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Konzert-Bericht
 
Herausfordernd!

Eileen Rose
Richard J. Parfitt

London, The Borderline
01.03.2002

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Eileen Rose
Die Vergleiche, die für "Shine Like It Does", dem 2000er Debütalbum von Eileen Rose, und den dieser Tage erscheinenden Nachfolger "Long Shot Novena" bemüht werden, sind ebenso reichhaltig wie irreführend. Die einen wollen in ihrer Stimme etwas von Patti Smith oder Marianne Faithfull gehört haben, an dieser Stelle inspirierte die seit langem in England heimische Amerikanerin Vergleiche mit Lucinda Williams und Aimee Mann. Das mag für ihre Platten auch alles stimmen, live dagegen erinnerte sie fast ein wenig an zwei tote Kult-Ikonen: Janis Joplin und Eva Cassidy.
Von den Pop-Anleihen ihrer Studioaufnahmen war bei ihrem Auftritt im Borderline nämlich reichlich wenig zu spüren. Dort gab sich Eileen Rose als vor Energie übersprudelnde bluesige Rockröhre, die, unterstützt von ihrer kompetenten - schon vom Album bekannten, ausnahmslos in Anzügen angetretenen - Band und einem rüpelhaften Publikum, zu Höchstform auflief. "Ich möchte vermeiden, daß ich in Schubladen gesteckt werde. Ich will all meine Einflüsse ausspielen. Ich will es niemandem leicht machen, und ich glaube auch, daß es viele Leute gibt, die herausgefordert werden wollen", erklärte uns die in England lebende Amerikanerin mit irisch-italienischen Vorfahren wenige Tage später beim Interview im Dortmunder Cafe Fluxus. "Ich will nicht so sein wie Vanille-Eis - jeder mag es, aber niemand würde es als seine Lieblingssorte bezeichnen."

Ein weiterer Rough-Trade-Künstler, Richard Parfitt (ex-60ft Dolls), hatte den Abend im ausverkauften Borderline nervös und solo eröffnet und dabei stets den Eindruck vermittelt, daß er laute, typisch britische Rocksongs viel lieber mit einer Band spielen würde als nur alleine mit Akustik-Klampfe und Mundharmonika. Deshalb schien die Power der energiegeladenen Songs manchmal etwas zu verpuffen. Eigentlich hätte kurzfristig Mary Lorson das Vorprogramm bestreiten sollen, aber Eileen Rose brachte es nicht über's Herz, den Waliser wieder auszuladen, und so schlug sich Parfitt mehr schlecht als recht. Denn die ziemlich gemischte Crowd - von der schicken End-Zwanzigerin, die gerade ihr eigenes PR-Büro eröffnet hat, über Typen in Anzügen mit der Financial Times unter dem Arm (kein Scherz!) über das hierzulande bei Blue-Rose- oder Glitterhouse-Veranstaltungen übliche Publikum bis zu bebrillten Pädagogik-Studenten war alles vertreten - war natürlich in erster Linie wegen der amerikanischen Headlinerin gekommen, und die war schon fast beängstigend gut aufgelegt. "Da seht ihr mal, wie schnell das geht", meinte sie beispielsweise grinsend, als ihr Roadie ihr ein neues Saiteninstrument reichte. "Kaum hat man mal ein, zwei gute Reviews, und schon kann man sich jemand leisten, der einem die Gitarren hinterher trägt!" Ein Spruch, der ihre eigene Verwunderung über ihren plötzlichen Erfolg unterstreicht. Immerhin macht Eileen Rose, inzwischen Mitte dreißig, schon seit vielen Jahren die (englischen) Clubs unsicher: "Ich bin schon so lange dabei, und plötzlich spiele ich ausverkaufte Shows und die Leute wollen Interviews mit mir machen und so weiter. Das Überraschendste ist, daß ich das mit einer Platte erreicht habe, die ich ganz und gar nach meinen eigenen Vorstellungen gestaltet habe und von der ich nie gedacht hätte, daß sie eine breite Masse anspricht. Daß die Leute auf das Album anspringen, obwohl es sie herausfordert, ist ein echter Ansporn für mich."

"Ansprechen" war auch das Stichwort beim Konzert in London. Jeder Spruch von Eileen Rose schien das Publikum nur noch mehr anzufeuern, und so ergab sich nach fast jedem Song ein ausgiebiger Dialog mit den Zuschauern. "Beim nächsten Song spiele ich Mundharmonika und das ist ziemlich ungeschickt, denn ich hab vorher Lippenstift aufgelegt. Danach sehe ich dann wieder aus wie Robert Smith von The Cure... Was macht der eigentlich inzwischen so?" Antwort aus dem Publikum: "Er ist beim Konzert von The Mission!" Zur Erklärung: Wayne Hussey und Co. spielten an diesem Abend keine 75 Meter weiter im Astoria. Doch natürlich wurde auch noch Musik gemacht: Die vor ihrem letzten Konzert im Borderline entstandene Soloballade "For Marlene" war ebenso zu hören wie ein brandneuer Song, den Eileen extra für diesen Auftritt geschrieben hatte, "und seit einer Woche wie verrückt geübt hatte". Die wahren Highlights allerdings waren die Songs mit ihrer Band, die angenehm rau rüberkam. "Wir hatten nur eine einzige Probe für dieses Konzert. Ich verkaufe ja nicht gerade Millionen von Platten, und einen Platz zum Proben zu finden und das ganze Zeug durch die Gegend zu karren, kostet ja einen Haufen Geld. Wenn wir einen Monat auf Tournee gingen, würden sich die Songs garantiert weiterentwickeln, und vielleicht würden die Konzerte ähnlich abwechslungsreich wie die Platte sein." Wie "Shine Like It Does" etwa, für das Eileen Rose sogar noch Mark Sams von Alabama 3 als Gitarristen auf die Bühne bat. Ungeschickterweise wies sie dabei darauf hin, daß Mark als Einziger seinen Anzug vergessen hätte und daß es ihm ziemlich leid täte. Kein kluger Schachzug, wie gesagt, denn damit lenkte sie die Aufmerksamkeit der Herren in Reihe eins auf ihr eigenes Kleid, das für diesen Anlass etwas zu kurz, etwas zu eng und somit etwas zu sexy war. Aber auf einige ziemlich alberne Sprüche aus dem Publikum hatte Eileen Rose auch dieses Mal wieder die richtige Antwort parat: "Ich weiß, das ist ein ziemlich nuttiges Kleid, aber man muß tun, was man kann, lange kann ich solche Fummel ja nicht mehr tragen!"

Es war ein wunderbar altmodisches Konzert, wie gemacht für das düstere Kellergewölbe des Borderline, denn an diesem Abend ging es nicht um die glitzernde Popmusik des neuen Jahrtausends, sondern um einen schweißtreibenden Abend mit ehrlichen, erdigen Songs in irgendeiner englischen Kneipe. Und dieses Konzept ging 2002 genauso gut auf wie, sagen wir mal, 1962. "Selten so viel Spaß gehabt bei einem Konzert", meinte Eileen Rose dann folgerichtig auch am Schluß. Wo sie Recht hat, hat sie Recht!

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Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-

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