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Björn Kleinhenz

Oberhausen, AKA 103
08.05.2015

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Björn Kleinhenz
"Das hat ja Spaß gemacht", sagte Björn Kleinhenz nach seinem Konzert im Kölner Weltempfänger. Zwei Tage später, beim Tourabschluss in Oberhausen, muss der schwedische Singer/Songwriter das gar nicht erst betonen, denn die Freude über den Auftritt steht ihm ins Gesicht geschrieben. Auch wenn eine Reihe der vorwiegend neuen Lieder, die er an diesem Abend zusammen mit seinen drei Mitstreitern spielt, einen traurigen Hintergrund haben - dem Spaß an der eigenen Musik steht das nicht im Wege.
Entstanden unter dem Eindruck des Freitods eines befreundeten Musikers, der ursprünglich als Gitarrist für Björns neues Quartett im Gespräch war, stammt der Großteil der an diesem Abend gespielten Lieder aus der just veröffentlichten EP "Battles Long Lost" und der im September erscheinenden neuen LP "Ursa Minor". Doch während ein Solokonzert mit diesen Songs schnell ein Runterbringer hätte werden können, akzentuiert die Band in bester "Tonight's The Night"-Manier die Emotionen der Texte an den genau richtigen Stellen. Schlagzeuger Max Sjöholm kombiniert einen straighten Groove mit Freigeistigkeit, Gitarrist Oscar Brask sorgt für einen amtlichen Lärmpegel und Björns Bruder Christian am Bass hält mit Seelenruhe alles zusammen, während Björn sichtbar Freude daran hat, sich im Bandgefüge seine Nischen zu suchen – als Sänger und als Instrumentalist auf seiner selbst gebauten rechteckigen Bo Diddley-Gedächtnisgitarre.

Das Zusammenspiel ist geprägt von herrlicher Lockerheit, teils absichtlich, teils der Tatsache geschuldet, dass die Herren erst seit Kurzem gemeinsam spielen (und außerdem noch der etatmäßige Keyboarder pünktlich zum Tourstart krankheitsbedingt ausfiel). Doch das passt ganz ausgezeichnet zu der Gefühlswelt der neuen Songs, selbst wenn sie nicht so offensichtlich wie das frühe Highlight "Jump" vom Tod des Freundes handeln. Dagegen hat Björn bei seinen Ansagen mehr als einmal die Lacher auf seiner Seite, etwa, wenn er sich in gleichermaßen gutem wie niedlichem Deutsch über das Publikum tags zuvor in Aachen mokiert: "Das Autonome Zentrum hat Jubiläum gefeiert - da gab es schreckliche Electromusik und Jugendliche und solche Sachen!", verrät er, "22-jährige Studenten, die keine Ahnung von irgendwas haben!" Neben vielen brandneuen Songs gibt es auch einige ältere Stücke in neuen, völlig umgekrempelten Versionen zu hören. Ausgerechnet "Lake Trouble", auf Platte eine Solo-Akustik-Nummer, entpuppt sich so in Oberhausen urgewaltig als lautestes Lied des gesamten Konzerts, bevor mit "Salty Leg" der offizielle Teil nach kaum mehr als 45 Minuten bereits vorüber ist.

Anders als in Köln 48 Stunden zuvor, als es nur eine einzige Zugabe in Quartettbesetzung gab, hängt Björn in der Heimatstadt seines Labels Jellyfant noch eine Reihe improvisierter Lieder im Alleingang dran. "Ich habe gar nicht so viele Solosongs vorbereitet", warnt er das Publikum vor. "Deshalb kommen jetzt einfach welche, die ich sonst nie spiele", wie etwa das auf einer Autofahrt entstandene, von Raymond Carver inspirierte "Raymond" und inbrünstige Coverversionen von Gillian Welchs "One More Dollar" und Guy Clarks "L.A. Freeway". Einmal aufs Americana-Terrain zurückgekehrt, gibt es auch noch eine letzte Nummer mit seinen Mitstreitern, eine wunderbar raue Version von The Bands "The Weight", bei dem sich Björn lachend das Mikro mit seinem Bruder teilt. Die pure Spielfreude, die nicht nur bei diesem Stück, sondern den ganzen Abend über geradezu greifbar ist, macht das Fazit leicht: Schön wars gewesen!

