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Konzert-Bericht
 
Die Legende

Brian Wilson

Hamburg, CCH
22.01.2002
Brian Wilson
Zum ersten Mal seit Menschengedenken kommt Brian Wilson, der legendäre Kopf der Beach Boys, der seit über 40 Jahren im Music-Biz immer wieder für Schlagzeilen sorgt, nach Europa! Und obwohl seine Tournee ihn nur in vier Länder führt, ist Deutschland auch dabei! Kein Wunder also, daß das Konzert im Hamburger Kongresszentrum schon vor der Show vom Hauch der Sensation umwittert war. Und auch wenn Wilson, von dem man munkelt, er habe mehrere mehr oder weniger freiwillige Gehirnwäschen hinter sich, an diesem Abend mehr als musikalischer Direktor seiner ausgezeichneten vielköpfigen Band fungierte, war die Show trotz der haushohen Erwartungen alles andere als eine Enttäuschung. Während die Beach Boys auch ohne ihr Herzstück, die drei Wilson-Brüder, von denen bekanntlich nur noch Brian lebt, immer noch regelmäßig die Oldie-Festivals unsicher machen und dabei angegraute Alt-Hippies mit einem bunten Reigen alter Hits von einer Verzückung in die nächste fallen lassen, sind Brians Liveshows nicht nur wesentlich seltener, sondern auch ungleich ambitionierter.
Da fing Wilson beispielsweise die Show in Hamburg ausgerechnet mit einer Coverversion an, aber nicht irgendeiner, sondern mit dem Song "Brian Wilson" von den Barenaked Ladies und dem Refrain "Lying in bed just like Brian Wilson did"! Als wollte er gleich zu Beginn klarstellen: Ich weiß, ich hab nicht immer alles richtig gemacht, aber Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich dicht beieinander." Passenderweise folgten mit "'Til I Die" (fraglos eine der besten Wilson-Nummern und fast schon ein Wagnis, damit anzufangen) und "In My Room" gleich zwei Hymnen, die nicht nur die Leidenschaft, sondern auch die Isolation symbolisieren, die ein Mann gefühlt haben muß, der sich mit 23 schon ein Album wie "Pet Sounds" ausdenken konnte. Natürlich kamen auch eine ganze Reihe Hits zum Zuge, von Wilson und seiner ausgezeichneten 10-köpfigen Band alle im Orginial-Arrangement und -Sound gespielt. Interessanterweise waren es aber nicht unbedingt die Monsterhits wie "California Girls" (angekündigt von ihm als "die größte Hymne, die die Beach Boys je geschrieben haben"), "Do It Again" oder "I Get Around", die am meisten überzeugten, sondern eher Stücke wie die Wilsons verstorbenen Brüdern Carl und Dennis gewidmeten "Lay Down Burden" und "Forever". Daß wir es hier nicht wirklich mit einer Greatest-Hits-Show zu tun hatten, wurde auch dadurch bewiesen, daß Wilson gleich drei Songs aus dem legendären unveröffentlichten Beach-Boys-Album "Smile" spielte und mit der A-Capella-Einlage von "Our Prayer" sogar erwachsene Männer zum Weinen brachte. Vor Freude natürlich. Daß Wilson viele der Überhits mit wiederkehrenden Floskeln wie "nice songs" oder "great lyrics" ankündigte, unterstrich - je nach Sichtweise - zudem, wie leicht es ihm gefallen sein muß, die tollen Stücke zu schreiben, oder wie sehr er inzwischen mental neben der Spur ist.

Das Herzstück des Konzerts war natürlich die Note für Note originalgetreue Aufführung des gesamten "Pet Sounds"-Albums, die nur als Ehrfurcht einflössend beschrieben werden kann. Und darüber, daß Wilsons Stimme gegen Ende etwas schwächer wurde, beschwerte sich niemand. Das wäre ja auch ein bißchen so, als würde man Beethovens Fünfte in Gegenwart des Komponisten hören und sich darüber aufregen, daß er seinen Frack falsch zugeknöpft hat (Brian, das sei am Rande erwähnt, trug eine Trainingsjacke, und die offen). Erstaunlich war, wie originalgetreu die Band den Sound der legendären LP reproduzieren konnte - nur beim titelgebenden Instrumental funktionierte es nicht - und wie wenig die Platte auch nach 35 Jahren von ihrer visionären Kraft eingebüßt hat. Mit "Good Vibrations" läutete Wilson dann das große Finale ein, das dann doch vor allem partywütige Nostalgiker bediente: "Help Me Rhonda", "Barbara Ann", "Surfin' USA", "Fun, Fun, Fun" - Spaß war angesagt, und den hatten bei diesem Teil der Show nicht nur die ausrastenden Schlipsträger vor der Bühne, sondern offensichtlich auch die Musiker auf dem Podium, die im Gegensatz zu den ersten zwei Stunden des Konzertes jetzt auch nicht mehr wirklich darauf aus waren, möglichst eng am Originalarrangement zu kleben.

Okay, die Tatsache, daß Brian während der gesamten Show sitzen mußte, sein Keyboard nur als Tamburin mißbrauchte (nur bei einem Stück zum Schluß spielte er Baß), die Texte von einem Bildschirm ablas und daß seine sich ständig wiederholenden Ansagen auch stellenweise ein eher trauriges Bild abgaben, sollte Erwähnung finden, aber nichtsdestotrotz war die zweieinhalbstündige Show ein beeindruckendes Ereignis. Für den letzten Song des Abends hatte sich Wilson dann noch ein echtes Highlight aufgespart. "We want to leave you with a little love message", erklärte er, und als daraufhin jemand in der ersten Reihe den Song erriet, lud Brian ihn spontan ein, auf die Bühne zu kommen, um mitzusingen, nur um diese Idee glücklicherweise Sekunden später mit einem "nevermind" wieder rückgängig zu machen. Mit "Love And Mercy", vielleicht nicht dem besten, mit Sicherheit aber dem schönsten Wilson-Song überhaupt, ging ein großer Abend zu Ende, der vor allem eines unterstrich: Brian Wilson mag nur noch der Schatten seiner selbst sein, seine Musik dagegen hat nichts von ihrer Ausstrahlung verloren.

Setlist:

01. Brian Wilson [Barenaked Ladies cover]
02. 'Til I Die
03. Dance Dance Dance
04. In My Room
05. California Girls
06. Do It Again
07. Your Imagination
08. Lay Down Burden
09. Forever [Dennis Wilson cover]
10. Sail On, Sailor
11. I Get Around
12. Add Some Music
13. Please Let Me Wonder
14. Desert Drive
15. Meant For You
16. Friends
17. Our Prayer
18. Heroes And Villains
19. Surf's Up
20. Darlin'
21. Marcella

22. Wouldn't It Be Nice
23. You Still Believe In Me
24. That's Not Me
25. Don't Talk
26. I'm Waiting For The Day
27. Let's Go Away For Awhile
28. Sloop John B
29. God Only Knows
30. I Know There's An Answer
31. Here Today
32. I Just Wasn't Made For These Times
33. Pet Sounds
34. Caroline, No
35. Good Vibrations

36. Surfer Girl
37. Help Me, Rhonda
38. Barbara Ann
39. Surfin' USA
40. Fun, Fun, Fun
41. Love And Mercy

Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-


 
 

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