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Konzert-Bericht
 
The road goes on forever

Ken Stringfellow

Europa Tour 2001

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Ken Stringfellow
Ken Stringfellow hatte gute Laune. Zwei Tage nach seinem 33. Geburtstag, den er in Skandinavien mit so viel Alkohol gefeiert hatte, daß ein Normalsterblicher eine stationäre Behandlung benötigt hätte, war er bei seinem einzigen Konzert in Holland noch nicht einmal der Headliner, trotzdem waren erstaunlich viele Freunde und Bekannte Kens in die Amsterdamer Vorstadt gekommen, um den viel beschäftigten Musiker von den Posies, Minus 5, Big Star und R.E.M. auf seiner allerersten Europa-Solo-Tournee zu erleben.
Haarlem, Patronaat, 01.11.2001

Gerade mal eine halbe Stunde durfte Ken zwischen der ausgezeichneten Supportband Suimasen, die erschreckend nah an den Sound von Pavement zu Glanzzeiten herankam, und dem leider äußert langweiligen holländischen Mainact Incense auf die Bühne, doch gleich der Opener "Your Love Won't Be Denied", bei dem Ken demonstrierte, daß man ein Keyboard sehr wohl an einen Verzerrer-Effekt anschließen kann, unterstrich eindrucksvoll, wie überragend vor allem seine Stimme an einem guten Tag klingen kann. Zwei Monate zuvor hatte er in London seine Leistung beim offiziellen Release-Konzert für sein ausgezeichnetes zweites Solo-Album "Touched" bei der "60% Marke" eingeordnet, und auch wenn die Show damals schon äußerst beeindruckend gewesen war, der Auftritt in Haarlem war um Längen besser, nicht nur beim unfaßbar gut gesungenen "This One's On You". Trotzdem gelang es ihm zunächst nicht, mit seinem gestrafften Programm und einem fast unerhört guten Soundmix das Publikum ganz nach vorne zu locken. Langweilige Sprüche à la "Kommt doch bitte näher" aber sind Kens Sache nicht, und so sang er, nachdem er das Keyboard inzwischen gegen eine Stromgitarre eingetauscht hatte, "One Morning" kurzerhand ohne Mikro! Und siehe da, auf einmal herrschte lebhaftes Gedränge auch in Reihe eins. Und selbst auf der Bühne wurde es noch richtig voll, denn für den letzten Song "Here's To The Future" lud Ken das Publikum einfach ein, doch auf der Bühne Platz zu nehmen - nach knapp 15 Jahren in Bands ist Ken das Solo-Auftreten offensichtlich noch nicht ganz geheuer. Und auch nach der Show bewies Ken Volksnähe, indem er sich nicht hinter dem Merchandise-Tisch der beiden anderen Bands verschanzte, sondern sein Album mitten im Raum stehend an den Mann, bzw. bevorzugt die Frau brachte. Daß sich nach getaner Arbeit die Aftershowparty noch auf Kens Hotelzimmer fortsetzte, war zwar keineswegs ungewöhnlich für den Mann, dessen Motto gut und gerne "Wein, Weib und Gesang" lauten könnte, hatte aber in Holland eigentlich wesentlich pragmatischere Gründe: Als Ein-Mann-Show konnte Ken schlicht und ergreifend nicht seinen kompletten Kram alleine vom Club ins Hotel schaffen! Daß sich Ken - eigentlich Nichtraucher und auch sonst den zu inhalierenden Substanzen nicht unbedingt zugetan - zum Abschluß des Abends noch eine Tüte gönnte - schließlich war es sein einziger Tourstop in Holland! - sollte am nächsten Tag noch für einige Belustigung sorgen, vor allem, weil Ken Gaesteliste.de ganz stolz erzählte, daß er sich extra was hätte geben lassen, das nicht so reinhaut, "weil ich's ja nicht gewöhnt bin...". Eine extrem kurze Nacht und drei Stunden Zugfahrt später fand sich Ken dann in Brüssel wieder.

