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Konzert-Bericht
 
The Farewell Edmund Stoiber Tour

Billy Bragg

Bochum, Matrix
27.09.2002
Billy Bragg & The Blokes
Nach vielen Jahren war es endlich wieder so weit: Billy Bragg einmal mehr in Bochum, also der Stadt, die schon früh in den 80ern eine seiner ersten Hochburgen war und die für den Polit-Barden aus Barking, Essex, sogar so viel Bedeutung hatte, dass sie in Andrew Collins' lesenswerter Bragg-Biographie "Still Suitable For Miners" gleich mehrfach erwähnt wurde. Früher spielte Billy zumeist in der Zeche, dieses Mal sollte es Goth Central - das Kellergewölbe der Matrix - sein. Nicht gerade ein Heimspiel für den Engländer, und vielleicht wurde es deshalb auch ein Konzert, das eher zwiespältige Gefühle hinterließ.
Billy Bragg & The Blokes
Ganz sicher nicht wegen der Setlist, denn die war ausgezeichnet. Vom aktuellen Album "England, Half English" hatten sich nur relativ wenig Songs ins Programm verirrt, dafür gab es gleich zu Beginn ein willkommenes "Dolphins" (aus dem '91er Album "Don't Try This At Home") und einen langen, etwas schadenfrohen Monolog von Billy über Edmund Stoibers Wahlniederlage ("Welcome to the Farewell Edmund Stoiber Tour"), nachdem er dem Kanzlerkandidaten der CSU dann sogar breit grinsend gleich noch das nächste Lied widmete: "Accident Waiting To Happen". Ein Song, der bereits alle Schwächen des Konzertes andeutete: Zum einen war so schon gleich zu Beginn klar, dass Billy auch auf dieser Tour seine alten Klassiker in umarrangierter Form zum Besten geben würde, die seiner Band The Blokes - Ben Mandelson und Lu Edmonds an den Saiteninstrumenten, Martyn Baker am Schlagzueg, Simon Edwards am Bass und Tastenlegende Ian McLagan an Hammond Orgel und Keyboards - zwar gut zu Gesicht standen, aber nur bedingt etwas mit dem Billy Bragg zu tun hatten, der den Großteil des eher etwas gesetzteren Publikums angelockt hatte. Zum anderen hatte Billy einen ziemlich heftigen Schnupfen, und Lu konnte sich grippegeschwächt kaum auf den Beinen halten. Nicht die besten Voraussetzungen für einen großen Abend also.

So kam es, dass Billy und The Blokes aller Fröhlichkeit zum Trotz streckenweise müde und ausgelaugt wirkten. Das als bluesige Ballade gespielte "Way Over Yonder" und die prima Mitmachnummer "California Stars" aus dem ersten Woody-Guthrie-"Mermaid Avenue"-Album sorgten zwar allenthalben für strahlende Gesichter, die neuen Nummern, selbst das gelungene "NPWA", dagegen für vermehrte Privatunterhaltungen im Publikum. Billys politische Statements wirkten an diesem Abend zudem streckenweise eher wie Mantras denn wie treffende Beobachtungen des Zeitgeschehens. Da half es auch nichts, dass Billy scherzend ankündigte, er würde bei der anschließenden Goth-Disco noch im Käfig tanzen, und überhaupt sollten die Leute ihm doch bitte auf der Bühne seinen Tanzstil nachsehen: Schließlich sei er nicht wirklich ein Tänzer - und dass er nicht wirklich ein Sänger sei, habe ja auch 20 Jahre lang niemanden gestört! Nach gut der Hälfte der über zweistündigen Show begann Billy dann, ein wahres Feuerwerk aus Hits und Hymnen abzubrennen, was - nicht unbedingt zu seiner Freude - vor allem eine Handvoll Betrunkener direkt vor seiner Nase zu "gesanglichen" Höchstleistungen animierte. Da gab's "The Great Leap Forward", "Power In A Union" und das ebenso gerne gehörte wie unvermeidliche "A New England".

Billy Bragg & The Blokes
Der erste Teil der Zugabe gehörte dann Billy alleine, und er nutzte die Zeit, um neben "Distant Shore" aus dem neuen Album auch eine brandneue, politisch brisante Nummer, wohl mit dem Titel "The Price Of Oil", erstmals vorzustellen: Billy's erstes songtechnisches Statement zum 11. September und den Folgen. Für das große Finale hatte er sich neben Woody Guthries sehr passendem "All You Fascists Are Bound To Lose" einige Überhits aufgehoben, die er allerdings mit den Blokes so dermaßen umgekrempelt hatte, dass sie mit den hymnischen Originalen nicht mehr viel zu tun hatten. Aber wer Songs wie "Upfield" oder "Sexuality" geschrieben hat, darf damit natürlich auch machen, was ihm Spaß macht. Nach der letzten Nummer beteuerte Billy noch einmal, dass er in Bochum einen Riesenspaß gehabt habe, aber so ganz glauben wollte man ihm nicht.

Es war zwar auf gar keinen Fall ein schlechtes Konzert, denn Billy ist halt ein Könner, aber von der Magie, die Billy - solo und gesundheitlich voll auf der Höhe - Anfang des Jahres in der Hamburger Prinzenbar versprüht hatte, war in Bochum nur selten etwas zu spüren.

Surfempfehlung:
www.billybragg.co.uk
Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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