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Konzert-Bericht
 
Spiele lieber ungewöhnlich!

Eliza Rickman
Stanley Roy/ Joschka

Wuppertal, BürgerBahnhof Vohwinkel
23.04.2015

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Eliza Rickman
"Außergewöhnlich" ist das Wort, das Eliza Rickman wohl am besten beschreibt. Denn auch wenn die 31-jährige Kalifornierin auf den ersten Blick nur eine weitere Musikerin ist, die Songs über all die Scheißkerle schreibt, die ihr das (Liebes-)Leben schwer machen, so ist sie als Performerin doch einzigartig. Nicht nur, dass sie ihre Lieder mit der Stimme einer Disney-Prinzessin singt, nein, mit Spielzeugklavier, Glockenspiel, Autoharp, Glöckchen und Ukulele sorgt sie dafür, dass ihre Lieder auch musikalisch stets märchenhaft klingen und typische Wandergitarren-Klischees des Singer/Songwriter-Genres weiträumig umschifft werden. Das heimelige Ambiente des Wuppertaler BürgerBahnhofs Vohwinkel, einer der schönsten Locations für Konzerte dieser Art weit und breit, bot der Amerikanerin an diesem frühlingshaften Donnerstagabend den perfekten Rahmen für einen Auftritt mit ernsthafter Musik und stets mit einem entzückenden Lachen erzählten Anekdoten aus ihrem Leben zwischen Licht und Dunkelheit, Romantik und Spiritualität. Dass die Bühne mit ausgestopften Füchsen dekoriert war, beeindruckte Eliza besonders. "Was soll ich sagen? Ich mag tote Tiere", meinte sie kichernd.
Eröffnet wurde der Abend von Marek Forreiter alias Joschka aus Wuppertal. Dass sich der junge Mann früher mit seiner Band Empty Escape im Umfeld von Emo und Alternative Rock tummelte, hörte man ihm auf der Bühne des BürgerBahnhofs allerdings kaum noch an. Nur mit einer Akustikgitarre bewaffnet, verband er stattdessen Singer/Songwriter-Tugenden mit Pop-Appeal und punktete, passend zum Text der ersten Nummer, mit einer schüchternen kleinen Tanzeinlage mitten im Song.

Weit weniger introvertiert präsentierte sich im Anschluss Elizas Tourbegleiter Stanley Roy, der mit seiner schillernden Performance nicht lange brauchte, um das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Mehr als eine Ukulele brauchte der Mann aus New Orleans nicht, um seine Showtunes zum Besten zu geben. Die Musical-Theatralik, die dabei oft mitschwang, passte derweil perfekt zu seinem aufgedonnerten Äußeren (im Englischen gibt es den treffenden Ausdruck "camp" dafür) und zu Songs wie dem großartigen Britney-Spears-Cover "Circus", während er in seinen eigenen Stücken von Fantasie-Kameraden ("Imaginary Friend") und wahrer Liebe unter der Discokugel ("Disco Lights") sang und dabei das gesamte Spektrum von albern bis herzergreifend abdeckte. "Versatile" war nicht nur der Titel der vielleicht besten Nummer seines kurzen Sets, vielseitig war auch der ganze Auftritt. Eine Zugabe - dem Vernehmen nach seine erste - war am Ende der verdiente Lohn.

Eliza Rickman ist derzeit zum ersten Mal in Europa unterwegs. Eine Newcomerin im eigentlichen Sinne ist die Amerikanerin allerdings nicht. Vor drei Jahren erschien ihr bislang einziges Album, "O, You Sinners", und gut viereinhalb Jahre lang tourte die etwas andere Singer/Songwriterin ohne festen Wohnsitz ganz allein in ihrem Toyota Prius kreuz und quer durch die Staaten, um mit ihrem Urban Folk in allen möglichen und unmöglichen Venues aufzutreten. Das Selbstbewusstsein, das sie dabei getankt hat, strahlte sie auch in Wuppertal vom ersten Moment an aus. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre ungewöhnlich arrangierten Lieder präsentierte, beeindruckte dabei besonders. So hängte sie an die auf der Autoharp gespielte Eröffnungsnummer "Fools Rush In" einfach ein Spieluhr-Outro an, als sei es das Normalste der Welt, oder erzeugte bei einem hinreißenden Cover von "Moon River" eine unwirkliche Atmosphäre, indem sie die Metallstäbe ihres Glockenspiels kurzerhand mit dem Geigenbogen spielte. Für "Devil's Flesh And Bones" dagegen gab ein Metronom den Beat vor, während das rosafarbene Spielzeugklavier, das so etwas wie ihr heimliches Markenzeichen ist, nur bei wenigen Stücken wie dem Ohrwurm "Start With Goodbye, Stop With Hello" zum Einsatz kam. Eine kluge Wahl, denn so lustig der Einsatz des Kinderzimmer-Instruments auch ist - das eindimensionale Plink-Plonk will gut dosiert sein.

