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Murmeltiertag!

The Mission

Bochum, Zeche
03.02.2002/ 20.02.2002

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The Mission
"Auf Tournee zu sein, erinnert sehr an den Film 'Und täglich grüßt das Murmeltier'," scherzte Wayne Hussey vor der zweiten Show in Bochum beim Gespräch mit Gaesteliste.de, und da ist definitiv etwas dran. Auf ihrer künstlerisch wie kommerziell erfolgreichsten Tour seit Jahren machten The Mission nämlich gleich zweimal Halt in Bochum. Nachdem das erste Konzert überraschend schnell ausverkauft war, wurde kurzerhand gut zwei Wochen später ein zweites angesetzt. "Dieser Laden ist für uns immer etwas Besonderes", lobte Wayne die Zeche dann auch in den höchsten Tönen. "Wir haben hier in all den Jahren sehr oft gespielt, und es ist immer schön, wieder hierhin zurückzukommen."
Beginnen wir am Anfang: Murmeltiertag, die I., Sonntag, der 03.02.02: Es war kurz nach 21 Uhr, als Wayne mit Pumuckl-roten Haaren auf die Bühne kam und den Abend mit der exzellenten neuen Single "Evangeline" eröffnete. Das Publikum im überfüllten Saal tobte von der ersten Sekunde an mit, und die Tatsache, daß "Hands Across The Ocean" und "Like A Child Again" gleich danach gespielt wurden, sorgte für wenig Beruhigung. Nicht zuletzt, weil gerade letzterer Song kaum noch etwas mit dem netten Popsong von "Masque" zu tun hatte und gewaltig rockte. Später klang auch "Garden Of Delight" wesentlich härter als im Original, auch wenn das der Band selber gar nicht so bewußt war, wie Wayne uns bestätigte: "Mag schon sein, obwohl mir das nicht so aufgefallen ist. Scott [Garrett] hat allerdings wirklich mit seiner Art, Schlagzeug zu spielen, vielen alten Songs neues Leben eingehaucht - er hämmert halt ziemlich los. Nichts gegen Mick [Brown, den ersten Mish-Schlagzeuger], aber der war als Schlagzeuger immer auf der sicheren Seite. Als Mensch zwar ganz und gar nicht, aber als Drummer hat er nicht viel riskiert. Bei Scott dagegen kann man sich nie ganz sicher sein, was er vorhat, und irgendwie mag ich das. Rob [Holliday, der neue Gitarrist] hat auf ähnliche Weise seine eigene Note eingebracht. Sie sind beide in die Band gekommen, ohne sich groß mit unserer Vergangenheit auszukennen, sie fingen ohne vorgefasste Meinung an. Auf diese Weise konnten sie mehr von ihrer Persönlichkeit in die Songs legen. Robs Vorgänger Mark [Twaite] war ein Fan der Band, und als er damals zu uns stieß, dachte er, er müßte so spielen wie Simon Hinkler. Insgesamt würde ich aber nicht sagen, daß durch Rob die Songs härter geworden sind. In vielerlei Hinsicht spielt er viel subtiler als Mark, denn er weiß genau, wann er sich besser zurückhält und wann es paßt, so richtig Krach zu machen."
