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Enthusiasmus

The Chameleons
Amanda Palmer/ White Rose Transmission

Bochum, Zwischenfall
07.12.2001
The Chameleons
Der Unterschied zwischen "von gestern" und "zeitlos" ist ein ganz gravierender, aber manchmal ist er nicht sehr groß. Das Konzert in Bochum hätte Ton für Ton auch schon Mitte der 80er stattfinden können, trotzdem hatte wohl niemand im winzigen Zwischenfall das Gefühl, daß es an diesem Abend nur darum ging, in Erinnerungen zu schwelgen.
Für einen recht unspektakulären Auftakt sorgte Carlo van Putten von The Convent, dessen White-Rose-Transmission-Auftritt zur Tribute-Show für seinen ehemaligen Mitstreiter Adrian Borland geriet, der vor zwei Jahren Selbstmord begangen hatte. Und irgendwie schien er mit den betont ruhigen, sehr melancholischen Songs, an denen auch Nick Cave seine Freude gehabt hätte, etwas fehl am Platze zu sein, was allerdings wohl weniger an ihm, sondern an den Erwartungen des Publikums lag. Das erwartete auch von Amanda Palmer reichlich wenig. Die junge Dame aus Boston, ist wenn überhaupt, eigentlich als durchgeknallte Performance-Künstlerin an der US-Ostküste bekannt, konnte aber in Bochum auch als Musikerin überraschen. Stimmlich nicht weit von der legendären Chanteuse Nico entfernt, konnte die Sängerin der Dresden Dolls mit viel wilder Gestik und Mimik à la Patti Smith das Publikum in Sekundenschnelle für sich gewinnen - und das, obwohl sie ganz alleine auf der Bühne war und ihren Stakkato-Rock nur mit Klavierbegleitung vortrug. So hätten ohne Frage The Velvet Underground geklungen, wenn sie 1966 schon auf 25 Jahre Wave- und Punk-Historie hätten zurückgreifen können. Ein seltsam-großartiger Auftritt.
The Chameleons Setlist
Eine halbe Stunde später, die uns stilvoll durch My Bloody Valentine (leider nur vom Band) verkürzt wurde, marschierten dann die Mittvierziger quer durchs Publikum auf die winzige Bühne des Zwischenfalls, die in den nächsten knapp zwei Stunden die Zeit stillstehen lassen sollten: The Chameleons. Los ging's mit "Shades" vom überraschend gut gelungenen Comeback-Album "Why Call It Anything", aber der Song paßte sich genau wie die anderen fünf neuen Stücke des Abends nahtlos in die lange Reihe von Klassikern ein, die eine offensichtlich gut gelaunte Band (angetreten in Originalbesetzung mit dem zusätzlichen Percussionisten Kwasi Asante) an diesem Abend auffuhr. Ähnlich wie bei ihren Seelenverwandten von Echo And The Bunnymen ist die Zeit zwar nicht spurlos an den Gesichtern der Bandmitglieder vorbeigegangen, dafür aber anscheinend an der Musik der Band aus Manchester. Jedenfalls machte sich gerade bei den jüngeren Semestern im Publikum anfangs fast ungläubiges Staunen breit, weil die Engländer - musikalisch ausgefeilter und definitiv mit mehr Power als in den 80ern - ein Feuerwerk aus Hits abbrannten, die vielen bisher nur als heimliche Hymnen aus der Wave-Disco ihres Vertrauens bekannt waren. Und so gab es nach dem zugegebenermaßen erschreckend guten Songtrio "Perfume Garden", "Tears" und "Soul In Isolation" minutenlange Sprechchöre aus dem Publikum, die der VfL Bochum ohne Frage auch mal wieder gerne bei sich im Stadion hören würde. Gitarrist Dave Fielding schien sichtlich ergriffen und fiel vor lauter Begeisterung dem verdutzten Sänger Mark Burgess kurzerhand um den Hals! Nachdem die Band "Miracles & Wonders" George Harrison gewidmet hatte, verabschiedeten sie sich - erwartungsgemäß - mit einem endlosen "Second Skin" und sorgte dabei für einen grandiosen (und erstaunlich lauten) Singalong des ziemlich in Ekstase geratenen Publikums. Aber natürlich gab es auch noch eine Zugabe, "Monkeyland", bei der es für die meisten Anwesenden schon nach den ersten Akkorden kaum mehr ein Halten gab. Ganz zum Schluß stand dann sogar noch böser Punkrock auf dem Programm, mit Gitarrist Reg Smithies am Schlagzeug und Drummer John Lever am Baß: Das altbekannte Alternative-TV-Cover "Splitting In Two" war angesagt - auch vor 15 Jahren schon traditionell das letzte Stück des Abends. Urplötzlich stand dann sogar ein Fan auf der Bühne und griff sich Marks Mikro, doch der inzwischen auch etwas fülliger gewordene Sänger sorgte - ohne auf die Hilfe der herbeieilenden Roadies angewiesen zu sein - im Handumdrehen selbst dafür, daß der Zuschauer wieder dort verschwand, wo er hingehörte...

Dann ging das Licht an und die Beach-Boys-Klänge aus den Boxen bedeuteten uns, daß nun unwiderruflich Schluß war. Die Chameleons hatten zwar das Pulver nicht neu erfunden, aber trotzdem alles richtig gemacht. Und daß sie auch nach 25 Jahren im Geschäft noch mit so viel Enthusiasmus vor 200 oder 300 Leuten auftreten, als wären es 12 000, zeigt ganz klar, daß die Herren aus Manchester es des Spaßes wegen machen und nicht nur aus reiner Profitgier. Und alleine das ist ihnen hoch anzurechnen.

Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Pressefreigaben-

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