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Konzert-Bericht
 
Die reinste Zauberei

Waxahatchee

Brüssel, Botanique, Witloof Bar
31.01.2015
Waxahatchee
Bei Katie Crutchfield ist nur eines konstant: die Veränderung. Mit gerade einmal 25 Jahren blickt die sympathische Amerikanerin, geboren und aufgewachsen in Alabama, inzwischen zu Hause in York, bereits auf ein halbes Dutzend Alben zurück, von denen keins klingt wie das nächste. Mit ihrer alten Band P.S. Eliot widmete sie sich wunderbar lärmigem DIY-Punk, mit ihrem Seelenverwandten Keith Spencer betreibt sie das herrlich wilde Anything-goes-Projekt Great Thunder, und als Solistin hat sie unter dem Namen Waxahatchee innerhalb von knapp fünf Jahren eine beeindruckende Metamorphose vollzogen - vom Bedroom-Folkie ihres Debüts "American Weekend" über das vom 90s-Indierock inspirierte Breakthrough-Album "Cerulean Salt" bis hin zu ihrem im April erscheinenden neuen Volltreffer "Ivy Tripp", auf dem sie nicht nur ihre eigenen musikalischen Grenzen auslotet, sondern bei aller Variabilität auch weiterhin unverkennbar sie selbst ist. Andere Künstler schaffen es ihr ganzes Leben lang nicht, eine eigene musikalische Identität aufzubauen, Katie dagegen hat dieses Ziel längst erreicht. Das unterstreicht auch ihr zauberhaftes Konzert in Brüssel, bei dem sie alle Facetten ihres Schaffens abdeckt.
Waxahatchee
Die Witloof Bar in der belgischen Hauptstadt ist ein schummerig beleuchtetes kleines Kellergewölbe unter dem Botanique mit Backstein-Rundbögen und etwas deplatzierten Pfeilern direkt vor der Bühne, oder, um es mit anderen Worten zu sagen: der perfekte Ort für ein intimes Solokonzert von Waxahatchee. Ohne Supportact kommt Katie gegen zehn nach acht allein auf die Bühne, greift zu ihrer Stromgitarre und beginnt wortlos mit drei Liedern aus ihrem Erstling "American Weekend", denen live natürlich die Grobkörnigkeit der DIY-Aufnahmen der LP fehlt, die aber deshalb um so direkter auf die Herzen der Zuhörer zielen. Mit "Michel" sorgt sie dabei gleich für einen niederschmetternden Beginn. Der Song ist langsam, getragen, dunkel und tieftraurig. Kein Zweifel, dass wir hier einer Künstlerin lauschen, die in ihren Songs echte, tief empfundene Emotionen verarbeitet! Gleich danach spielt sie das herzzerreißende "Catfish" und sorgt mit der sparsamen Gitarrenbearbeitung dafür, dass alle Aufmerksamkeit auf die Worte gerichtet ist. Mit geschlossenen Augen singt sie von "Whiskey and Sam Cooke songs" und vom High-Sein in Portland, Oregon, und schon ist das Publikum mittendrin in dem Katerwochenende, das ihre erste Solo-LP inspiriert hat. Im folgenden "Grass Stain" ist die Protagonistin zwar davon überzeugt, "too young to be unhappy" zu sein, aber die Nirvana-Akkorde sprechen eine andere Sprache. Grunge meets Folk heißt es auch, als das Titellied von "American Weekend" auf dem Programm steht und Katie Kontakt zu ihrem inneren Kurt Cobain aufnimmt. Depressiv sind diese Lieder dennoch nicht. "Ich versuche stets, über sehr persönliche Dinge zu schreiben, gleichzeitig tue ich aber alles dafür, dass ich das mit einer gewissen Reserviertheit mache, um nicht in das weinerliche 'Mir geht's so dreckig'-Klischee zu verfallen", erklärte sie uns bereits vor zwei Jahren. "Ich sage dem Hörer: 'Hier gibt's eine wirklich traurige Geschichte - wie fühlst du dich, wenn du das hörst?'"

Obwohl sie an diesem Abend ohne Band auf der Bühne steht, ist das Programm musikalisch geradezu erstaunlich abwechslungsreich. So beschwört sie bei "Chapel Of Pines" von Great Thunder mit Crooner-Stimme altmodisches Country-Flair herauf, bevor auch das neue "Half Moon" dezent in Richtung Country deutet - und dabei ganz anders klingt als die Pianoversion auf "Ivy Tripp". Zur Hälfte der Show bittet sie ihre Zwillingsschwester Allison auf die Bühne, mit der sie einst bei P.S. Eliot spielte und die inzwischen als Frontfrau von Swearin‘ und als Solistin unterwegs ist. Zusammen bestreiten die zwei das neue "Under A Rock", in dem der 90s-Indierock einer Juliana Hatfield widerhallt, ohne dass die Nummer deshalb unoriginell oder gar wie abkupfert klänge, denn Katie hat eine viel zu eigene Art, Melodien zu schreiben. Selbst die Songs, die bei anderen Künstlern und Epochen andocken, bleiben so stets als Waxahatchee-Stücke erkennbar. Und erst dieser Harmoniegesang! Solche Perfektion erreichen wohl wirklich nur Geschwister! Unisono singen die beiden danach das umwerfende "Blue Part II" aus "Cerulean Salt" - bis sie genau zeitgleich den Text vergessen... "Das liegt daran, dass wir Zwillinge sind", sagt Katie danach lachend. "Das ist Zauberei!" Mehr nennenswerte Ansagen gibt es nicht, doch sie fehlen auch nicht, denn schließlich sprechen die Songs für sich.

Waxahatchee
Mit "Tangled Envisioning" und "Peace And Quiet" offenbart uns Katie im Anschluss ihre Liebe zu Kim Deal und den Breeders, bevor sie mit "I Think I Love You" ihr kurzes Set beendet, wie sie es begonnen hat: mit einem Song aus ihrem Debüt und großen Emotionen. Bei der Zugabe gewinnt sie dann noch schnell der Pianonummer "Nocculula" auf der Gitarre neue Seiten ab, und dann ist das wunderbare Konzert auch schon zu Ende. Es ist 20.57 Uhr. Gerade einmal 46 Minuten - zwei Mal "23 Minutes Over Brussels" gewissermaßen - hat Katie auf der Bühne gestanden und trotzdem alles richtig gemacht, denn schließlich sollte dieser Auftritt in erster Linie Lust machen auf die im Juni stattfindende Band-Tournee Waxahatchees. Hat funktioniert!
Surfempfehlung:
www.waxahatcheemusic.com
www.facebook.com/waxahatchee
en.wikipedia.org/wiki/Waxahatchee
Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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