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Trainingslager

Sportfreunde Stiller

Dortmund, Sabotage
05.07.2002
Sportfreunde Stiller Setlist
Vor dem Stadion, ähm, dem Sabotage hatte man den Eindruck, hier würden Vizeweltmeister zurück erwartet oder es stünde zumindest das erste Training der neuen Saison beim BVB an. Hunderte von Menschen knubbelten sich vor dem einzigen Eingang. Wartezeiten von bis zu 90 Minuten (!) waren keine Seltenheit. Irgendjemand in der Schlange meinte, es sei wohl früher einfacher gewesen, eine Ausreisegenehmigung aus der DDR zu erhalten als in diesen Club zu gelangen. Selbst verzweifelte Ausrufe einiger Eingequetschter ("Sportfreunde Stiller sind live soooo Scheiße, was wollt ihr alle hier?") halfen nichts.
So kamen dann auch etliche Leute zu spät und konnten höchstens noch der von Bassist Rüdiger Linhof stilecht auf einem Pappteller verewigten Setlist entnehmen, daß "Komm schon", das immer wieder großartige "Einmal Mond und zurück" und die voraussichtlich nächste Single "Tage wie dieser" bereits gelaufen waren und die drei Helden auf der winzigen Bühne nicht nur mit einigen technischen Schwierigkeiten hatten fertig werden müssen, sondern auch schon verschwitzt wie nach 120 Minuten plus Elfmeterschießen waren. (Passenderweise fuhren Peter Brugger und Florian Weber nach dem Konzert nicht direkt weiter zum für den nächsten Tag geplanten Festivalauftritt in der Nähe von Berlin, sondern erst einmal nach München [!], um dort für die Atomic Allstars gegen den Ball zu treten...)

Aber warum auch nicht? Mit einer Band auf Tour zu gehen ist schließlich eigentlich genau das gleiche wie Fußballprofi sein - nur saisonal umgekehrt. Bei den Fußballern ist im Sommer Pause und im Winter gibt's Hallenturniere, die meisten Bands scheuen Konzerte im Winter und spielen dafür im Sommer zwischen den eigenen Tourneen Festivals. Und weil man halt nicht unvorbereitet zigtausenden von Fans auf einer Riesenbühne begegnen will, spielt man um warm zu werden, kleine Clubkonzerte wie dieses, bei dem man ausgerechnet das öfters missverstandene "Heimatlied" mit dem Satz "Ich hoffe, daß ihr am 22. September nicht Ede Stoiber euer Kreuz gebt" ankündigen kann. Zumindest, wenn man Peter heißt. Dann kann man nämlich auch eine Gedenkminute für Oliver Kahn veranstalten, "weil er doch seinen Finger für uns gebrochen hat". Oder man improvisiert mitten im Set ein Jazz-Instrumental (manche hielten es für die Livepremiere von "On The Road" vom "Thonträger"...), nur um dann nachher sagen zu können: "Seht ihr, wir können auch richtig musizieren!". Ausgerechnet mitten in "Wunderbaren Jahren", dem "Lieblingslied" von Flo, fiel Peter dann auf, daß seine Gitarre völlig verstimmt war, und sehr zur "Freude" des Schlagzeugers durfte er die Nummer dann sozusagen gleich zweimal spielen. Zum Schluß ließ sich Peter noch von der Menge auf Händen durch den ganzen Saal tragen, um der feiernden Meute "zu zeigen, wo es die T-Shirts zu kaufen gibt". Die Zugabe "Ein Kompliment" versetzte dann kleine Mädchen und erwachsene Männer gleichsam in einen kollektiven Freudentaumel, und da macht es auch gar nichts, daß die drei Sportfreunde den letzten Song des Papptellers, pardon, der Setlist ("Fast wie von selbst") gar nicht mehr spielten. Verständlich, denn auf der Bühne dürfte die Luft inzwischen dünner gewesen sein als 1986 bei der WM in Mexiko...

Sportfreunde Stiller
NACHGEHAKT BEI: Sportfreunde Stiller

Vor dem Spiel klärte Sportfreund Peter Brugger Gaesteliste.de über seine Gedanken zur Festivalsaison auf.

GL: Viele Leute - Bands wie Fans - bemängeln, daß gerade bei den Riesen-Festivals die Musik nur noch Nebensache ist. Geht euch das ähnlich?

Peter: "Ich seh die Sache so: Freier Eintritt für uns, hier und da ein Kaltgetränk unserer Wahl, die Möglichkeit zu behaupten, man wäre schon mal auf derselben Bühne gestanden wie die Red Hot Chili Peppers oder Die Toten Hosen, Bryan Adams oder Ozzy Osbourne, der unvergessliche Eindruck, vor mehreren Tausenden von Menschen zu spielen, Sonic Youth seinen Verzerrer zu leihen, die ihn dann doch nicht benötigen, mit Walter Schreifels sein Bier (unfreiwilligerweise) zu teilen, gegen Fettes Brot Fußball zu spielen und Kevin von Trail Of Dead anzupflaumen, warum er den Ball nicht gehalten hat - das alles entschädigt doch sehr für meistens kurze Auftrittszeiten, stressigen Umbau, das Gefühl, ein wenig abgefertigt zu werden, und die Tatsache, daß sich die Leute an heißen Sommertagen manchmal mehr für Wasser interessieren als für die Musik, wie ich im übrigen auch. Ich liebe Festivals, Musik und den FC Bayern!"

GL: Die Herren von Slut erzählten uns kürzlich, daß sie sich nicht als typische Festivalband sehen. Weder auf, noch hinter der Bühne...

Peter: "Was heißt typische Festivalband? Ich habe Slut auf dem Frequency-Festival gehört und den Auftritt sehr genossen. Das war top und auch super. Meiner Meinung nach macht genau dieser Umstand ein Festival aus: Daß dort die verschiedensten Musikstile und Bands aufeinander treffen, daß man bei Slut schwelgen und träumen kann, daß man Gentleman ein 'Siiignaaallll' geben kann und daß man bei Die Ärzte mitsingen kann und abgehen und hurra schreien."

GL: Hat sich für euch etwas verändert, seitdem ihr nun nicht mehr im Zelt/auf der Nebenbühne, sondern auf der großen Hauptbühne spielen könnt?

Peter: "Wir genießen es sehr, auf großen Bühnen zu spielen, denn unser Ziel ist es, unseren 'Trash' in den Stadien dieser Welt zum Besten zu geben."

GL: Zum Schluß vielleicht noch eine Festival-Anekdote?

Peter: "Unsere erste Bizarre-Erfahrung wird wohl für immer eine unvergessliche bleiben. Wir sollten auf der Visions-Aftershow-Bühne spielen, und unser Auftritt war auf halb 4 Uhr morgens angesetzt. Wir dachten uns: 'Das kann ja heiter werden, mit ein paar versprengten völlig betrunkenen Zuhörern, die da eigentlich Korn hören wollen und uns wahrscheinlich mit Fäkalien bewerfen werden.' Doch alles kam anders: Mehrere Hundert bis Hunderttausend Sportfreundinnen und Sportfreunde feierten mit uns ein frenetisches Fest. Mit ungläubigen Blicken und gänsehautübersäten Körpern musterten wir die Leute, die mit begeisternder Euphorie und nicht enden wollender Energie zu unseren Liedern hüpften und sangen, crowdsurften und schunkelten. Das war wunderschön. Danke nochmal und auf ein Neues beim Bizarre 2002, diesmal nachmittags und auf der Hauptbühne! Wir erwarten uns nichts..."

Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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