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Ohne Worte

Bob Dylan

Europa Tour 2002
Bob Dylan
Acht Shows, fast 19 Stunden Musik, 163 gespielte Songs (davon unglaubliche 66 verschiedene!), aber kein einziges Wort vom Meister selbst: Welcome To The Never Ending Tour 2002. Gaesteliste.de besuchte acht Konzerte der aktuellen Dylan-Tournee durch Europa - und dort gab es einiges zu erleben, nur eben keine Monologe von Herrn Zimmermann selbst. Kein "Hallo", kein "Danke", kein "Auf Wiedersehen" kam ihm über die Lippen. Allerdings war das auch nicht nötig, denn bei Dylan gilt bekanntlich seit Jahren: Let the music do the talking. Und die war auf dieser Tournee so abwechslungsreich wie eigentlich nie zuvor. Denn welcher andere Top-Act, der durch die größten Arenen der Welt tourt, würde oder könnte es sich erlauben, bis zu 17 Songs eines allabendlich 20 oder 21 Songs umfassenden Sets zu ändern, ohne daß dabei die Klassiker ausgehen würden? Eben!
Hamburg, Alsterdorfer Sporthalle, 09.04.2002

Dylan und seine Band - die derzeit neben den New Yorker Studio-Koryphäen Larry Campbell (Saiteninstrumente), Tony Garnier (Baß) und George Receli (Schlagzeug) auch den texanischen Gitarrengott Charlie Sexton umfaßt - waren gerade aus Skandinavien gekommen, wo sie zum Tourstart nicht nur erstmals in Europa mit Songs aus Dylans aktuellem, Grammy-geehrten Album "Love & Theft" begeistern konnten, sondern auch einige echte Überraschungen aus dem Hut gezaubert hatten. Waren Dylans Konzerte in den letzten Jahren vor allem musikalisch unberechenbar und ein Wechsel von Licht und Schatten, glänzten die fünf Amerikaner in der Hansestadt durch bisher ungekannte Lockerheit, Konstanz und vor allem konzentriert gespielte Versionen von "Desolation Row" und einem überraschend unterhaltsamen "Don't Think Twice, It's All Right", ebenso wie mit einer echten Sensation: Zum allerersten Mal seit mehr als elf (!) Jahren spielte Dylan ein radikal umarrangiertes "Subterranean Homesick Blues", die Mutter aller List-Songs (fragt R.E.M. nach "It's The End Of The World As We Know It"), und noch dazu ein Stück, von dem viele Fans gedacht hatten, Dylan könnte es ob seines ellenlangen Textes und des rasanten Tempos einfach nicht mehr singen. Er konnte, und die Experten im Publikum waren aus dem Häuschen. Für alle anderen gab's bei den Zugaben "Like A Rolling Stone" oder "I Shall Be Released" und nachher überall zufriedene Gesichter.

Frankfurt, Jahrhunderthalle, 15.04.2002

Der Saal in Frankfurt-Höchst ist nicht nur um einiges schöner als die gigantische Turnhalle in Hamburg, sondern auch nur halb so groß. Beste Voraussetzung für eine gute Show also, die schon vor dem ersten gespielten Ton eine besondere Note bekam: Schlagzeuger Receli hatte sich am Arm verletzt, und als Ersatzmann war der frühere Sideman von Buddy & Julie Miller und den Indigo Girls, Brady Blade, eingeflogen worden. Letztendlich spielte Receli zwar doch, aber Blade wurde die Ehre zuteil, als zweiter Musiker überhaupt bei einer komplette Dylan-Show zu gastieren - als zusätzlicher Percussionist. Er machte sich vor allem bei einigen Songs aus dem neuen Album "Love & Theft" wie der Crooner-Nummer "Moonlight" oder dem schwer rockenden "Honest With Me" positiv bemerkbar. Höhepunkt war ohne Zweifel die lupenreine Rockabilly-Fassung von "Summer Days" (ebenfalls von der neuen Platte), bei der alle Bandmitglieder urplötzlich eine ungeahnte Begeisterung für die 50s hervorkehrten. Aber nicht nur damit konnte Dylan abermals überraschen: "Solid Rock" und "Man Of Constant Sorrow" gehören zwar nur bedingt zu seinen Alltime Classics, fanden sich aber auf dieser Tour überraschend zum ersten Mal seit 21 bzw. 12 Jahren auf seiner Setlist wieder. Daß die Wahl des letzteren Stücks durch den Soundtrack von "O Brother Where Art Thou" inspiriert war, zeigte sich vor allem daran, daß Dylan das Film-Arrangement 1:1 kopierte. Davon abgesehen war Frankfurt ähnlich (fast möchte man sagen: ungewohnt) solide wie Hamburg, und mit "Simple Twist Of Fate" stand auch ein selten gespielter Klassiker aus seinem 70s Meisterwerk "Blood On The Tracks" endlich wieder einmal auf der Setlist.

