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Gisbert zu Knyphausen

Dortmund, Depot
11.12.2016

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Gisbert zu Knyphausen
Am Ende strahlten Künstler und Publikum um die Wette. Gisbert zu Knyphausen, weil ihm eine Welle der Sympathie, nein, Liebe entgegenschlug, und die Zuschauer, weil sie endlich "ihren" Gisbert wiederhatten, denn ganz offenbar ist bei dem Liedermacher aus dem Rheingau nach langer Schaffenspause nun endlich wieder die Lust am Songschreiben und Musikmachen zurückgekehrt. Dabei war dem 37-Jährigen anfangs noch etwas mulmig. "Immer wieder aufregend, allein vor so vielen Menschen zu stehen", sagte er zu Beginn seiner fast zweistündigen Show, am Ende war er aber sichtlich erleichtert, fast unbeschadet, mit nur ein, zwei Texthängern durch den Abend gekommen zu sein: "Aber das gehört ja irgendwie dazu. Ich glaube, ich habe noch kein Konzert gespielt, bei dem ich alle Texte hinbekommen habe", verriet er lachend, nachdem er "Melancholie" charmant gegen die Wand gefahren hatte, und wirkte auch sonst zwischen den Liedern sehr gelöst. Er rührte sogar die Werbetrommel für Simon Joyner, den er tags zuvor in Amsterdam live gesehen hatte, und war wohl ein klein wenig enttäuscht, dass offenbar niemand im Saal Amerikas besten Underground-Singer/Songwriter kannte. Vielleicht hätte es bei einigen geklingelt, wenn er erwähnt hätte, dass Joyner einst Bright Eyes auf den Weg gebracht hat?
Vor neun Jahren war der damals noch vollkommen unbekannte Gisbert schon einmal im Depot aufgetreten, einem ehemaligen Straßenbahnausbesserungswerk gleich neben den Städtischen Kliniken Dortmund - vor gerade einmal 15 Zuschauern. Dieses Mal waren bereits im Vorverkauf alle Karten weg, und an den Gesichtern der Menschen vor der Bühne konnte man ablesen, wie glücklich die meisten von ihnen waren, Tickets für diesen besonderen Abend ergattert zu haben. Denn mehr als sechs Jahre nach der Veröffentlichung seines letzten Albums unter eigenem Namen gab es Gisbert hier in seiner ursprünglichsten Form zu erleben: Ein Mann, seine Gitarre, seine Stimme und ein ganzer Haufen sagenhafter Songs. Besonders beeindruckend dabei das Kid Kopphausen-Stück "Das Leichteste der Welt", bei dem es Gisbert doch tatsächlich gelang, am Ende die komplette Band mit Schlagzeug, Bass, Stromgitarre und Feedback auf nur einer Akustikgitarre zum Leben zu erwecken. Einmal mehr war kein Song ergreifender als "Kräne", keins stürmischer als "Sommertag" (das er spontan auf Zuruf aus dem Publikum brachte) und keines älter als "Erwischt": "Das gab es sogar schon, als ich vor neun Jahren hier das letzte Mal aufgetreten bin", erinnerte er sich.

Viele andere Stücke sind noch unveröffentlicht und werden im kommenden März für sein drittes Soloalbum aufgenommen werden, wie etwa das hinreißende Liebeslied mit Elliott Smith-Vibe, das "Dich zu lieben ist ganz einfach" heißen könnte. Bei anderen Stücken ist Gisbert sich da noch nicht so sicher. Ob es seine von Kurt Cobain-Tagebüchern inspirierte Vater-Sohn-Nummer aufs neue Album schafft, weiß er noch nicht, aus Angst, man könnte den Song fälschlicherweise für autobiografisch halten. Dabei gehörte er in Dortmund durchaus zu den Highlights, trotz Gisberts Geständnis: "Den hab ich auch schon mal besser gesungen." Auch sein Soundtrack-Beitrag zur kommenden "Timm Thaler"-Neuverfilmung war im Programm, bei dem er am Ende zur Belustigung des Publikums mit den Lippen die Blechbläser imitierte, bevor er todernst erklärte: "Auf der Aufnahme kommt da natürlich jemand, der wirklich Trompete spielen kann!"

Es mag an den nackten Soloversionen gelegen haben, aber insgesamt wirkten eine ganze Reihe der neuen Songs ernster und noch stärker auf den Inhalt konzentriert als Gisberts alte Lieder. Sicher, melancholisch waren seine Stücke schon immer, aber viele bestachen sofort durch musikalische Eingängigkeit abseits ihrer Texte. Bei den neuen Songs dagegen scheinen Text und Musik stärker eins zu sein, die Aufgabe der Musik darin zu bestehen, den den Text ohne Selbstzweck zu transportieren - so zumindest der erste Eindruck. In den Bandversionen auf der Platte kann sich das natürlich schon wieder ganz anders anhören. Dennoch zeigten Songs wie die englische Nummer über seinen Aufenthalt in Teheran (eingeleitet mit einem unerwartet politischen Statement zum iranischen Regime - "meine Weihnachtsansprache", scherzte Gisbert, von seinem Ton selbst ein wenig überrascht) und eine letzte neue Runterbringernummer über den Tod bei der Zugabe ("Ich glaube, ihr seid es gewöhnt, traurige Lieder zu hören!") willkommen neue Seiten und unterstrichen, warum Gisbert solch eine Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Liedermachern ist.

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Surfempfehlung:
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Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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