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Konzert-Bericht
 
Der Nebel der 70er

Ryley Walker

Köln, King Georg
04.05.2015
Ryley Walker
Ryley Walker fühlt sich wohl in der musikalischen Vergangenheit. Schon vor dem Konzert erzählt er Gaesteliste.de auf dem Gehsteig vor dem King Georg mit leuchtenden Augen von seinen Lieblingsbands aus Deutschland, von Can, Amon Düül oder Popol Vuh - Bands, die vor 40, 45 Jahren ihre Blütezeit hatten. Auch mit seiner eigenen Musik taucht der amerikanische Gitarrist und Sänger ganz tief ein in die Vergangenheit. Auf seinem feinen aktuellen Album "Primrose Green" ist er am liebsten an der Schnittstelle von Folk und Psychedelik unterwegs und unterstreicht in Köln auch ohne die auf der Platte so präsente Band mit seinem ausgezeichneten 80-minütigen Auftritt - dem allerletzten seiner aktuellen Europatournee -, wie zeitlos die Ideen von Künstlern wie Nick Drake, Tim Buckley und Bert Jansch sind, die allesamt in seinen Songs widerhallen.
Ryley Walker
Um das andächtig lauschende Publikum an diesem Montagabend auf eine Reise in die 70er-Jahre mitzunehmen, braucht Walker manchmal noch nicht einmal seine emotionale Stimme. Allein mit seinen ungemein variablen Fähigkeiten auf der Akustikgitarre kreiert der Fingerpicking-Meister immer wieder eine unwirklich vernebelte Stimmung, der sich in der kleinen, schummerigen Bar am Ebertplatz - genau der richtige Ort für diese Art von Musik übrigens - niemand entziehen kann. Besonders beeindruckend ist dabei vor allem der "Griffith Buck's Blues", der sich zwischen schroff und zart, laut und leise seinen Weg bahnt. Die Musik nimmt dabei offenbar den Künstler genauso gefangen wie das Publikum. Gleich mehrfach legt Walker gedankenverloren beim Spielen sein Kinn auf die Gitarre, als gäbe es die Zuschauer um ihn herum gar nicht.

Der herbstlichen Melancholie, die zumindest unterschwellig in vielen seiner Lieder auftaucht - herausragend dabei: "Hide In The Roses" -, stellt er immer wieder launige Ansagen gegenüber. So bedankt er sich überschwänglich beim Kölner Publikum ("Köln war die erste Stadt, die ich in Deutschland besucht habe, und ich komme immer wieder gerne her"), erzählt begeistert von einer Pychedelic-Dance-Party in der Domstadt, die bis 5.00 Uhr nachmittags des nächsten Tages gedauert habe, und lädt kurzerhand das versammelte Auditorium zu sich nach Chicago ein. "Ihr könnt auf der Couch schlafen", sagt er, bevor ihm einfällt, dass er ja gar keine eigene Bleibe hat, sondern selbst nur bei Freunden auf dem Sofa nächtigt. "Ich schlafe dann auf dem Boden und ihr könnt die Couch haben!", fügt er lachend hinzu.

Ryley Walker
Auch sehr nett: Als er die Geduld des Publikums testet, weil er vor seiner mitreißenden Version des Traditionals "Cocaine" minutenlang für das Umstimmen seiner Gitarre braucht, bricht er die Spannung mit einem trockenen: "Das ist mein Avantgarde-Set. Ich stimme eine Stunde lang die Gitarre, bis ihr verstört den Laden verlasst! Dafür kriege ich jährlich 30.000 Dollar von der US-Regierung - persönlich abgesegnet von Barack Obama!" Erst als es ihm dann selbst irgendwann mit der Stimmerei zu viel wird, gesteht er: "Das Stimmen ist auch für mich der Teil der Show, den ich am wenigsten mag!" Zur Mitte des Auftritts spielt er zudem eine instrumentale Nummer, bei er sich nicht daran erinnern kann, sie geschrieben zu haben. "Sie fühlt sich ein bisschen an wie ein uneheliches Kind", sagt er augenzwinkernd. Weil er "immer noch auf das Budget achten muss", hat er auch nur einen Tonabnehmer dabei und zückt kurz vor Ende des Hauptprogramms seelenruhig einen Schraubenzieher, um den Abnehmer aus der sechssaitigen Gitarre aus- und in die zwölfsaitige einzubauen.

Weil es der letzte Abend seiner vierwöchigen Gastspielreise in Europa ist, gibt es auch einige besondere Stücke zu hören. So spielt er John Martyns "Going Home" ("Sorry wegen des Klischees!"), und als letzte Zugabe gewinnt er sogar dem eigentlich längst totgecoverten "If I Were A Carpenter" von Tim Hardin noch neue Seiten ab. Sein Talent, die musikalische Vergangenheit für die Gegenwart spannend zu adaptieren, hat er allerdings den gesamten Abend über eindrücklich bewiesen.

Surfempfehlung:
www.ryleywalker.com
www.facebook.com/pages/Ryley-Walker/1405815259669307
deadoceans.com/artist.php?name=walkerryley
Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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