Neben den Stücken aus ihrem ersten Album stellte Eliza im BürgerBahnhof auch ihre Kollaboration mit Amanda Palmer-Intimus Jason Webley ausführlich vor: Das hinreißende "Lark Of My Heart" stammt aus dem CD-plus-Buch-Projekt "Margaret", mit dem Jason, Eliza und eine Reihe weiterer Musiker das Werk der US-Schriftstellerin Margaret Rucker vor dem Vergessen bewahren wollen, und ganz am Ende des Mainsets gab es auch noch zwei Ausblicke auf ihr in Bälde erscheinendes neues Album. Für "Only For Today" brauchte sie nicht mehr als ein halbes Dutzend Glöckchen, um den Song zum Klingen zu bringen, bevor sie den elegischen Walzer "Waiting Around Again" auf der Ukulele präsentierte - Resultat einer erfolgreichen Songwriting-Challenge Jasons, der Eliza dazu aufgefordert hatte, abseits der bewährten Wege nach neuen Herausforderungen zu suchen. Ein Experiment, das ohne Zweifel geglückt ist!

Die erste Zugabe bestritt Eliza dann gemeinsam mit Stanley und bewies, dass sie trotz einer musikalischen Nähe zu Kate Bush und Leslie Feist auch ein echter Pop-Fan ist. Kopfüber stürzten sich die zwei in Katy Perrys "Dark Horse" - und hatten sichtbar Spaß dabei! Die Nummer hatte zudem noch Symbolcharakter: Zum ersten Mal haben die zwei das Stück am Tag ihres Kennenlernens in einer Karaoke-Bar in Austin, Texas, gesungen...

Das war allerdings längst nicht das einzige Detail aus ihrem Leben, dass Eliza an diesem Abend preisgab. Zwischen den Liedern erzählte die Pastorentochter immer wieder ausschweifende Geschichten aus ihrem Alltag und von ihren unglücklichen Liebschaften, üblicherweise eingeleitet mit: "Das hat jetzt rein gar nichts mit dem nächsten Song zu tun." Dabei gab sie unumwunden zu, dass sie sich mangels eigenen Apartments zwischen den Tourneen bei ihren Eltern in San Diego verkriecht - "ein völlig normales Arrangement für eine 31-jährige Frau", wie sie lachend erklärte. Im gleichen Atemzug verriet sie auch, dass sie vermeidet, Presse- und Online-Berichte über sich selbst zu lesen, aber: "Meine Mom findet ALLES!" Also las ihre Mutter auch die YouTube-Kommentare zu ihrem heimlichen Hit "Pretty Little Head", kam danach ohne Vorwarnung in Elizas Zimmer und fragte: "Sag mal, geht es in dem Sing um Sex?" Der peinliche Moment gab Eliza in Wuppertal die Steilvorlage für den augenzwinkernden Hinweis auf die nach der Show käuflich zu erwerbenden Devotionalien: "Kauft um Gottes Willen bitte nach dem Konzert mein Merchandise, damit ich nicht mehr bei meinen Eltern wohnen muss."

Unterhaltsam, abwechslungsreich und ungewöhnlich - an diesem feinen Konzertabend war Eliza Rickman all das!