Krach machten vor allem auch die Zuschauer, denn neben einer Handvoll Songs aus dem fast überraschend guten Comebackalbum "Aura" präsentierten The Mission vor allem Hits, Hits und nochmal Hits: "Severina", "Beyond The Pale", "Wasteland" (sogar mit Abstecher zu "Marian"!) - kein Wunsch blieb offen, und dementsprechend begeistert feierte das Bochumer Publikum ihre alten Helden dann auch. Die schienen zwar streckenweise etwas matt und verkatert zu sein, bekämpften die Anflüge von Müdigkeit allerdings erfolgreich mit kräftigen Schlucken aus der Jägermeister-Pulle. Und kaum waren sie nach knapp anderthalb Stunden mit "Daddy's Going To Heaven Now" von der Bühne verschwunden, flehte das Publikum um eine Fortsetzung, indem ein einige hundert Stimmen den Mish-Klassiker "Deliverance" intonierten. Doch bevor das Quartett diesen Song wie gewohnt ganz zum Schluß dann wirklich noch als Rausschmeißer spielte, stand zunächst einmal ein anderer Überhit auf dem Programm: The Mission begannen ihre halbstündige Zugabe ausgerechnet mit dem großartigen "Butterfly On A Wheel"! Allerdings erinnerte auch dieser Song live kaum noch an das Original von 1989. "Wenn du zu proben anfängst, richtest du dich nach den Studioversionen. Spielst du die Songs dann einmal live, entwickeln sie ein Eigenleben und du orientierst dich nur noch daran", hatte uns Wayne dieses Phänomen erklärt. "So verändern sie sich während einer Tour. Die Studioversionen haben oft gar nicht mehr so viel mit dem zu tun, was du später auf der Bühne hörst. Und das ist auch gut so." Richtig gut war auch, was folgte: Eine ziemlich geniale Coverversion von "Never Let Me Down Again", von der sich die Smashing Pumpkins durchaus noch eine Scheibe hätten abschneiden können! Mit "1969" war dann Punkrock pur angesagt, doch das heimliche Highlight der Show sollte noch kommen. Nachdem Wayne die versammelte Fangemeinde für seine Frau Cinthya "Happy Birthday" hatte singen lassen, verließ der Rest der Band nämlich die Bühne, und der Gitarrenroadie kam mit einem großen Stück Papier zu Wayne und hielt es ihm unter die Nase. Der hatte zwar einige Probleme, den Wisch ob der traditionell schummerigen Beleuchtung zu entziffern, aber letztendlich klappte es doch irgendwie, und die Mission-Historie war um ein Unikum reicher. Wayne spielte nämlich eine charmant-ungeprobte Version des großartigen Mazzy-Star-Songs "Fade Into You" für seine Herzdame und machte damit nicht nur sie ziemlich glücklich. "Das war eine echte Herausforderung für mich! Ich hab hier vor der Show in der Umkleide gesessen und versucht, das Stück zu lernen", erzählte uns Wayne später. "Ich hab es auch wirklich nur das eine Mal gespielt, nicht vorher und auch nachher nicht mehr. Das war nur für ihren Geburtstag. Sie hatte mich Wochen vorher gefragt, ob ich das spielen könnte, aber bis dahin hatte sie es schon wieder vergessen, also war es auch für sie eine echte Überraschung! Und wie soll ich sagen: Der Sex war in dieser Nacht besser als sonst!"