Brüssel, Botanique, 02.11.2001

Und die Nacht war nicht nur kurz gewesen, Mr. Stringfellow hatte auch nicht unbedingt sanft geschlummert, denn das am Abend konsumierte Kraut hatte ihn wohl doch etwas mehr als geplant aus der Bahn geworfen. "Ich hab geträumt, wie ich mit Matt Cameron Musik gemacht habe und andere ganz wirre Sachen", gesteht uns Ken grinsend, als wir ihn nach einem Interviewmarathon mit der belgischen Presse zum Abendessen im Botanique treffen, bei dem Ken den Gaesteliste.de-Vertreter vergeblich davon zu überzeugen versucht, daß eine Flasche (!) besten kalifornischen Rotweins durchaus Preise von DM 500 und aufwärts rechtfertigen würde. Ob es an dem auch keineswegs schlechten, für umgerechnet DM 7 und in Plastikbechern gereichten Hauswein des belgischen Kulturzentrums gelegen hat oder an der Tatsache, daß Ken in der wunderschönen Rotunde des Botanique als Headliner auftreten durfte, sei dahingestellt - jedenfalls war der Auftritt besorgniserregend gut. In dem kreisrunden Turm, mit "viel Potential für ein Lenny Kravitz Video", wie Ken vor der Show mit Blick auf dessen berühmtes "Are You Gonna Go My Way"-Video scherzend meinte, war zwar der Sound nicht ganz so überwältigend gut wie am Tag zuvor in Haarlem, dafür war die Pink-Floyd-mäßige Lightshow absolut vom Feinsten und Ken stimmlich wie instrumental in Höchstform. Nur das Publikum war ihm wieder etwas zu verhalten, und weil sich niemand in die kreisrunde "Manege" direkt vor der Bühne vorwagte, stellte Ken kurzerhand seinen Mikroständer einen Meter vor die erste Reihe und spielte so im Dunkeln, dafür aber mit noch mehr Intensität ausgerechnet das schwer depressive "Too True" in einer verlängerten Version, die so manchem im Auditorium wohl einen Schauer den Rücken runtergejagt haben dürfte, vor Begeisterung oder vor Entsetzen. Jedenfalls merkte auch Ken selbst schnell, daß eine heitere Nummer im Anschluß nicht schaden könnte. Also kündigte er an, daß das nächste Lied vom Selbstmord einer Freundin handeln würde und hatte damit die Lacher auf seiner Seite - zumindest so lange, bis klar wurde, daß das kein Scherz war und "Down Like Me" als nächstes auf dem Programm stand. Überhaupt hatte Ken in Brüssel eine Riesenfreude daran, das Publikum in die Irre zu führen. So erklärte er nach "One Morning" doch ohne mit der Wimper zu zucken, daß ihm soeben aufgefallen sei, daß er diesen Song bei einer 60er Jahre Band namens The Gadflys gestohlen hätte, und fügte noch an: "Die kommen, glaube ich, aus Mantica, Kalifornien." Der angebliche Coversong, der folgte, klang wirklich sehr nach den 60s und war den meisten im Publikum völlig unbekannt, doch in Wahrheit versteckte sich dahinter keine Coverversion, sondern eine selten gespielte Stringfellow-Nummer von der LP "I Am Ben Hur" seines Side-Projects Chariot! Scherzkeks! Dazu paßte irgendwie die Ankündigung, daß er nach dem Konzert jedem Käufer eines Albums auch noch Spritzgebäck anbieten würde - vermutlich Überbleibsel seiner Geburtstagsparty. Doch bevor es so weit war, gab es noch eine atemberaubende Version von "Fireflies", das in der Solo-Klavierversion zwar weniger nach Brian Wilson klang, die Plattenversion aber um Längen schlug. "The Lover's Hymn" war ebenfalls herzergreifend schön, vor allem, weil Ken zwar derzeit fast jeden Abend die gleichen Songs spielt, sie aber bei jedem Konzert völlig anders singt! Nachdem die noch in London gespielte, inzwischen aber aus verständlichen Gründen aus dem Programm gestrichene Burt-Bacharach-Coverversion von "Trains & Boats & Planes" leider fehlte, hätte nach dem Beach-Boys-Song "Good Timing" eigentlich Schluß sein sollen. Doch ziemlich schnell wurde klar, daß das handverlesene Publikum vor CDs und Cookies noch mehr Stringfellow-Songs hören wollte. Also setzte sich Ken wieder ans E-Piano und sorgte schnell für ungläubiges Staunen im Saal. Was Ken da spielte, war nämlich ausgerechnet eine Crooner-Klavier-Version eines seiner härtesten Posies-Songs überhaupt: "Everybody Is A Fucking Liar" - komplett mit "Las-Vegas-ich-komme" Spoken-Word-Teil und einem witzigen Abstecher zu "Tragedy" von den Bee Gees. Wer danach noch behauptete, Ken könne nicht singen, sollte schnellstens was gegen seine verstopften Ohren tun, denn das war großes Tennis, keine Frage! Die Nummer war eigentlich schwerlich zu toppen, doch Ken wußte Rat: Eine Madonna-Coverversion mußte her, und obwohl er "Open Your Heart" leider nicht zu Ende spielte, sorgte der Song doch ebenso für strahlende Gesichter im Publikum wie das folgende Posies-Stück "The Certainty". Trotzdem gab es zu guter Letzt noch eine Steigerung: Weil er mit Weihnachten nicht viel am Hut hat und zu allem Überfluß die Feiertage dieses Jahr auch noch im sonnigen Australien verbringt, spielte er als krönenden Abschluß Fuzzys grandioses Anti-Weihnachtslied "Christmas", und zwar in einer zum Heulen schönen Version, die das keinesfalls schlechte Original um Längen hinter sich ließ. Und als wäre der Abend nicht auch schon so die perfekte Mischung aus Spaß und großen Emotionen gewesen, bekam ein Zuschauer ausgerechnet bei der Zeile "it's a silent night" einen Hustenanfall, was nicht nur Ken schmunzeln ließ. Daß er an diesem Abend seinen Kram auch problemlos alleine in sein nur wenige Meter vom Club entfernt gelegenes Hotel hätte tragen können, hielt ihn übrigens nicht davon ab, einige freundliche Menschen zu bitten, ihm dabei behilflich zu sein, eine Palette belgisches Dosenbier zu vernichten und sein Hotelzimmer ordentlich zu verwüsten.

