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Konzert-Bericht
 
Brüder im Geiste

Thisell
Ryan Lee Crosby

Oberhausen, AKA 103
07.10.2016

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Thisell
Jellyfant-Familientreffen im AKA 103. Gleich zwei Künstler des kleinen, feinen Oberhausener Labels stehen bzw. sitzen an diesem Abend auf der neu installierten Bühne im holzvertäfelten Saal der Ruhrwerkstatt. Doch auch wenn Thisell ein schwedisches resolutes Musikerkollektiv mit einem Faible für skandinavische Melancholie und leise Folk-Songs sind und es sich bei Ryan Lee Crosby um einen dem Blues zugetanen Amerikaner handelt, sind sie doch Brüder im Geiste. So schrieb Crosby nicht nur die Liner-Notes für das neue Thisell-Album, er begleitet Vordenker Peter Thisell nun auch noch auf der Bühne. So sieht es also aus, wenn eine Plattenfirma mehr als nur die Plattform für individuelle Veröffentlichungen ist!
Kaum ein Jahr ist es her, dass Pre-WWII-Blues-Aficionado Ryan Lee Crosby zuletzt durch Deutschland tourte. Ein neues Album hat der wie immer bestens gekleidete Leisetreter aus Boston in der Zwischenzeit nicht veröffentlicht, trotzdem knüpft er nicht einfach an die letztjährigen Shows an. Stattdessen zieht er im wahrsten Sinne des Wortes neue Saiten auf, denn einen Gutteil der Lieder an diesem Abend spielt er auf seiner neuesten Errungenschaft, einer indischen Slide-Gitarre mit 20 Saiten. "Das ist wie ein Neuanfang für mich", erzählt er Gaesteliste.de vor der Show, denn auch wenn das Instrument von Weitem aussieht wie eine traditionelle Gitarre, spielt man es doch eher wie eine Sitar - und um die zu meistern, braucht man laut Ravi Shankar bekanntlich ein ganzes Leben.

Zu den Stücken, die den Blues in indische Klangsphären heben, und dem von den Rolling Stones popularisierten "You Gotta Move" gesellen sich an diesem Abend die lieb gewonnenen "Klassiker" aus dem Crosby-Repertoire wie "Going To Bentonia", "I'm Dissatisfied" oder der mitreißende "Special Rider Blues" von Skip Spence aus der aktuellen LP "Busker On The Broad Highway". Auch dafür wechselt Crosby regelmäßig die Instrumente, und so sorgen Stromgitarre sowie sechs- und zwölfsaitige Akustikgitarre zusätzlich für Abwechslung. Auch wenn er sich seiner Rolle als Supportact vielleicht etwas zu bewusst ist und deshalb seine Songs dieses Mal etwas weniger ausführlich erklärt als sonst: Das Publikum ist begeistert, und so taut der von Natur aus eher schüchterne Crosby gegen Ende seines einstündigen Sets auch ein wenig auf: Bevor er sich nach all den Runterbringer-Blues-Nummern mit dem wunderbar positiven "All I Want", das ein klein wenig an die hymnischen Qualitäten von Bob Marleys "Redemption Song" erinnert, verabschiedet, traut er sich sogar an ein paar alberne Musikerwitze. Wer also wissen möchte, was man erhält, wenn man 10.000 Maniacs und Ozzy Osbourne zusammenbringt, der muss wohl einen der noch bis Ende Oktober folgenden Deutschland-Termine von Crosby wahrnehmen.

Erst vor wenigen Tagen haben Thisell ihr neues Album namens "II" veröffentlicht, aber einfach den sehnsüchtigen Americana-Noir-Sound der Platte mit Gitarren, Bass, Klavier, Geige, Akkordeon und sanftem Schlagzeug auf die Bühne zu bringen, ist nicht Peter Thisells Sache. Wie schon bei den vorangegangenen sechs Tourneen durch Deutschland überrascht der bärtige Schwede auch dieses Mal wieder mit einer unerwarteten Besetzung: Er selbst singt und spielt (zumeist zwölfsaitige) Akustikgitarre, Quereinsteiger Thomas Larsson bedient Stromgitarre und Harmoniegesang, und Ryan Lee Crosby spielt leise und unauffällig, aber dennoch sehr wirkungsvoll Bass. Doch trotz des kleinen Bestecks: Die Essenz der Songs bleibt auch so erhalten, der Brückenschlag zwischen dunkel funkelnder Americana-Tradition, fragiler Poesie und typisch nordischem Schwermut gelingt auch zu dritt. Natürlich fehlt vor allem die besondere Note der auf dem neuen Album so prägnanten Geige hier und da ein wenig, dafür scheinen die Inspirationen Thisells in der reduzierten Trio-Besetzung deutlicher durch. Mehr noch als auf Platte erinnert die angenehm brüchige Stimme des Frontmanns an Neil Young zu besten Früh-70er-Zeiten, und je desolater und gespenstischer die Songs sind, desto näher rücken sie auch an Alex Chiltons Großtat "Big Star's 3rd" heran. Über allem schwebt natürlich der Geist von Townes Van Zandt, dem an diesem Abend gleich mit zwei Coverversionen Tribut gezollt wird. Das wahrlich ergreifende "Rake" drängt sich zur Mitte des Sets als heimlicher Höhepunkt des gesamten Auftritts auf, und bei der Zugabe spielt Thisell solo auf Zuruf aus dem gebannt lauschenden Publikum sogar noch "If I Needed You". Überhaupt sind die immer mal wieder eingestreuten Solonummern des Bandkopfes die gefühlsgeladenen Glanzlichter in Oberhausen. Gleich zu Beginn setzt er sich allein an das vor der Bühne an der Wand stehende Klavier und singt einen Song vollkommen unverstärkt, später braucht er nur den einnehmend vollen Klang der 12-saitigen Akustikgitarre, um eine kämpferische neue Nummer, die "It's True" heißen könnte, zum Leben zu erwecken, bevor er das AKA 107 bei der Zugabe mit "Sail The Winds Of Happy Times" noch einmal in wohlige Melancholie taucht. Das unterstreicht: Nicht die Instrumentierung, sondern die Emotionen sind der Star in der Musik von Thisell.

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Surfempfehlung:
www.thisell-official.com
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www.facebook.com/ryanleecrosbymusic
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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