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Konzert-Bericht
 
Family Affair

Tanya Donelly
Goldrush/ Mary Lorson

London, University Of London Union
28.02.2002

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Tanya Donelly / Mary Lorson
Die Backstage-Tür geht auf, und uns wird die Band vorgestellt, die wenige Stunden später im geradezu unschön überfüllten ULU das Publikum begeistern wird. Dabei wäre das eigentlich gar nicht nötig gewesen, schließlich dürfte jeder Indierocker und jede Indierockette, die etwas auf sich hält, mindestens 20 Platten der Protagonisten dieses kalten Londoner Februarabends im Schrank stehen haben. Für die Galerie: Am Kühlschrank steht Pedal-Steel-Gitarrist Rich Gilbert, in letzter Zeit des öfteren mit Frank Black unterwegs und auch ansonsten auf jeder guten Platte von den Lemonheads, Uncle Tupelo, Steve Wynn oder Steve Westfield als Gast zu finden; ins Gespräch mit dem Tourmanager vertieft haben wir Dave Narcizo, Schlagzeug-Legende der Throwing Muse; mit Töchterchen Gracie beschäftigt ist Dean Fisher, ex-Bassist der Juliana Hatfield Three und Ehemann von Tanya Donelly, ex-Throwing Muses, ex-Breeders, ex-Belly und Indierock-Chanteuse extraordinaire. Die Dame, die uns die Damen und Herren vorstellt, ist - zumindest auf dieser Tour - die Keyboarderin der Band und als Frontfrau von Saint Low und Madder Rose selbst keine Unbekannte: Mary Lorson.
Die durfte passenderweise dann solo auch den Abend eröffnen. Und egal ob am Klavier oder an ihrer ramponierten Gitarre, egal ob mit Songs aus ihrem ersten Soloalbum "Saint Low" oder aus ihrem tollen zweiten, in wenigen Wochen erscheinenden Alleingang "Tricks For Dawn" - Mary gewann mit einem ihrer wohl besten Solokonzerte überhaupt das Publikum in Sekundenschnelle für sich. "Tall Trees" widmete sie dem Massenmörder Ted Kazcynski und erklärte scherzend: "Ich stimme mit ihm in der Auffassung überein, daß die moderne Technik unser Leben zerstört - allerdings hat er seine Ansichten nicht sehr gut ausgedrückt!" Die Freude über Marys Auftritt wandelte sich in dem Moment in fassungslose Begeisterung, als Tanya ohne große Ankündigung aus dem Dunkel auftauchte und "Johnson City" mit Mary in einem herzergreifend schönen Duett sang.

Die zweite Band des Abends kam aus Oxford, hieß Goldrush und dürfte im Juni ihr erstes (Major-) Album via Virgin Records auch in Deutschland veröffentlichen. In England witzigerweise schon als die "neuen Stairsailor" gepriesen, boten uns die Herren, ähm, britischen Americana-Sound, der sie als Fans von Bob Dylan oder Neil Young auswies und mit dem sie es zumindest schon auf die zunehmend kultverdächtige Compilation-Reihe des Loose-Labels (so etwas wie das englische Pendant zu Glitterhouse) geschafft haben. Nett, aber dennoch ziemlich harmlos.

Und dann kam SIE! In Deutschland mag Tanya Donelly inzwischen ein bißchen in Vergessenheit geraten sein, aber in England hat man auch sieben Jahre nach der Auflösung von Belly nicht vergessen, daß Tanya mit ihrer alten Band ein echter Popstar gewesen ist, mit Top-Ten-Hits, ausverkauften Tourneen durch erstaunlich große Säle und (männlicher) Massenhysterie vor der Bühne. Dementsprechend überschwänglich wurde die zierliche Dame aus Boston dann auch begrüßt, als sie um kurz vor zehn alleine auf die Bühne kam und überraschenderweise gleich mit einem alten Belly-Song, "The Bees", loslegte - immerhin hatte sie auf ihrer letzten Europa-Tournee vor ihrer Babypause im Jahre 1997 ihre Vergangenheit großzügig ausgespart und sich auf die Songs ihres stark unterbewerteten ersten Soloalbums "Lovesongs For Underdogs" konzentriert. Das erste echte Highlight war allerdings "Landspeed", das Tanya - nun mit der kompletten Band - in einer noch weiter countryfizierten Version spielte. Ihre gute Laune spiegelten aber nicht nur die Songs wieder, sondern auch ihr lockerer Umgang mit dem Publikum: "Na, wie geht es euch so? Seid ihr vielleicht etwas erwachsener geworden, seit ich das letzte Mal hier war?", scherzte sie und ließ über einige Bekannte, die sie im Publikum entdeckte, Grüße an die Online-Mailing-Liste ausrichten, "denn ich kriege derzeit einfach keine Verbindung zum Internet". Dafür war ihr Draht zu ihren Songs an diesem Abend aber um so besser. "Keeping You" wurde zu einem weiteren herrlichen Duett von Tanya mit Mary, und auch wenn das neue Album "Beautysleep" laut Tanyas eigener Aussage eigentlich so etwas wie ihr Abschied von der trendhörigen Chartsmusik sein sollte, ist der tolle - fast schon Cranberries-mäßige - Uptempo-Song "The Night You Saved My Life" vielleicht der beste Popsong, den sie je geschrieben hat. Ein kaum zu überhörendes "Tanya, we love you!" war der Dank aus dem Publikum, worauf sie nur grinsend meinte: "Wie du das so sagst, könnte man fast meinen, du meinst das ernst!" Für die Zugaben gab es die niedliche Akustiknummer "After Your Party" mit Dean an der Akustikgitarre anstatt am Baß und zwei echte Überraschungen: Tanya gönnte ihren Fans nämlich zunächst einen weiteren Belly-Song, das inzwischen komplett zur Rockabilly-Nummer mutierte "Slow Dog" - das zwar etwas darunter litt, daß Mary gleich mehrmals ihren Einsatz bei der zweiten Stimme verpaßte - und dann noch eine lange nicht mehr gespielte Coverversion: "Hot Burrito #1" der Flying Burrito Brothers, das Belly schon vor zehn Jahren in einer ziemlich 4AD-typischen Fassung gespielt hatten und das in London im puristischen Country-Originalarrangement zwar einige Fans zu überraschen schien, aber dennoch ein prima Ausklang für einen tolles Klassentreffen mit der alten Indierock-Garde war: Erwachsen, zeitlos, ein ganz kleines bißchen nostalgisch und einfach nur wunderschön!

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Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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