinen Ortschaft Cellardyke auch hinkommt, die guten Kritiken eilen ihm bereits voraus. "Folk-Kammermusik aus einer Gegend, in der kein Zynismus wohnt", schrieb der Rolling Stone, "Eine intime, unspektakulär-spektakuläre Folkplatte im Geiste Bernd Janschs, Bill Callahans und der Silver Jews. Lebensklug und wunderschön.", hieß es in Konkret, "Seine Songs sind ganz groß. (...) Mit seinem mittlerweile achten Studioalbum zeigt Yorkston sich auf der Höhe seiner Kunst", schrieb der Stern, und an dieser Stelle lobten wir selbst bei seiner aktuellen LP "The Cellardyke Recording And Wassailing Society" die "ganz eigene Auslegung gälischer Folk-Traditionen" und die "Fähigkeit, seine persönlichen Dämonen auf poetische Weise und durchaus auch mit stoischer Gelassenheit zu exerzieren".
Lion And The Wolf
Yorkstons heimlicher Trumpf ist bei alledem, dass er mit der Akustikgitarre in Händen zwar wie ein waschechter britischer Folkie aus den 60ern klingt, bei seinen augenzwinkernden Ansagen allerdings das Herz eines Punkrockes offenbart. Das unterscheidet ihn von Thomas George alias The Lion And The Wolf, der ebenfalls nur mit der Wandergitarre bewaffnet das Vorprogramm bestreitet. Das englische Bartgesicht, das unlängst seinen Job zugunsten der Musikerkarriere hingeworfen hat, macht bei seinem Auftritt zwar eine Menge richtig, unter dem Strich ist er aber ein bisschen zu nett, ein bisschen zu bieder, um wirklich zu begeistern. Seine Geschichten greift er dabei mitten aus dem Leben, ganz egal, ob er den Herzinfarkt seines Vaters thematisiert oder mehrere seiner Songs von Verflossenen handeln lässt, wenngleich er unterstreicht: "Ich klinge vielleicht wie der traurigste Mensch auf dem Planeten, aber der bin ich nicht!" Was bei aller Qualität ein wenig fehlt, ist das Besondere, das Spannende, das ihn aus der Masse ähnlich Inspirierter herausstechen ließe. Dennoch ist der Auftritt in Duisburg ein Erfolg für ihn. Besonders freut er sich auch über das unerwartet leise und aufmerksame Publikum, das es ihm ermöglicht, gleich mehrfach am Bühnenrand ohne Mikrofon zu singen. "Gestern in Unna war das noch ganz anders. Da waren ein paar Jungs im Publikum, die wohl gerade ihr erstes Bier überhaupt getrunken haben und selbst dann nicht aufgehört haben zu quasseln, als ich mich beim Singen neben sie gestellt habe", erinnert er sich lachend und verspricht, bald mit einer Band zurückzukommen, "falls ich noch ein paar andere Leute dazu überreden kann, ihre Jobs zu schmeißen."

Im Gegensatz zu Mister George, der seine Songs bisweilen fast etwas zu wortreich erklärt hat, sagt James Yorkston in der ersten halben Stunde kein Wort und lässt zwischen den Liedern oft noch nicht einmal Pausen für Applaus. Gleich zu Beginn gibt es stattdessen eine Lehrstunde im Einfangen des Publikums: Der Schotte tritt ans Mikro und singt das Traditional "Thar She Blows" leise und a cappella, und im Handumdrehen ist es so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Danach beginnt ein Reigen, der Yorkston durch praktisch all seine inzwischen acht Alben führt und bei aller Liebe für das folkige Kerngeschäft und für bisweilen schwarzhumorige Texte trotzdem nie eintönig wird, obwohl die Begleitung nur aus Akustikgitarre und vereinzelter Mundharmonika besteht. Geschickt variiert Yorkston Tempi und Themen, und irgendwann fängt er auch an zu sprechen. Zuerst tut er das noch etwas zaghaft, aber nachdem er gleich mit seinem ersten Satz ("Ich spreche kein Deutsch, deshalb habe ich zwischen den Songs nichts zu sagen.") die Lacher auf seiner Seite hat, will er danach fast gar nicht mehr aufhören zu reden. Mit ruhiger Stimme berichtet er von der deutschen Dame, die ihn am Morgen im Flieger nach Düsseldorf ob seiner Gitarre erst als Musiker identifiziert hatte, dann aber sehr enttäuscht war, dass er "nur" in Duisburg und "nur" vor 150 Leuten auftritt. "Da hab ihr gesagt, dass ich in Schottland ein Star bin", verrät er. "'Wie groß?' hat sie mich gefragt. 'So groß wie die Scorpions mit David Hasselhoff als Sänger!', habe ich geantwortet!" Später am Abend spielt er den "Blues For Doogie" und erzählt von seinem verstorbenen Freund und Bassisten Doogie Paul, der ihm mal ein Auto ruiniert hat, indem er gedankenlos kurzerhand ein geruchsintensives Curry ins Handschuhfach stopfte. "Die Karre war danach unverkäuflich, dabei hätte ich die Kohle gut gebrauchen könne, weil ich so pleite war", erinnert Yorkston sich, bevor er hinzufügt: "Jetzt, da ich so groß bin wie die Scorpions und David Hasselhoff, könnte ich mir natürlich jedes Auto kaufen, das ich haben will."

