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Konzert-Bericht
 
Melancholie und Ausgelassenheit

Hiss Golden Messenger

Berlin, Privatclub
07.12.2016

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Hiss Golden Messenger
Die meiste Zeit seiner rund zwanzigjährigen Musikerkarriere flog Hiss Golden Messenger-Mastermind M.C. Taylor deutlich unterhalb des Radars der breiten Masse. Seine feinen Veröffentlichungen auf Liebhaberlabels wie Paradise Of Bachelors in den USA oder Jellyfant hier in Deutschland bescherten ihm schon früh eine Kult-Fangemeinde, aber mehr nicht. Erst als der sympathische Troubadour vor zwei Jahren bei Merge Records anheuerte - und eigentlich liegt nichts näher, denn wie das größte unter den kleinen Labels stammt er aus North Carolina -, wendete sich das Blatt und Taylor konnte endlich die Früchte der langjährigen Plackerei ernten. Inzwischen sitzt er in Rechtweite der ganz Großen am Alternative-Country-Tisch und darf sich in einem Atemzug mit Bill Callahan, Will Oldham oder Kurt Wagner nennen lassen. Beim famosen Gastspiel mit seiner All-Star-Band in Berlin zeigte er am vorletzten Abend seiner kurzen Europatournee fast zwei Stunden lang, warum.
Ganz tief drinnen sind Hiss Golden Messenger ganz alte Schule, aber zum Glück klingen sie nicht immer so. Denn auch wenn die formschön-filigranen Lieder von M.C. Taylor hörbar in den 70er-Jahren verwurzelt sind und in den Songs stets das Echo von Country und Folk von gestern und vorgestern widerhallt und Blues, Soul und sogar Jazz und Psychedelia stets in Reichweite sind, scheint der angenehm geerdete Sound doch eher beiläufig organisch, rein und klassisch denn aus Kalkül vintage zu sein. So hat man während des Auftritts im kleinen Privatclub stets das Gefühl, dass es hier ausschließlich um die Musik, um die Songs und den authentischen Ausdruck echter Gefühle geht. Das wissen auch Taylors Mitstreiter nur zu gut, denn obwohl die Band ausschließlich aus Musikern besteht, die auch als Solisten unterwegs sind (was am Merch-Stand für ein gewisses Überangebot sorgt), agieren die vier Herren wunderbar banddienlich, spielen miteinander anstatt nur für ihren Frontmann und sind so ein Paradebeispiel für die oft bemühte Floskel, dass das Ergebnis mitunter größer sein kann als die Summe der einzelnen Teile. Das zeigt sich gleich beim Opener "As The Crows Flies" mit dem sich die fünf Musiker auf kleiner Flamme eingrooven, bevor sie am Ende einen ersten kleinen Südstaaten-Orkan heraufbeschwören.

Der Primus inter Pares ist dabei Phil Cook von Megafaun, der sich an Keyboards, Gitarre und zweiter Stimme zwar nie aufdrängt, aber mehr als einmal genau die Details hinzufügt, die aus guten Songs großartige machen. Bei den ruhigeren Nummern wie "Happy Day" ist er es, der den Songs mit seinen soulig umspülten Parts die Seele gibt, bei den kantigeren Stücken ist er es, der für ordentlich Zündstoff sorgt, etwa mit seinem energischen Pianoeinsatz am Schluss von "Tell Her I'm Just Dancing", bei dem der Jam-Spaß auf der Bühne erst dort anfängt, wo die Studioversion längst zu Ende ist. Ben-Folds-Five-Drummer Darren Jessee und Taylors langjähriger Sidekick Scott Hirsch am Bass sorgen derweil für einen unwiderstehlichen Groove, während Gitarrist Ryan Gustafson bei Stücken wie "Saturday's Song" mit seinem Solo Kontakt zu seinem inneren Jerry Garcia aufnehmen darf. Überhaupt ist die Bandbreite wie schon auf dem ganz ausgezeichneten aktuellen Album "Heart Like A Levee" sehr groß. Alles, was im Entferntesten mit Americana zu tun hat und auf der Bühne für Spielfreude sorgt, ist erlaubt, und deshalb wird es bei "Like A Mirror Loves A Hammer" dirty und funky, während das Orgel-Intro von "Cracked Windshield" fast schon sakral bedächtig daherkommt.

Die Zuschauer sindob der emotional-mitreißenden Performance sichtlich begeistert und lassen sich von Taylor gleich mehrfach zu Singalongs animieren - auch wenn er zuvor augenzwinkernd erwähnt, dass er so etwas ja eigentlich fürchterlich findet, wenn er selbst einmal im Publikum ist. Überhaupt ist Taylor an diesem Abend trotz einer beschwerlichen Anreise gut gelaunt. "Wir sind gestern 1.000 Kilometer aus London gekommen. Das ist eine Anfahrt von amerikanischem Ausmaß", erzählt er lachend und erkundigt sich gleich anschließend nach der politischen Großwetterlage in der Bundeshauptstadt: "Wie geht's Berlin? Ihr habt noch keinen Demagogen als Präsidenten, oder? Hier ist die Welt noch in Ordnung, ja? Wir haben ein wenig das Gefühl, dass wir auf dieser Tour vor den USA weglaufen - und vor Italien und ein paar anderen Ländern!"

Selbst die Tatsache, dass seine Gitarre sich zur Hälfte des Sets in ihre Einzelteile zerlegt, kann ihm die gute Laune nicht verderben. "Wir sind an dem Punkt der Tour angekommen, an dem unser Zeug anfängt, auseinanderzufallen", sagt er mit einem Schulterzucken, während sein Roadie das Arbeitsgerät notdürftig wieder zusammenflickt. Doch diese Szene passt sinnbildlich ganz hervorragend zu diesem Abend, nein, zur ganzen Karriere dieses großartigen Singer/Songwriters: Dur und Moll, Melancholie und Ausgelassenheit gehören bei Hiss Golden Messenger nämlich untrennbar zusammen.

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Surfempfehlung:
www.hissgoldenmessenger.com
facebook.com/HissGoldenMessenger
www.mergerecords.com/hiss-golden-messenger
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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