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Konzert-Bericht
 
Gewonnen in der Nachspielzeit

Bernd Begemann

Essen, Grend
19.09.2015

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Bernd Begemann
Wäre dieses Konzert ein Fußballspiel gewesen, hätte nachher sicherlich jemand die Floskel bemüht, dass wir ein Spiel mit zwei komplett verschiedenen Halbzeiten gesehen hätten. Der einzige Unterschied: Beim inzwischen 15. Gastspiel von Bernd Begemann im Essener Grend in ebenso vielen Jahren saß niemand auf der Ersatzbank, der hätte neu ins Spiel kommen können, und trotzdem wirkte der elektrische Liedermacher aus Hamburg - dieses Mal unrasiert und ohne seine Band die Befreiung ins Ruhrgebiet gekommen - nach der obligatorischen Pause wie ausgewechselt. In der 2. Halbzeit lieferte er eine seiner komprimiertesten, stärksten Vorstellungen in Essen seit Jahren ab.
Danach hatte es zunächst allerdings gar nicht ausgesehen. Zu Beginn seines Auftritts wirkte Begemann erstaunlich konzeptlos. Gleich mehrfach brachte er Songs nicht zu Ende, wechselte hin und her zwischen alten Klassikern und unveröffentlichten Liedern aus dem im Dezember erscheinenden neuen Doppel-Album "Eine kurze Liste mit Forderungen" wie "Liebling, wir haben größere Probleme als uns" oder "Mein Powertier ist ein Gnu", bemühte Stromgitarre, Percussioninstrumente und Effektgeräte und wurde trotzdem nicht glücklich dabei. Zugegeben, das Publikum machte es ihm anfangs auch wirklich nicht leicht, allerdings gab es in der ersten Hälfte auch herzlich wenig, ob dessen man amüsiert oder begeistert hätte sein können. Selbst das ansonsten todsichere Highlight "Die Slums von Eppendorf" (samt "Mitleid mit den Dummen" im Mittelteil) verpuffte vollkommen wirkungslos, und auch das erstaunlich schnell abgehakte "Fernsehen mit deiner Schwester" war dieses Mal kaum mehr als eine Pflichtaufgabe. Erst ganz am Ende schien sich das Blatt mit "Verhaftet wegen sexy" zu wenden, doch dann riss - symptomatisch für die ersten 45 Minuten - die A-Seite an Begemanns Gitarre und sorgte für ein vorzeitiges Ende des ersten Durchgangs.

Offenbar war auch Begemann klar, dass er zu diesem Zeitpunkt haushoch in Rückstand war, doch irgendwie gelang es ihm, nach dem Pausentee den Hebel umzulegen. Die folgenden 90 Minuten (inklusive Nachspielzeit und Verlängerung) waren die intensivsten, die wir von Begemann seit Langem gesehen haben. Größtenteils verzichtete er sogar darauf, sich zwischen den Songs beklatschen zu lassen, verschob nach dem letzten Akkord eines jeden Liedes nur kurz den Kapodaster am Hals seiner Gitarre und machte nahtlos weiter. Auf dem Zettel hatte er dabei praktisch nur Hits, alte wie neue: "Ich habe nichts erreicht außer dir", "Bist du dabei", "Deutsche Hymne ohne Refrain", "Sie fuhr einen lila Twingo" und, und, und. Dabei entpuppten sich gerade die neuen Lieder, die auf dem Papier gar nicht so verheißungsvoll geklungen hatten, etwa "Mehr als Erfolg (brauche ich das Gefühl, euch weiterhin alle Scheiße finden zu dürfen)" oder "Unoptimiert", als echte Powernummern, die in ihren mitreißenden Soloversionen Vorfreude auf die Bandfassungen des kommenden Albums schürten, und beim großartigen "St. Pauli hat uns ausgespuckt" hatte man fast das Gefühl, der Mann aus Hamburg hätte das Rad der Zeit zurückgedreht und wäre plötzlich wieder zu "Rezession, Baby"-Zeiten unterwegs.

In den wenigen Atempausen fand Begemann dann auch als Entertainer zu alten Stärken zurück, machte aus der feinen neuen Nummer "Rialto" kurzerhand ein Kinoquiz, um einen seiner neuesten Merchandiseakrtikel zu verlosen: Nachdem ihm seine mehrseitige, handgeschriebene Setlist mit Hunderten von Songs früher immer mal wieder von der Bühne geklaut worden war und von ihm mühsam ersetzt werden musste, verkaufte er nun DIN-A1-Kopien des begehrten Schriftstücks… Glückliche Käufer bekamen Autogramme und Widmungen mit Goldlackstift noch gratis obendrauf, der Quizgewinner dagegen musste sich mit einer Signatur in Silber begnügen. Im ausführlichen Werbeblock für den neuesten Fanartikel wurden dann übrigens auch einige der obskursten Einträge auf der Liste à la "Rambo III im Autokino mit Jochen Distelmeyer" angespielt.

Das Ende des Auftritts wurde dann einmal mehr zum Wunschkonzert umgewandelt, bei dem es sogar eine Speed-Metal-Version von "Kelly Family Feeling" zu hören gab. Doch auch wenn Begemann bei der Zugabe dann wieder etwas quengelig wurde und den Eindruck vermittelte, er könne gar nicht schnell genug von der Bühne runterkommen, wurden aus einem einzigen versprochenen Zugabensong dann immerhin vier: Nach dem mitreißenden "Unsere Liebe ist ein Aufstand" hätte mit dem neuen "Brauch dich so" eigentlich Schluss sein können, doch ganz am Ende gewährte Begemann noch einmal einen letzten Blick auf seine Inspirationen und beendete den Abend mit seiner emotionalen Version von "Bring It On Home To Me" (im Sam-Cooke-Gedächtnisarrangement) - Spiel doch noch gewonnen! Am Ende ging der knappe Sieg wegen der engagierten 2. Halbzeit durchaus in Ordnung.

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Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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