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Konzert-Archiv

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Konzert-Bericht
 
Genialität als Selbstverständlichkeit

Jeff Tweedy

Hamburg, Tanzhalle St. Pauli
21.02.2002
Jeff Tweedy
Während sich alle Welt derzeit einig zu sein scheint, daß der Retter des Rock N Roll und (mal wieder) einzig legitime Nachfolger Bob Dylans Ryan Adams heißt, spielte Jeff Tweedy von Wilco in Hamburg in der winzigen Tanzhalle einen Showcase vor geladenen Gästen von Film, Funk, Fernsehen und der Plattenfirma und sah dabei aus wie Dylan (Frisur und die stets buckelige Körperhaltung), sang wie Dylan (nämlich ob dies Interviewmarathons vorher etwas krächzend), redete so viel wie Dylan (nämlich so gut wie gar nicht) und hatte knapp ein Dutzend Songs mitgebracht, auf die auch ein Dylan stolz sein würde. Doch während so etwas bei Mediendarling Adams eine Sensation wäre, ist es für Tweedy völlig normal.
Seine charmante Verweigerungshaltung, die dazu führte, daß das schon seit über einem Jahr fertiggestellte vierte Wilco-Album, "Yankee Hotel Foxtrott", wegen Differenzen mit der Plattenfirma (es fehlte angeblich ein Single-Hit) nun erst Ende April erscheint, unterstrich Jeff - in unscheinbarem Wollpulli und Jeans - auch in Hamburg. Anstatt den geladenen Gästen nämlich wie vorgesehen nur neue Songs zu präsentieren, fing er den leider nur knapp eine Stunde dauernden Auftritt gleich mit einem brandneuen Stück an, das noch nicht einmal auf der kommenden Platte enthalten sein wird. "If Not For The Season" funktionierte als Opener hervorragend, paßte der Song in Tempo und Inhalt doch ausgezeichnet zu Jeffs abwartend-skeptischen Blicken. Doch schon mit dem zweiten Song wurde er etwas lockerer: "Sunken Treasure", aus dem genialen zweiten (Doppel-) Album "Being There" klang in der Soloversion unverhohlen folky, und Jeff konnte mit seinem exzellenten Fingerpicking und einem herzerweichenden Mundharmonikasolo selbst die desinteressiertesten Medienvertreter, die in erster Linie wegen der von der Plattenfirma spendierten Freigetränke gekommen waren, restlos überzeugen. Daß die Songs aus der kommenden neuen Platte ihren alten Vorgängern in nichts nachstehen, bewies das wohl schönste Stück des Abends "Reservations", mit dem perfekten Zusammenspiel von Glück und Traurigkeit ebenso wie das ungewöhnlich bluesige "I Am Trying To Break Your Heart" (da haben wir ihn doch, den Single-Hit!). Nach dem Song demonstrierte Jeff witzigerweise, wie die (fehlende) zweite Stimme der Gitarrenbegleitung hätte klingen sollen: "Stellt euch bitte vor, daß die dabei gewesen ist!"
Jeff Tweedy
Dabei ist Tweedys Songwriting natürlich ebenso wie seine Auftritte - mit oder ohne Band - seit Jahr und Tag über jeden Zweifel erhaben, aber es macht Jeff nur noch sympathischer, daß er seine großartigen Songs für alles andere als perfekt hält. Richtig wach, so schien es, wurde er bei "Heavy Metal Drummers", bei dem er - unter Mithilfe des Publikums - die Textzeile "playing Kiss covers" zunächst durch "playing Scorpions covers" und dann durch "playing Bonfire covers" ersetzte und damit gleich auch noch seine Kenntnis der deutschen Hardrock-Szene unter Beweis stellte... "Mehr kann ich ohne meine Band im Moment leider nicht spielen", sagte Jeff anschließend, und auch wenn er noch einmal für zwei Zugaben (er spielte den brandneuen Song "Spiders" zum zweiten Mal überhaupt!) zurückkam, war der einzige Wermutstropfen bei diesem tollen Konzert die Tatsache, daß es - aus Sicht des Publikums - entschieden zu kurz war. Aber schon im Mai gibt's ja den Nachschlag, wenn Wilco für fünf Shows zurück nach Germany kommen. Und mit diesem Solo-Auftritt als Maßstab ist das Erscheinen für alle dann sozusagen Pflicht!
Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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