Björn Kleinhenz
NACHGEHAKT BEI: BJÖRN KLEINHENZ

Nach Björns Auftritt in Oberhausen hatten wir noch kurz Gelegenheit, mit dem Schweden über seine Rückkehr zum Bandsound, über die Unterschiede zu seinem Schaffen als Solist und über ganz besondere Lieblingsmenschen unter seinen neuen Mitstreitern zu sprechen.

GL.de: Im September veröffentlichst du ein neues Album namens "Ursa Minor", doch vorab gibt es nun erst einmal die hier bei Gaesteliste.de zur Platte der Woche gekürte EP "Battles Long Lost", die eigentlich erst nach dem Album entstanden ist. Wie kam es dazu?

Björn Kleinhenz: Das Album hatte ich schon ziemlich lange fertig geschrieben. Im Frühling haben wir dann entschieden, dass es eine Band-Platte werden sollte, und dann habe ich noch ein paar weitere Stücke geschrieben, wie das oft der Fall ist, wenn man eine neue Phase anfängt. Dann haben wir aber gemerkt, dass wir es nicht schaffen, die Platte im Frühling für diese Tour rauszubringen. Weil die Konzerte aber schon gebucht waren, haben wir entschieden, die EP zu machen, da ich in der Zwischenzeit schon wieder eine Menge neuer Lieder geschrieben hatte.

GL.de: Hattest du den Gedanken einer Band-Platte schon länger im Kopf oder war das eine eher spontane Idee?

Björn Kleinhenz: Ich wollte das immer schon machen, aber ich bin in den letzten Jahren viel umgezogen in Schweden und habe mal hier ein halbes Jahr und mal dort ein halbes Jahr gelebt. Dann bin ich auf die Idee gekommen, dass ich mir eine Band in einer Stadt suchen könnte, in die ich dann zum Proben fahren könnte.

GL.de: Wo siehst du den größten Unterschied zwischen deinen Solokonzerten und den Auftritten mit der Band?

Björn Kleinhenz: Der Rahmen ist viel enger gesteckt. Mein Fenster für das Improvisieren ist in der Band viel kleiner. Wenn ich alleine spiele, ist es ja unendlich. Das heißt auch, dass ich - wenn ich das selbst sagen darf - richtig hervorragende Solokonzerte spiele, aber auch solche, bei denen es mir fast peinlich ist, dass die Leute Geld dafür gezahlt haben. Ich mag es, dass ich nie weiß, was auf der Bühne mit mir passiert. Mit der Band ist gerade noch alles ganz neu. Erst bei den letzten drei, vier Konzerten konnte ich mich etwas zurücklehnen. Aber wenn der Rahmen einmal fertig ist, ist das eine sehr coole Freiheit - dass man feste Elemente hat, innerhalb derer man sich dann frei bewegen kann. Trotzdem habe ich nicht die hundertprozentige Verantwortung für die Durchführung.

GL.de: Wie hast du deine Mitstreiter ausgesucht? War es wichtiger, dass ihr menschlich gut zusammenpasst, weil ihr stundenlang zusammen im Bus hockt, oder sollten es zunächst einmal ausgezeichnete Musiker sein?

Björn Kleinhenz: In erster Linie ist es wirklich so, dass ich die Leute menschlich toll finde. Mein Zwillingsbruder Christian zum Beispiel ist einer meiner Lieblingsmenschen. Er ist eigentlich Bibliothekar und gar kein Bassist. Trotzdem ist es natürlich auch wichtig, dass man eine gemeinsame musikalische Sprache, einen gemeinsamen Kanon hat, sodass wir zum Beispiel ein Stück von The Band einfach spielen können, weil alle es kennen.

GL.de: Letzte Frage: Was macht dich als Musiker im Moment am glücklichsten?

Björn Kleinhenz: Ganz ehrlich? Dass ich hier sein darf, dass ich diese Reise unternehmen darf zusammen mit den Jungs, die sich dafür extra bei ihren Jobs freigenommen haben - und dass ich kein Geld damit verliere (lacht)!

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Surfempfehlung:
www.kleinhenz.se
www.facebook.com/bjornkleinhenz
bjornkleinhenz.bandcamp.com
jellyfant.wordpress.com/artists/bjorn-kleinhenz/
Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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