Stuttgart, Schleyerhalle, 16.04.2002

Konnte sich Dylan bei den ersten Konzerten über mangelnden Zuschauerzuspruch nicht beklagen, hätte im Schwabenländle eigentlich auch die ungleich kleinere, aber wesentlich schönere Liederhalle gereicht. Jedenfalls hatte der Veranstalter die Bühne in weiser Voraussicht quer in die Arena gestellt und die Seiten mit häßlichen Vorhängen abgehängt. Daß die Show trotzdem spannend wurde, lag vor allem an Dylan, der gleich zu Beginn - nachdem er die Show wie in den letzten Jahren üblich mit einer der ständig wechselnden obskuren Coverversionen, dieses Mal mit Gospel-Flair, begonnen hatte - seinen Klassiker "The Times They Are A-Changin'" komplett gegen die Wand fuhr, dafür aber mit herzergreifend schönen Versionen der ultra-selten, aber nicht nur von den eingefleischten Fans immer wieder gerne gehörten Songs "4th Time Around" und "Every Grain Of Sand" die Kohlen aus dem Feuer holte. Sogar "Tomorrow Is A Long Time" hatte sich mal wieder auf die Setlist verirrt und wußte durch den ob Dylans eigenwilliger Gesangsinterpretation unabsichtlich zeitversetzten Harmoniegesang von Gitarrist Larry Campbell zu gefallen. Charlie Sexton, eigentlich auf der Bühne eher als zurückhaltender Zeitgenosse bekannt, hatte übrigens an diesem Abend ungewöhnlich gute Laune und signalisierte Dylan bei der allabendlichen Bandvorstellung mitten in "Rainy Day Women Nos. 12 & 35", daß er nun gedachte, ein Solo zu spielen. Erstaunlicherweise ließ Dylan nicht nur ihn gewähren, sondern ließ auch gleich den Rest der Band - erstmals - Mini-Soli spielen. Ein Gag, der dann für den Rest der Tour beibehalten wurde! Ein seltsames Konzert, längst nicht so ausgeglichen wie zuvor, aber gerade deshalb mindestens so unterhaltsam.