Eliza Rockman & Stanley Roy
NACHGEHAKT BEI: ELIZA RICKMAN & STANLEY ROY

Eliza Rickman und Stanley Roy haben noch viel vor in diesem Jahr: Eliza wird im Sommer ein Album mit Coverversionen von Klassikern wie "Moon River", "Ring OF Fire" oder "Brand New Key" veröffentlichen, bevor im Herbst ihr zusammen mit Jason Webley produziertes zweites Album mit eigenen Stücken erscheinen soll. Stanley dagegen schiebt gerade eine Crowdfunding-Kampagne via gofundme.com an, damit seiner just veröffentlichten ersten EP schon bald ein ganzes Album, Videos und eine US-Tournee folgen können. Nach dem Konzert in Wuppertal hatten die zwei gut gelaunten Amerikaner spontan Zeit für einige improvisierte Fragen zur ihrer ersten Gastspielreise in Europa.

GL.de: Eliza, du hast diese erste Europatournee selbst geplant und gebucht. Wie kam es dazu?

Eliza Rickman: Die befreundeten Musiker in meinem Umfeld, die weltweit auftreten, meinten schon seit Jahren, dass ich meine Zeit vergeude, wenn ich so viele Shows in den USA spiele, und ich über den Tellerrand schauen sollte. Sie sagten mir auch, dass die Garantiegagen, insbesondere für einen schrägen weiblichen Solo-Act, in Europa höher sind als in den Staaten - und das hat sich auch bestätigt. Außerdem kümmern sich die Veranstalter hier in Europa viel besser um die Künstler, als das für gewöhnlich in den USA der Fall ist. Heute zum Beispiel sind wir in einem entzückenden kleinen Hotel untergebracht und das Essen war auch großartig - und das war bislang bei allen Konzerten der Fall.

GL.de: Stanley, was waren deine Erwartungen, bevor du letzte Woche in den Flieger gestiegen bist?

Stanley Roy: Ich hätte erwartet, mich in Europa viel dümmer zu fühlen. Ich hätte gedacht, dass ich viel mehr auf verlorenem Posten stehen und nicht verstanden werden würde. Dies ist meine erste offizielle Tournee überhaupt, und deshalb schwingt da schon ein bisschen Unsicherheit, dieses "Werden sie mich mögen?" mit. Ich kann aber jetzt schon sagen, dass meine Erwartungen in jeder Hinsicht weit übertroffen worden sind!

GL.de: Für einen unangekündigten Supportact hast du in der Tat heute ganz schön abgeräumt!

Stanley Roy: Auf jeden Fall! Ich arbeite an meiner Kunst nun schon ziemlich lange, und ich weiß, dass ich gut bin, aber trotzdem ist hier alles neu für mich.

Eliza Rickman: Wir waren beide vorher noch nie in Europa und hätten beide erwartet, dass wir uns mehr fehl am Platze fühlen würden, aber wir sind sehr beeindruckt von den Deutschen und ihren guten Englischkenntnissen.

GL.de: Auf dieser Tournee spielt ihr teils in Läden, über die ihr vorher nichts wusstet, teils aber auch in Venues, die euch explizit empfohlen wurden. Hast du beim Booking darauf geachtet, dass alle paar Tage eine "Nummer-sicher-Location" dabei ist, damit sich etwaige Enttäuschungen nicht häufen?

Eliza Rickman: Ja. Meine Freundin Zoe Boekbinder war dabei eine große Hilfe. Sie hat eine Tabelle zusammengestellt mit all den Venues in Europa, in denen sie aufgetreten ist. Dort hat sie nicht nur die Orte und Kontakte aufgelistet, sondern die Locations auch bewertet. So wusste ich zum Beispiel, welche ich besser meiden sollte. In der Tabelle waren auch eine Menge Hauskonzerte aufgeführt, und denen habe ich Priorität eingeräumt, als ich die Tour gebucht habe. Kneipenauftritte versuche ich dagegen zu vermeiden.

GL.de: Was magst du besonders an Hauskonzerten?

Eliza Rickman: Nun, zum einen ist die Bezahlung einfach besser. Noch wichtiger ist allerdings, dass Hauskonzerte genau die richtige Hörumgebung haben für das, was wir tun. Ich kann es nicht ausstehen, wenn ich nur die Hintergrundmusik bin!

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Surfempfehlung:
elizarickman.com
www.facebook.com/elizarickman
elizarickman.bandcamp.com
www.facebook.com/stanley.r.williamson
stanleyroy.bandcamp.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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