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The Great Park

Oberhausen, AKA 103
11.12.2015

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The Great Park
The Great Park mag Oberhausen und Oberhausen mag The Great Park. Gleich fünfmal ist der mürrische britische Folkie mit Rauschebart, der im wahren Leben Stephen Burch heißt, in den vergangenen beiden Jahren in der Ruhrgebietsstadt aufgetreten, hier, beim Kleinlabel Genosse Vinyl, erschien auch die streng limitierte LP-Version seines Albums "Kitchen" - eine echte Rarität, schließlich veröffentlicht Stephen seine Musik ansonsten nur in schneller Folge auf liebevoll gestalteten CDRs in kleinen Auflagen und führt damit die Cassetten-Kultur des Indie-Undergrounds der 80er und 90er fort. Passend dazu ist auch der Auftritt im AKA 103 ein Abend unter Freunden, bei dem vom vielen Unterwegssein gezeichnete Textblätter, vergilbte Fotos und eine in ein Notizbuch gekritzelte Setlist zu Stephens Füßen zusätzlich für heimelige Atmosphäre sorgen.
Als "Trouble Folk" bezeichnet der inzwischen in Deutschland heimische Engländer, der in Irland mit dem Musikmachen anfing, seine Musik, und das passt ganz ausgezeichnet, denn oft geht es in seinen Liedern um eine Verkettung von Missgeschicken oder zumindest doch um verpasste Möglichkeiten. Die Nummer "We Could Have, We Should Have, We Didn't" könnte glatt als sein Theme Song durchgehen. Bisweilen sind seine auf das Wesentliche reduzierten, nur zur Akustikgitarre vorgetragenen Stücke so morbide, dass er vor "Song Of The Coalman" explizit sagt: "Niemand stirbt im nächsten Song. Es geht weder um Frauen noch um Krieg", nur um dann einschränkend hinzuzufügen: "Es kommt zwar eine tote Person drin vor, aber damit habe ich nichts zu tun, sie war schon tot, als ich ankam!"

Überhaupt erzählt er viel zwischen den Liedern und sorgt mit seinen Ansagen zwischen Humor und Zynismus für ein wohltuendes Gegengewicht zu seinen Runterbringer-Songs mit doppeltem Boden, die zumeist epische Länge haben: "Meine Lieder sind lang, aber ich spiele sie so schnell ich kann!", sagt er fast entschuldigend. Oft scheinen dabei die ungemein detailliert-poetischen Texte wichtiger zu sein als die tief in der britischen Folk-Tradition verwurzelte Musik. Die klingt dann so herrlich altmodisch, dass Stephen fast gar nicht wie ein moderner Singer/Songwriter erscheint, sondern eher als Nachkomme der Barden und Liedermacher des Mittelalters, ein fahrender Troubadour, der in seinen Songs die Suche nach Heimat thematisiert und mit den Mini-Dramen seiner Lieder vor allem seine Zeit auf Wanderschaft abbildet.

Kein Wunder, dass gleich eine ganze Reihe seiner Songs nach realen Orten benannt sind, auch wenn letztlich weniger die Location als die dort gewonnenen Lebensweisheiten im Mittelpunkt stehen. So dreht sich "Portugal" vordergründig um einen ereignisreichen Aufenthalt an der portugiesischen Küste, doch noch viel mehr geht es um das Phänomen, bei der Rückkehr von einer Reise so viel zu sagen zu haben, dass man gar nicht alles erzählen kann und es mit einem knapp-nichtssagenden "War ganz gut!" bewenden lässt. Geschrieben hat Stephen den Song übrigens in seiner ehemaligen Wahlheimat Berlin-Prenzlauer Berg. "Das ist das Ghetto von Berlin, da herrschen wirklich raue Sitten", erklärt er ohne mit der Wimper zu zucken. "Sie haben dort all diese Coffeeshops und Kinderspielplätze. Das ist wie ein Kriegsgebiet - wirklich angsteinflößend. Ihr denkt jetzt sicher: 'Wer könnte unter solchen Umständen dort leben?' Aber ich hab's getan, sogar zwei, drei Jahre lang. Nun wisst ihr, warum ich so viele heftige Songs habe!"

Vor der Pause in der Mitte des Programms warnt er das Publikum, dass er all seine Freitagabend-Party-Songs bereits gespielt habe, und beweist mit dem ersten Stück des zweiten Sets gleich eindrucksvoll, dass er nicht geflunkert hat, wenn er sich - unplugged, stehend und mit viel Inbrunst - bei "I Do Wrong" mitten im Raum mit seiner brüchigen, immer ein wenig an Conor Oberst erinnernden Stimme die Seele aus dem Leib brüllt, wenngleich er im Anschluss mit der sanften Nostalgie von "When I Was Away" die Wogen sofort wieder zu glätten vermag. Doch nicht nur bei diesen beiden Liedern spielt die Dynamik eine große Rolle, denn Stephen weiß nur zu gut, wie er mit Variationen in Tempo oder Phrasierung den Hörer auf besonders wichtige Zeilen stoßen kann. Mit "Delia" singt er auch ein Lied, das nicht von ihm stammt und das er von seinem erklärten Lieblingsmusiker Blind Willie McTell ("Er ist besser als ich, ich schwör's!") gelernt hat, von dem schon einst Bob Dylan sang: "Nobody can sing the Blues like Blind Willie McTell."

Nach dem "So Long Song" soll dann nach anderthalb Stunden netto eigentlich Schluss sein, denn den Regeln des Rock folgend, muss jedes Konzert, und sei es auch noch so düster, mit einem Dur-Akkord aufhören. "Dummerweise" fordert das Publikum stürmisch eine Zugabe, für die Stephen mit "The Burning Of Two" noch eine ganz alte Nummer hervorkramt, die er in seiner Zeit in Brighton geschrieben hat: "Dort gibt es etwas, das sich 'das Meer' nennt. Versuch das mal jemand in der Schweiz zu erklären - die haben keinen Schimmer, wovon du sprichst!", scherzt er und erzählt vor dem Schlusspunkt mit "Nowt" auch noch von seiner Liebe für Züge: "Ich hoffe, eines Tages meinen eigenen Zug zu haben. Die Wagen sind mir egal, mir geht es nur um die Lok!" Vermutlich hat man auch deshalb oft das Gefühl, dass er mit seinen Liedern das Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels sucht.

Doch egal, ob er dann mit dem Zug oder mit dem Auto anreist: Nach diesem feinen Konzert ist Stephen Burch in Oberhausen sicherlich auch in Zukunft jederzeit herzlich willkommen.

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Surfempfehlung:
www.thegreatpark.co.uk
www.facebook.com/thegreatpark
thegreatpark.bandcamp.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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