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The Original Punkrocker

Patti Smith

Köln, E-Werk
07.08.2002
Patti Smith
Dass Patti Smith als Poetin und Performerin eine Klasse für sich ist, war und ist unbestritten. Dass aber auch ihre Auftritte unvergessliche Erlebnisse sind, verdankt sie nicht zuletzt ihren unfassbar guten Begleitern. Nein, die gleiche Band wie 1979 ist es nicht mehr. Die Patti Smith Group gibt es nicht mehr. Pianist Richard Sohl starb den Drogentod und Gitarrist Ivan Kral hat offensichtlich Besseres zu tun, doch die beiden wichtigsten Mitglieder der alten Besetzung, die beiden, die mehr als alle anderen Pattis Worte in Töne umgesetzt haben, die die "Horses" von Pattis legendärem Debütalbum 1975 zum Leben erweckten, stehen immer noch mit ihr auf der Bühne: Gitarrist / Produzent / Journalisten-Legende Lenny Kaye und Schlagzeuger Jay Dee Daugherty. Dass das ein mittleres Wunder ist, sehen die beiden übrigens selbst auch so. Als Gaesteliste.de Jay Dee 1998 auf Pattis Australien-Tournee traf und Verwunderung darüber äußerte, dass er immer noch mit dabei sei, meinte er nur breit grinsend: "Dich überrascht das? Was meinst du, wie es mich erst überrascht!"
Ganz und gar nicht überraschend war, dass der Auftritt im gut gefüllten Kölner E-Werk zu einem weiteren Triumphzug für Patti und ihre Gang wurde. Der Beginn war mit dem Spätwerk "Dead City" (aus dem 1997er "Peace & Noise"-Album) zwar noch etwas verhalten, aber schon der zweite Song sorgte für grenzenlose Begeisterung: Da spielte Patti doch tatsächlich - zum ersten Mal seit JAHREN! - "25th Floor" und tat das mit traumwandlerischer Sicherheit, so dass man spätestens beim verlängerten furiosen Finale kaum glauben mochte, dass es sich um einen Neuzugang auf der Setlist handelte. Neu war auch, dass Bassist Tony Shanahan bei einigen Songs am Keyboard saß und so einige jahrelang in umarrangierter Form nur mit Gitarren gespielte Songs nun wieder im Originalarrangement zum Zuge kamen. "Free Money" beispielsweise, die oft gecoverte, aber nie erreichte Nummer von "Horses", an diesem Abend einmal mehr Note für Note perfekt und derartig mitreißend gespielt, dass man sich fragte, ob die White Stripes die Krone für die beste Garagenpunk-Band aus Detroit nicht vielleicht doch zu Unrecht tragen!

Dass Patti aber auch die beschaulicheren Töne in Vollendung beherrscht, zeigten die Semi-Akustik-Stücke zur Halbzeit: "Beneath The Southern Cross" (das Patti ihrem früheren Gitarristen und Lebensgefährten Oliver Ray widmete) und der einzige - von einem William-Blake-Gedicht eingeleitete - neue Song, "Boy Cried Wolf". Dass das Set gerade gegen Ende vor allem aus alten Krachern bestand, machte sich erstaunlicherweise überhaupt nicht negativ bemerkbar, denn sämtliche Stücke besitzen auch noch nach 20 oder 25 Jahren eine solche amtliche Gültigkeit, für nostalgische Anwandlungen nicht den Hauch einer Chance hatten: Das jüngeren Semestern vor allem in den Versionen von U2 und The Mission bekannte "Dancing Barefoot" (von der LP "Wave" und einmal mehr mit Pattis berühmtem "Striptease" am Bühnenrand) gab es genauso wie "Summer Cannibals" und natürlich Pattis Hymne "Because The Night". Zuvor hatte sie ihrem Publikum wortreich und eindringlich ans Herz gelegt, am 22.09. die SPD zu wählen ("Ich habe bei der Wahl hier zwar keine Stimme, aber wenn, würde ich sie für Schröder abgeben"), weil man eine Partei nicht nur wegen hoher Arbeitslosenzahlen abwählen dürfe, denn die gäbe es anderswo spätestens seit dem 11. September genauso, und außerdem müsse man Parteien unterstützen, die gegen den Krieg seien. So friedliebend sich Patti auch zeigte, auf ihre Band war sie dann kurzzeitig dennoch richtig böse. Die hatte nämlich das noch nicht einmal auf der Setlist verewigte (und eh selten gespielte) "Ain't It Strange" ein paar Takte zu früh beendet, was für Patti anscheinend genug Anlass zwar, einen etwas verdutzten Jay Dee und einen reichlich eingeschüchtert dreinschauenden Lenny ziemlich böse anzufauchen.

Patti Smith
Dem Publikum durfte das allerdings egal sein, denn spätestens als Patti zum Finale mit "People Have The Power" und - natürlich! - "Gloria" im Bühnengraben mit den Fans in den ersten Reihen auf Tuchfühlung ging, kochte die Stimmung in der Halle vollends über. Bei den Zugaben wurde dann auch der junge Mann mit der Wuschelfrisur persönlich vorgestellt, der als zweiter Gitarrist den ganzen Abend fast regungslos am Bühnenrand gestanden hatte und Oliver Ray mehr als nur ersetzt hatte: Jackson Smith. Oder, wie Patti scherzhaft anmerkte: "He's my son, so I'm partly to blame for him!" Bei "Wing" machte er - wie auch seine Bandkollegen - jedenfalls alles richtig, bevor ein letzter Spoken-Word-Auszug aus "Early Works" den Weg für Punkrock in Reinkultur ebnete. Als letzter Song des Abends stand nämlich die gut zehnminütige Version von "Rock N Roll Nigger" auf dem Programm, bei der Patti mal kurz eben alle Saiten von ihrer Gitarre riss und die so manchem im Publikum auch nach Tagen noch in den Ohren scheppern dürfte. U.N.G.L.A.U.B.L.I.C.H.!

Patti hat es zwar nicht nötig, irgendetwas zu beweisen, aber mit dieser zweistündigen Tour de Force hat sie ihre Ausnahmestellung einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Wer, wie in Pattis Fall, auf der Höhe des Erfolges, nach einer Show vor mehr als 70 000 Fans in Florenz 1979 spontan komplett aus dem Musikbiz aussteigt, eine Familie gründet und fast ein Vierteljahrhundert später mit haargenau der gleichen Energie und Überzeugungskraft die Menschen begeistert, ohne auch nur den geringsten künstlerischen Kompromiss eingegangen zu sein, verdient größtmöglichen Respekt. Patti Smith - we salute you!

Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Steven Sebring-


 
 

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