Murmeltiertag, die II., Dienstag, 20.02.02: Es war schon ein ziemliches Déjà-vu, 17 Tage später in der gleichen Halle, umringt von (fast) den gleichen Leuten zu stehen, um ein weiteres Mal die gleiche Band zu sehen. Gespannt wartete das Publikum in der abermals erstaunlich gut gefüllten Zeche, was sich die Band für dieses zweite Konzert wohl überlegt hatte. "Wir versuchen schon, jeden Abend ein paar Songs auszutauschen, aber im Großen und Ganzen haben wir uns auf dieser Tour an die gleichen 15 oder 20 Songs gehalten. Heute Abend geht das natürlich nicht. Das dürfte ziemlich interessant werden", hatte Wayne vielsagend und mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht vor der Show gesagt. "Wir haben vor der Tour 35 Songs geprobt, also haben wir auf jeden Fall die Möglichkeit, was anderes zu spielen, aber natürlich muß man auch daran denken, daß uns nicht alle Leute heute Abend zum zweiten Mal sehen, also müssen wir für sie auch einige der 'guten' Songs spielen, nicht nur die, die wir gerne spielen würden!"

Das klang fast ein bißchen so, als würde sich die Band damit zufrieden geben, ein paar Songs bei den Zugaben zu ändern und ansonsten nicht großartig zu experimentieren. Schließlich hatten sie auf dieser Tour wirklich jeden Abend ein ähnliches, wenngleich ziemlich gutes Set gespielt, mit vielen Konstanten wie "Evangeline" zu Beginn oder "Butterfly" als erster Zugabe. Dieses Konzert in der Zeche war allerdings alles andere als ein gewöhnlicher Auftritt für The Mission. Schon als ein offensichtlich ausgezeichnet gelaunter Wayne zu den ersten Klängen von, nein, eben nicht dem regulären Opener, sondern "Beyond The Pale" auf die Bühne kam, war klar, heute Abend würde hier eine andere Band auf der Bühne stehen. Wayne sprang auf der Bühne umher, kletterte auf's Schlagzeug, versuchte sich (wenig erfolgreich) im Huckepackritt auf Gitarrero Rob, kitzelte Bassist Craig Adams (während der sang!) und legte auch sonst eine fast kindliche Freude an den Tag. In der ersten Hälfte der Show spielten die vier kaum Songs, die schon zwei Wochen vorher gelaufen waren, und wenn, dann kamen auch diese halbwegs überraschend, "Butterfly On A Wheel" zum Beispiel schon nach einer knappen halben Stunde! Ansonsten gab es viel Neues wie "Happy" oder sogar das tolle "Aura"-Schluß-Stück "In Denial" zu hören. "Wir spielen es erst zum zweiten Mal, also wenn es schief geht, lacht mit uns zusammen darüber", hatte Wayne die Tatsache kommentiert. Dazu gab es jede Menge selten gespielte "Oldies". Sogar die alte B-Seite "Grip Of Disease" wurde ebenso wieder ausgegraben wie "Evermore And Again". Und "Amelia" wurde in der kontroversen langsamen Fassung gespielt. Irgendwann schien Wayne zwischendurch zwar mal ein bißchen den Faden zu verlieren, und er gestand dem Publikum, daß er manchmal selber nicht so genau wisse, was er da gerade mache, aber davon abgesehen präsentierte sich die Band an diesem zweiten Abend wesentlich aufgeräumter. "Ich persönlich mag es, nicht zu wissen, was als nächstes kommt. Ich mag das Element des Chaos. Wenn es nach mir ginge, würden wir uns nur auf den ersten Song einigen und den Rest dem Zufall überlassen", hatte uns Wayne vor der Show passenderweise gesagt. "Die anderen dagegen wollen lieber vorher wissen, was sie erwartet, und eine richtige Setlist haben. Scott und Craig kamen ja von The Cult, und sie haben mir erzählt, daß sie dort mehr oder weniger fünf Jahre lang die gleichen zwölf Songs Abend für Abend gespielt haben. Abgesehen davon mußt du natürlich auch noch bedenken, was das Publikum will. Die wollen nicht das komplette neue Album hören, die wollen auch die alten Hits wie 'Tower Of Strength', 'Deliverance' oder 'Butterfly On A Wheel' hören. Mir geht es schon darum, möglichst alle glücklich zu machen!" Und das gelang den alten Helden ohne Frage spielend, trotz einiger ziemlich dekadenter Anwandlungen. Welche andere Band würde sich schon trauen, dem begeisterten Publikum zu sagen, es solle doch bitte aufhören, mit Konfetti zu werfen, weil das Zeug sonst in der Rotweinflasche der Band landet? Devote Fans sind The Mission also anscheinend nicht so wichtig wie geregelter Alkoholkonsum...

Zur Statistik: The Mission standen in Bochum zweimal knapp zwei Stunden auf der Bühne, spielten dabei annähernd 30 verschiedene Songs, Wayne verlangte am ersten Abend diverse Male nach mehr Licht im Publikum (beim zweiten Konzert war das Problem behoben), Craig sprang einmal ohne große Vorwarnung und offensichtlich wenig erfreut ins Publikum, um einen Disput "vor Ort" zu klären, und zweimal ging wohl so ziemlich jeder im Publikum glücklich nach Hause, ganz einfach, weil The Mission zwölf Jahre nach ihrer erfolgreichsten Phase besser gewesen waren als das irgendjemand erhoffen, ja erwarten durfte. Kompliment!

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Surfempfehlung:
www.themissionuk.com
www.and-the-dance-goes-on.de
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -David Bluhm-


 
 

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