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Konzert-Bericht
 
Große Kunst in kleinem Kreis

Mary Lorson

London, Notting Hill Arts Club
02.03.2002
Mary Lorson
Eigentlich hätte Mary Lorson längst im Flugzeug nach Hause sitzen sollen, aber weil die Dame aus Ithaca, New York, nun mal keinen Privatjet ihr Eigen nennen kann und auf (billige) Linienflüge angewiesen ist, war sie nicht schon am Tag nach dem letzten Konzert ihrer Minitour als Support von - und Keyboarderin für - Tanya Donelly aus England abgereist, sondern war noch drei Tage länger in der Stadt, um das zu tun, was sie am liebsten mag: Musik machen. Da kam die Einladung des Rough-Trade-Plattenladens gerade recht, der mit schöner Regelmäßigkeit in einem winzigen Club in Notting Hill (dessen kahles Ambiente eher an einen dürftig ausgestatteten Partykeller, denn an eine der angesagtesten Clubadressen Londons erinnert) nachmittägliche Konzerte veranstaltet.
Daß es außer dem Taxigeld für den Auftritt keinen Penny gab, spielte für Mary ebenfalls keine Rolle. Sie wollte spielen und tat das dann auch. Während solche Showcases in der Regel kaum länger als 45 Minuten dauern, stand Mary weit über eine Stunde auf der Bühne und schaffte es trotzdem, im Notting Hill Arts Club, der angeblich noch nie so überfüllt gewesen ist, kaum Songs zu spielen, die sie zwei Tage vorher bei ihrem ersten Konzert in London schon gespielt hatte. Und das hatte zur Folge, daß die Amerikanerin eine ganze Reihe Songs zum ersten Mal seit langer Zeit, bzw. überhaupt zum allerersten Mal vor Publikum spielte, aber gerade die kleinen und großen Fehlerchen, die sich deshalb einschlichen, machten die Show zu etwas ganz Besonderem. Nachdem sie sich mit "Walk On By", der einmal mehr wunderschönen Hommage an Burt Bacharach, noch auf halbwegs sicherem Terrain bewegt hatte, begab sie sich mit "Long Way Down" ("Ich nenne es immer 'Long Damn Song'") gleich zu Beginn auf's Glatteis und vergaß dann auch prompt den Mittelteil des Sechs-Minuten-Piano-Epos'. Das Publikum war trotzdem begeistert, und auch Mary nahm's mit Humor: "Ich versuche mich jetzt mal lieber an der Gitarre", sagte sie anschließend fast entschuldigend, "obwohl es auch da natürlich jede Menge Sachen gibt, die ich kaputtmachen kann." Wie unprätentiös und locker Mary an dieses Konzert heranging, zeigte sich auch kurze Zeit später, als sie glatt vergaß, ihren Stargast anzukündigen. Anstatt also mit großer Geste darauf hinzuweisen, daß die Gastsängerin des nächsten Songs noch nie in einem kleineren Laden (und vor weniger Publikum) in England aufgetreten war, begann Mary ganz einfach mit "Blast Off", bevor sie nach der ersten Strophe und einem erschrockenen "Oh... Tanya... das tut mir so leid!" Tanya Donelly auf die Bühne bat. Allein deren Erscheinen ließ die meisten schon von einer Verzückung in die nächste fallen, da machte es auch nichts, daß das Duett mangels Probe nicht wirklich überzeugen konnte. Tanya starrte wie gebannt die ganze Zeit auf Marys Lippen, um ja keinen Einsatz zu verpassen, was allerdings nur leidlich gut funktionierte. Geradezu sensationell gut dagegen waren Mary und Tanya bei "Johnson City" ("Tanya begleitet mich beim Upstate-New-York-Teil meiner Setlist, wahrscheinlich, weil sie die Kälte dort so mag, hahaha"), das die zwei auch schon zwei Tage vorher im ULU zusammen gesungen hatten und das sich sowieso für ein Duett viel besser eignet.
Tanya Donelly
"Strange Gift" wollte Mary dann eigentlich gar nicht spielen, "weil es alleine so altmodisch klingt". Allerdings bewies gerade die Soloversion, daß die Kombination aus einer Stromgitarre und einer engelsgleichen Stimme nicht zu schlagen ist. Nicht zuletzt, weil Mary sich so weniger als Singer/Songwriterin, sondern eher als Punk-Chanteuse präsentierte, was ihr live eigentlich viel besser zu Gesicht steht. Kurz vor dem Ende der Show kam dann sogar noch einmal Tanya zurück auf die Bühne - ihr zweijähriges Töchterchen Gracie unterhielt derweil ein Haus weiter ein vollbesetztes Café! "Und wir haben es für eine gute Idee gehalten, Kinder mit auf Tour zu bringen", witzelte Mary, bevor sie mit Tanya das herzergreifend schöne Duett "Anything Can Happen" sang, den positivsten Song, den sie je fabriziert hat. Leider fiel das großartige Gitarren-Anfangsriff der Platte der Solo-Pianobegleitung zum Opfer - aber wer Mary und Tanya vor einem weniger als einhundert Seelen zählenden Publikum sehen darf, sollte sich besser nicht beschweren! Deshalb wollen wir ihr auch verzeihen, daß sie das auf ihrer Setlist notierte, wohl beste aller Madder-Rose-Stücke ("Car Song") dann leider doch nicht spielte. Mit dem angenehm an Carole King erinnernden "Morningless D" ließ Mary dann den Nachmittag ausklingen, der eigentlich alles hatte, was ein gutes Konzert ausmacht: Intime Atmosphäre, einige Überraschungen, ein paar charmante Unfälle und vor allem jede Menge tolle Songs von einer großartigen Künstlerin, die sich (mal leider, mal zum Glück) selbst nicht dafür hält. Bleibt nur zu hoffen, daß Mary in puncto Babypause nicht Tanya nacheifert und wir sie erst wieder in fünf Jahren in Europa zu Gesicht bekommen. So lange wollen, nein, können wir nämlich mit solchen Konzerten als Maßstab nicht auf sie verzichten!
Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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