Außerdem erzählt er auch lang und breit von seinem Lieblingsauftritt in Deutschland, als er für die Hochzeitsband bei der Trauung von Franz Ferdinand-Gitarrist Nick McCarthy in Bayern engagiert war. "Franz Ferdinand sind auf dem gleichen Label wie ich. Ihre Verkäufe sind der Grund, dass ich Platten machen darf", sagt er bescheiden. Besonders im Gedächtnis haften blieb dabei nicht der Auftritt auf der Party selbst, sondern die Tatsache, dass er anschließend auf dem Land zwei Einheimische Unaussprechliches mit einer Kuh auf der Wiese tun sah. Eine Geschichte, die er für die Zartbesaiteten im Auditorium mit einer Warnung einleitet: "Wer das Wort 'ficken' nicht hören will, sollte sich jetzt besser die Ohren zuhalten", sagt er lässig. Sein Punkrock-Spirit und sein Faible für Sarkasmus kommen aber auch noch an anderer Stelle durch. Zum Beispiel, als er vor "You And Your Sister" von seine LSD-Erfahrungen mit 16 erzählt, die ihn in den Armen der großen Schwester seiner Freundin landen ließen, oder als er in brillanter Manier einen Schlenker zu den Merch-Verkäufen nach dem Konzert findet: "Als ich heute Morgen das Haus verlassen habe, hat meine kleine Tochter geweint und gefragt: 'Daddy, musst du heute wirklich nach Deutschland?' Ich antwortete: 'Ja, ich will versuchen, ein bisschen Geld zu verdienen, damit ich dir endlich Weihnachtsgeschenke kaufen kann!'", sagt er todernst und fügt ans Publikum gewandt hinzu: "Ihr müsst natürlich gleich trotzdem keine Platten kaufen!"

James Yorkston
Bei der "Zugabe" (die Bühne verlässt Yorkston zuvor nicht - nach 75 Minuten nippt er kurz an seinem Weinglas und sagt, dass jetzt die Zugabe startet) fasst er den Abend in einem aberwitzigen Improv-Song gewissermaßen noch einmal zusammen, lässt die Dame im Flugzeug noch einmal auftauchen, die Sodomisten in Bayern, macht Scherze über seinen angeblich zu langatmigen Auftritt, seinen viel zu warmen Schal und seine Kappe ("Has he not got any hair? / If he takes it off, I bet he is bare!") und kommt am Ende zu der Erkenntnis, dass er tags darauf in Frankfurt den Leuten sagen wird, dass er in Duisburg das beste Publikum überhaupt hatte - das alles wie gesagt in Songform und auf der Gitarre begleitet! Doch obwohl gerade die Albernheiten dem Konzert das gewisse Etwas verliehen haben, lässt Yorkston den Abend dann auf einer melancholischen Note ausklingen: "Us Late Travellers" ist das letzte Lied und lange anhaltender Applaus der verdiente Lohn.
Surfempfehlung:
www.jamesyorkston.co.uk
www.facebook.com/jamesyorkstonathletic
www.facebook.com/thelionandthewolf
thelionandthewolf.bandcamp.com
Text: -Simon Mahler-
Fotos: -Simon Mahler-

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