München, Atomic Café, 09.11.2001

Auf den Tag genau eine Woche später konnte Ken dann beweisen, daß Rockstars definitiv keine normalen Menschen sind. Denn in diesen gerade einmal sechs Tagen war Ken 1.) im Flugzeug von Brüssel nach Madrid am Tag nach der Botanique-Show fast den Heldentod gestorben, als sein Sabena-Flug bei der Landung beinahe in eine Iberia-Maschine gekracht wäre, hatte 2.) im Taxi seine Tasche inklusive all seiner Papiere (auf Europa-Tournee sein ohne Reisepaß - keine gute Idee!) verloren, hatte 3.) seine Frustration vor der Show in Madrid mit einer wenig geglückten Hommage an Neil Youngs Auftritt in "The Last Waltz" versucht zu bekämpfen, hatte 4.) in Barcelona die Nebenwirkungen einer (Ephedrin-)Überdosis spanischen Hustensaftes mit der gleichen Menge Wodka auskuriert, hatte 5.) bei der Ankunft am Flughafen Frankfurt völlig zerstört die Gepäckausgabe übersehen (!) und stand ohne seine Klamotten plötzlich VOR dem Terminal, hatte 6.) in Mainhattan einen Fernsehauftritt vor einem Milliarden-TV-Publikum bei den MTV Europe Video Music Awards mit R.E.M., bei dem erst Sekunden vor dem Liveauftritt der Strom seines Keyboards anging, ohne den der Song zur Lachnummer geworden wäre, und hatte 7.) einige ebenso amüsante wie anregende Begegnungen mit einigen Celebrities und bildhübschen norwegischen Musikerinnen bei der MTV-Aftershowparty!

