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Konzert-Bericht
 
Pop und Politik, Kunst und Köpfchen

Laibach

Bochum, Zeche
15.02.2015

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Laibach
"Nach der Stille ist Musik die beste Möglichkeit, das Unausdrückbare auszudrücken" - davon sind Laibach überzeugt. Die musikalischen und visuellen Mittel haben sich inzwischen verändert, aber auch 35 Jahre nach seiner Gründung legt der musikalische Arm der Neuen Slowenischen Kunst (NSK) immer noch den Finger auf die Wunde. Das unterstreicht auch der ausgezeichnete Auftritt der slowenischen Industrial-Rock-Pioniere in der Bochumer Zeche, bei dem die hochaktuellen Tracks ihrer neuesten Platte "Spectre" im Mittelpunkt stehen und Laibach das explosive politische Klima in Griechenland und die zunehmenden rechten Tendenzen in vielen Teilen Europas thematisieren.
Anders als bei vielen früheren Auftritten setzen Laibach bei ihrem Gastspiel in Bochum nicht auf die Schockwirkung von totalitärer und faschistischer Symbolik und Ästhetik, sondern rücken stattdessen lieber ihre ironische, ja, humoristische Seite in den Vordergrund. So gibt es am Devotionalienstand nicht nur Platten, CDs und Shirts (auf einem steht augenzwinkernd "If you don't like our music, turn around for 360 degrees and go!"), sondern sogar Seife mit dem Laibach-Logo. Auf der Bühne findet diese Umorientierung ihre Fortsetzung mit aus dem Off eingespielten beißenden Ansagen à la "Ihr seid das beste Publikum, das wir je hatten" oder "Wir wollen eure Hände sehen", während die Musiker auf der Bühne zwischen den Liedern kein einziges Wort sagen, denn es ist ein Abend mit Aufführungscharakter.

Musikalisch ist der Auftritt in zwei Hälften aufgeteilt. Als die fünfköpfige Band um Frontmann Milan Fras um Punkt 20.00 Uhr auf die Bühne kommt, steht nach dem zehnminütigen Einstieg mit unveröffentlichtem Material aus der kommenden Theaterproduktion "The Dark Ages" erst einmal das praktisch komplett gespielte neue Album im Mittelpunkt, auf dem Laibach - Welten entfernt vom neo-klassischen, mit militärischen Ecken und Kanten versehenen Sound ihrer frühen Tage - auf mehr Eingängigkeit, ja fast auf einen Hauch von Pop setzen. Das Bindeglied zur Vergangenheit sind Fras' Militäroutfit und seine Grabesstimme, die nun aber immer öfter von Mina Špilers klassisch ausgebildeter Stimme abgelöst wird. Mit Gegensätzen spielen auch die Songs: Die durchaus ernst gemeinte Hommage an "The Whistleblowers" wartet mit einem gepfiffenen Refrain auf, in "Eurovision" trällern Laibach die Zeile "Europe Is Falling Apart" wie den Refrain eines Radio-Popsongs. Unterstützt wird die Performance wie immer mit Bildern, die hinter der Band auf die Leinwand geworfen werden, wenngleich auch hier die provokante Schärfe früherer Zeiten fehlt und die Projektionen so die Musik eher unterstützen als davon ablenken. Nach einer Dreiviertelstunde gibt es zehn Minuten Pause, die auf der Leinwand als Countdown heruntergezählt werden. Tatsächlich steht die Band nach genau zehn Minuten auch wieder auf der Bühne und die Stimme aus dem Off kündigt an: "And now for something completely different".

Besser kann man es nicht ausdrücken, denn wenngleich sich die Besetzung auf der Bühne natürlich nicht ändert - die Stimmung der Show ist im zweiten Teil eine vollkommen anderen. Nicht nur, dass bei den Projektionen nun wieder eine ganze Reihe provozierende Bilder auftauchen, auch musikalisch werfen uns Laibach in ein Wechselbad der Gefühle und mischen vollkommen umgekrempelte Coverversionen mit eigenen Hits. Zum Wiedereinstieg gibt es "Mach dir nichts daraus", 1944 popularisiert durch Marika Rökk im Film "Die Frau meiner Träume", das Špiler in einer ätherischen Version als Gedenknummer an den Aufstand im Warschauer Ghetto vor 70 Jahren ummünzt, bevor dann bei "We Are Millions And Millions Are One" alle Dämme brechen und das Tempo mit Tracks wie "B Mashina" vom "Iron Sky"-Soundtrack, "Alle gegen alle" von DAF, "Eat Liver", "Bossa Nova" und dem uminterpretierten Blues-Standard "See That My Grave Is Kept Clean" von Blind Lemon Jefferson weiter hochgehalten wird.

Bei den Zugaben darf dann natürlich auch "Tanz den Laibach" nicht fehlen, bevor der Abend mit der Queen-Adaption "Geburt einer Nation" seinen letzten Höhepunkt erreicht. "That's all folks" schallt es aus dem Off und das Publikum verlässt hocherfreut den Saal, denn auch nach 35 Jahren schaffen es Laibach immer noch mühelos, Pop und Politik, Kunst und Köpfchen so zu verbinden, dass ihre Konzerte gleichermaßen unterhalten und zum Nachdenken anregen. Chapeau!

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Surfempfehlung:
www.laibach.org
www.facebook.com/Laibach
de.wikipedia.org/wiki/Laibach_(Band)
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Simon Mahler-


 
 

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