München, Olympiahalle, 17.04.2002

Das Konzert in der trotz ihrer Größe überraschend gut gefüllten Olympiahalle sollte die vielleicht beste Show werden, die wir dieses Jahr besucht haben. Trotz seiner Weigerung, mit dem Publikum zu reden, war Dylan offensichtlich in blendender Laune und die Band spielte besser als je zuvor, obwohl neben dem üblichen Schwung Klassiker ("It's Alright, Ma (I'm Only Bleeding)", "It's All Over Now Baby Blue", "Mr. Tambourine Man") auch eine ganze Reihe Raritäten auf dem Programm standen. Das biblisch-mystische "In The Garden" aus Dylans kontroverser "Born Again"-Phase Ende der 70er/Anfang der 80er zelebrierten er und seine Band in München mit traumwandlerischer Sicherheit auf höchstem Level - obwohl der Song in den letzten sechs, sieben Jahren kaum mehr als fünfmal gespielt worden sein dürfte. Und daß sie mit "Visions Of Johanna" gleich noch einen der textlich interessantesten und besten Songs aus Dylans riesigem Backkatalog dranhängten, unterstrich nur des Meisters großartige Form. Die sorgte auch dafür, daß nach dem Oscar-prämierten "Things Have Changed" (die Statue steht übrigens jeden Abend auf Dylans Verstärker) aus dem letzten Jahr ausgerechnet eins von seinen unsäglichen Blues-Workouts zum Highlight der Show wurde. "Cat's In The Well" zählt mit Sicherheit nicht zu den Höhepunkten seines Schaffens, noch nicht einmal zu den besten Songs des wenig überragenden "Under The Red Sky"-Albums von 1990, aber an diesem Abend in der bayerischen Hauptstadt verwandelten Dylan und ein exzellent aufgelegter Charlie "Cheekbones" Sexton das Stück in ein fast 13-minütiges Jam-Monster, das vor Spielfreude nur so sprühte und einige der besten Gitarrensoli enthielt, die man auf einer Dylan-Bühne in den letzten Jahren gehört hat. Der reine Wahnsinn! Nicht zuletzt, weil das Konzert mit über zweieinhalb Stunden zu seinen längsten Auftritten der letzten Jahre gehörte.

Nürnberg, Frankenhalle, 24.04.2002

Als Dylan eine Woche später - nach Abstechern nach Italien, Österreich und in die Schweiz - nach Deutschland zurückkehrte, war (fast) nichts mehr, wie es vorher war. Und das bezog sich nicht nur auf die Setlist, die - schon vorher alles andere als gleichbleibend - inzwischen zur reinsten Karussellfahrt geworden war, sondern auch auf die Band. George Receli hatte nämlich ob seiner Armverletzung inzwischen das Handtuch geworfen, und Dylan mußte sozusagen über Nacht einen Ersatz suchen. Er fand ihn in Person einer Legende: Jim Keltner, der nicht nur schon oft mit Dylan, sondern auch mit John Lennon, George Harrison, Brian Wilson, Pink Floyd, Neil Young, und, und, und zusammengespielt hatte, saß ab sofort hinter den Drums und sorgte - streckenweise unfreiwillig - für viel Abwechslung. Dylan selbst war es nämlich anscheinend völlig egal, daß Keltner nicht nur mit dem Jetlag, sondern auch mit zig für ihn neuen Songs zu kämpfen hatte, und wechselte songtechnisch weiter munter durch. Sogar "The Times They Are A-Changin'", bisher ohne Ausnahme jeden Abend gespielt, mußte dem obskuren (aber sehr willkommenen) "I'll Remember You" weichen. Die besten Songs des Abends waren aber ohne jeden Zweifel das selten gespielte, aber von Dylan unendlich gefühlvoll gesungene "Boots Of Spanish Leather" und das in Nürnberg ob seiner NS-Vergangenheit äußerst passende "Masters Of War.". Daß Keltner "Tangled Up In Blue" viel zu früh abbrach, weil er Dylans Kopfnicken nicht als Zeichen der Aufmunterung, sondern als "Befehl", den Song zu beenden, mißinterpretierte, gehörte ebenso ins Kuriositätenkabinett wie die Tatsache, daß Dylan vor dem rasenden Publikum nach der für gewöhnlich letzten Nummer wortlos zur Uhr deutete, als wolle er sagen: "Hey, ich hab schon weit über zwei Stunden gespielt, das muß jetzt reichen." Glücklicherweise ließ er sich dann doch erweichen und hängte noch einen echten Knüller dran: "All Along The Watchtower". Rock on!