Es brauchte die Hälfte der ICE-Zugfahrt von Frankfurt nach München, bis Ken die Ereignisse seit dem letzten Zusammentreffen mit Gaesteliste.de geschildert hatte - die meisten anderen Bahnreisenden hätten die Frage: "Und was haben Sie die letzten sieben Tage gemacht?" höchstwahrscheinlich in wenigen Sekunden mit: "Ja, gut, sicher..." beantwortet. Für Ken ist solch ein Wochenpensum allerdings ziemlich normal, genauso wie das gemäßigte Chaos, das ihn auch privat ständig umgibt. "Die meisten Leute halten Chaos für etwas Schlechtes", sinnierte Ken und ließ keinen Zweifel daran, daß er dem überhaupt nicht zustimmen kann. Ihm gefällt sein Leben so, wie es ist, gerade weil es eigentlich nicht in geregelten Bahnen verläuft. Apropos geregelte Bahnen: Das Konzert in München war nicht nur das einzige Deutschland-Konzert Kens auf seiner kurzen Europa-Tournee, es fand auch fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem ebenso chaotischen wie legendären Auftritt der Posies in Münster statt - damals auch ein One-Off in unseren Breiten. In Münster hatten es Stringfellow und sein Partner Jon Auer geschafft, ein Set zu spielen, in dem weit mehr als die Hälfte der Songs nie regulär in Deutschland veröffentlicht worden. Ein Blick auf die Setlists seiner Shows der letzten Monate verriet, daß diese Gefahr bei einem Solokonzert Kens eigentlich nicht existierte, schließlich bestand das Programm Abend für Abend fast ausschließlich aus den neuen Songs des "Touched"-Albums. Eigentlich, denn irgendwie schaffte Ken es ausgerechnet in Deutschland wieder, sein Programm komplett durcheinander zu wirbeln. Anstatt seine neue Platte in Gänze zu spielen, gelang Ken nämlich das Kunststück, zum ersten Mal in diesem Jahr ALLE Vocal-Songs seines in Deutschland nie veröffentlichten und nur auf einem spanischen Kleinstlabel erschienenen Solo-Debüts "This Sounds Like Goodbye" zu spielen - sogar die Big-Star-Coverversion "Take Care"! Und auch ein Abstecher zu Led Zeppelins "Thank You" hatte sich ins Set gemogelt, also genau zu dem Song, den Limp Bizkit am Abend zuvor bei den MTV Awards in Grund und Boden gespielt hatten. Die absoluten Highlights kamen dennoch von "Touched": "Reveal Love" zum Beispiel, im Sommer in London noch auf der Gitarre gespielt, klang in einer komplett umarrangierten Klavierversion in München noch direkter und eindringlicher. Zwar war das Publikum im Atomic Café rein zahlenmäßig das größte der gesamten Tournee, leider machte das ständige Gemurmel der Desinteressierten an der Bar die ganze Sache für Ken nicht gerade einfacher. Was zur Folge hatte, daß er das so gut wie nie gespielte "Uniforms", das er als besonderes Bonbon für München aufgehoben hatte, nach einer Strophe abbrach und entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten die Show früh und mit "Too True" beenden wollte. Allerdings zeigte sich schleunigst, daß die echten Stringfellow-Fans zwar in der Unterzahl waren, aber trotzdem Ken ziemlich schnell klar machen konnten, daß er ohne eine (lange) Zugabe nicht ans Aufhören denken durfte. Und so wurde es dann für den sichtlich erleichterten Ken doch noch ein gelungener Abstecher nach good ole Germany, nicht zuletzt, weil die Verantwortlichen im Atomic den Helden des Abends wirklich ausgesprochen zuvorkommend behandelten und Ken nach einigen Wild Turkeys im Backstagebereich noch richtig in Partylaune kam. Und daß die Show gerade im Vergleich zu Brüssel sicherlich keine Steigerung war, fiel den meisten Münchnern mangels Vergleichsmöglichkeiten ja auch gar nicht auf. Zumindest gab es nachher diverse Stimmen im Publikum, die von einem der besten Konzerte des Jahres sprachen. Und auch die Anzahl der Autogramme, die Ken nach der Show schreiben mußte, schien das zu bestätigen. Und als DJ Marc Liebscher eine halbe Stunde nach Konzertende die Posies-Hymne "Solar Sister" auflegte, rasteten auf der Tanzfläche übrigens auch ziemlich viele der Quasselstrippen von der Bar regelrecht aus, wahrscheinlich ohne zu wissen, daß der Song von den Posies stammte und sein Autor kurz zuvor noch livehaftig vor ihnen gestanden hatte.

Übertroffen wurde die Show in München in puncto Abgedrehtheit dann nur noch von Kens Konzert zwei Tage später in London. Mit der kompetenten Hilfe von Robyn Hitchcock (The Soft Boys), Scott McCaughey (The Minus 5) und Mike Mills (R.E.M.) mußten zum Tourabschluß diverse R.E.M.-Songs ebenso dran glauben wie eine ganze Reihe 60er-Jahre-Coverversionen. Ken versicherte uns später glaubhaft, daß dies eine absolut verrückte Show gewesen sei: "Ich wünschte, ich könnte mich noch an alles erinnern..." Aber auch so konnte sich Ken kaum beschweren, und er selbst fasste die Tour am Tag nach Ende der Konzertreise kurz, aber treffend zusammen: "Life is mighty good!" Mit seiner großartigen Solo-Platte im Rücken und dem nächsten Posies-Album für nächsten Sommer in Planung kann man nur sagen: Recht hat er!

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Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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