Strasbourg, Hall Rhenus, 25.04.2002

Daß sich direkt vor der Bühne ungewöhnlich große Ansammlungen von französischen Teenie-Mädels befanden (die, das sei nebenbei erwähnt, alleine vor der Show mehr seltsame Kräuter rauchten als Bob Marley zu seinen besten Zeiten), mag der Ausschlag dafür gewesen sein, daß Dylan abermals gut gelaunt über die Fehler seines immer noch ungeübten Neu-Schlagzeugers hinwegsah und zwar gesangstechnisch nicht unbedingt neue Maßstäbe setzte, dafür aber eine exquisite Setlist zusammengezimmert hatte mit "I Want You", erstmals überhaupt vor zahlendem Publikum in einer - angenehm flotten und überhaupt sehr gelungenen - Akustikband-Version, dem selten gespielten Höhepunkt seines aktuellen Albums "Sugar Baby" oder dem ultra-raren und an diesem Abend durch ein Mundharmonikasolo zusätzlich veredelten "Shooting Star". Zwischendurch gab es zwar einigen Leerlauf, der seinen Höhepunkt mit einem Stromausfall auf der Bühne mitten in "Summer Days" fand (Jim Keltner unterhielt derweil das Publikum mit einem "unplugged" Drum-Solo), aber trotzdem war die Show gerade für die vielen Dylan hinterherreisenden Fans eine mehr als willkommene Abwechslung.

Oberhausen, Arena, 27.04.2002

Irgendwann mußte es kommen, und in Oberhausen hat es ihn dann erwischt. Dylan, gesundheitlich offensichtlich etwas angeschlagen, machte so ziemlich alles falsch, machte - im krassen Gegensatz zu den vorangegangenen Shows - seinem Ruf als Nuschelweltmeister alle Ehre, wirkte fahrig und hatte offensichtlich nur Freude daran, gegen seine Band anzuspielen und so für eine gespannte Atmosphäre auf der Bühne zu sorgen. Okay, mit "You're A Big Girl Now" und dem wirklich ausgezeichneten "Positively Fourth Street" gab es auch Highlights, aber was half es, wenn Dylan dafür bei "Tomorrow Is A Long Time" den Text der dritten Strophe vergaß und damit den Song komplett abstürzen ließ? Selbst das ansonsten in der Live-Version schwer rockende "Cry Awhile" (aus "Love & Theft") kam an diesem Abend stockend und somit saft- und kraftlos daher. Dylans Mundharmonikaspiel war zudem allenfalls ein mal mehr, mal weniger sinnvolles "Getute". Und das alles, obwohl Keltners Schlagzeugspiel inzwischen mehr als nur solide war. Der Tiefpunkt der Tour.

Rotterdam, Ahoy, 02.05.2002

Daß Oberhausen ein einmaliger Ausrutscher gewesen war, bewies Bob nicht nur mit - nach Augenzeugenberichten - großartigen Shows in Brüssel und Paris direkt im Anschluß, sondern auch mit dem krönenden Abschluß der Tour in "Mainland Europe", bevor nun bis Mitte Mai noch Konzerte in Großbritannien auf dem Programm stehen. Obwohl seine Stimme gerade bei den letzten Nummern merklich angeschlagen klang und er auch mehrmals zum Taschentuch greifen mußte, sorgte nicht nur die gute Songauswahl, sondern vor allem seine beängstigend perfekte Band für ein großes Konzerterlebnis in Rotterdam. Das begann gleich schon mit dem zweiten Song, dem äußerst selten gespielten "I Threw It All Away", das seit der Originalversion auf "Nashville Skyline" 1969 wohl selten so gut geklungen hat. "Love Minus Zero/No Limit" konnte ebenfalls durch Dylans perfekten Gesangsvortrag und ein wunderschönes Pedal-Steel-Solo von Larry Campbell begeistern, und durch eine veränderte Gesangsmelodie konnte Dylan selbst "Tangled Up In Blue" noch neue Seiten abgewinnen. Ohne Frage der Höhepunkt der Show war allerdings "Blind Willie McTell", das eine selten erreichte Perfektion sowohl in Dylans Gesangsvortrag als auch bei Charlie Sextons Solos hatte, ganz abgesehen davon, daß der Song sowieso zu den unangefochtenen Meisterwerken Dylans zählt. Nach dem üblichen Zugabenreigen mit "Like A Rolling Stone" und "Blowin' In The Wind" sorgte dann abermals "All Along The Watchtower" für das passende apokalyptische Finale.

Fazit? Auch ohne Worte sind Dylan und seine Band so gut wie (fast) nie zuvor!

Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Mark Seliger-


 
 

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