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Kein Platz für Melancholie

Bright Eyes
Azure Ray/ The Good Life

Hamburg, Molotow/ Köln, Gebäude 9
25.11.2002/ 28.11.2002
Bright Eyes
Conor Oberst - Genie und Mythos. Gerade einmal 22 Jahre ist der Mann aus Nebraska alt, aber trotzdem ist er seit acht Jahren aus dem amerikanischen Musik-Untergrund nicht mehr wegzudenken, egal ob als Mitglied der Kultband Commander Venus, als Mitinitiator des vielbeachteten Labels Saddle Creek oder nun als Kopf von Bright Eyes, die mit "Lifted..." unlängst ein weiteres brillantes Album und eine der besten Platten des Jahres vorgelegt haben. Oberst klingt dabei nicht selten wie ein junger Bob Dylan - und dieses Mal hinkt der Vergleich nicht so sehr wie sonst so oft. Denn Oberst gelingt es, den Geist großartiger Platten wie "Blonde On Blonde" einzufangen, ohne sie jedoch zu kopieren, geschweige denn sich als Solist mit Akustikgitarre und Mundharmonika auf die Bühne zu stellen. Dass er als arroganter, launischer Alleskönner gilt, passt da nur allzu gut ins Bild. Und passend zu Dylans aktueller Veröffentlichung, einem 1975er Mitschnitt seiner "travelling freakshow", der Rolling Thunder Revue, hatten auch die Auftritte von Bright Eyes nicht nur wegen der Bandbesetzung – Bläser, Pedal Steel, Banjo, Cello und Querflöte mussten es schon sein! - etwas sehr Zirkusmäßiges an sich. Dass Bright Eyes berüchtigt für ihre schwankenden Leistungen auf der Bühne sind, ist da nur eine weitere Parallele zu Dylan.
Bright Eyes
Der Meister war ungehalten. "Und wo soll hier eine elfköpfige Band hin?" Die Bühne des Hamburger Kellerclubs Molotow war viel zu winzig für sein imposantes Ensemble, und so schickte er die meisten wieder weg. Zu viert blieben sie da. Kein besonders guter Start, jedenfalls keiner, der die labile Laune des Frontmans von Bright Eyes hebt. Um die Sache abzurunden, riss auch noch der Gurt seiner Gitarre. Mürrisch holte Oberst sich einen Hocker heran und setzte sich drauf. Mit dem Ergebnis, dass all die Zuschauer, die nicht in der ersten Reihe standen, ins Leere glotzten. Da standen sie, zusammengepfercht im Windkanal des großen Ventilators, der an diesem Abend so manchen Kreislaufkollaps im ausverkauften Club verhinderte. Und hörten den Klagen des sensiblen, launischen Sängers zu, die er in Hamburg besonders wehmütig vortrug. Schön waren sie in ihrer Miniaturausgabe zweifellos, allen voran "Method Acting" vom aktuellen Album "Lifted...", passend und gefährlich für einen trüben Montag im November. Und dennoch: Wenn Bright Eyes spielen, darf nichts schief gehen. Conor Oberst ist eine Mimose, eine noch traurigere Ausgabe von Coldplays Chris Martin, und eine kleine Bühne, gepaart mit einem kaputten Gurt, können seine Spielfreude schon dämpfen. Was an diesem Abend dazu führte, dass nicht Melancholie im Vordergrund stand, sondern schlechte Laune. Am nächsten Tag, so hörte man, sagte Oberst alle Interviewtermine ab. Er kränkelte. War wohl zu viel Ventilatorluft.
Bright Eyes
Doch auch wenn Oberst Gaesteliste.de (und allen anderen Publikationen) in Köln das Gespräch verweigerte, anders als in Hamburg wurde es ein grandioser Abend, an dem selbst die Vorgruppen besser als je zuvor ankamen. Den Anfang machten Azure Ray mit einem viel zu kurzen Set, vollgestopft mit traurigen, altmodischen Gitarrenpopsongs, die neben Akustikgitarren, Keyboards und leisen Rhythmen aus dem Computer vor allem auf die herzergreifend schönen Harmonien von Orenda Finkuand Maria Taylor zurückgriffen. 4AD-Sphären-Pop meets Cranberries-mäßiges Ohrwurmpotential. Will meinen: Große Kunst! Das Publikum war tief beeindruckt und geradezu uncharakteristisch leise. Das bemerkten auch The Good Life, die sich ihre Vorliebe für verqueren Indierock bei Pavement und den Hang zu epischen Sounds und Vollbärten bei Built To Spill abgeschaut haben mögen: Sie seien als Vorgruppe noch nie einem so aufmerksam zuhörenden Publikum begegnet, ließ Frontman Tim Kasher das Publikum im brechendvollen Gebäude 9 wissen. Aber es waren nicht diese wohlwollenden Worte, sondern ihre tolle Musik, mit der sie die Leute vor der Bühne problemlos überzeugen konnten.

Und dann war es endlich Zeit für den Hauptgang: Mit der kompletten Besetzung von Azure Ray und The Good Life plus Extra-Personal als Backingband (großartigerweise spielte niemand auf der Bühne an diesem Abend nur ein Instrument, der eine wechselte von der Gitarre ans Akkordeon, eine andere von der Gitarre an die Trompete, wieder eine von der Klampfe zum Schlagzeug!) betrat Oberst die Bühne und fühlte sich mit seiner 11-köpfigen Band von Anfang an in Köln viel besser als in Hamburg. Dass er den Veranstaltern half, beim Gläserspülen zu sparen, und seinen Rotwein gleich aus der Flasche trank, tat sicherlich ein Übriges dazu. Mit schlafwandlerischer Sicherheit und aufgeputscht von einem restlos begeisterten Publikum spielten sich Bright Eyes auch in der Domstadt vor allem durch die Highlights des neuen Albums. Dass aber ausgerechnet ein auf dem Album eher unauffälliger Song wie "Bowl Of Oranges" zu einem der absoluten Höhepunkte werden sollte, war ebenso ungewöhnlich wie willkommen. Die Trophäe für den besten Moment der Show nahm dennoch ausgerechnet die einzige Coverversion mit nach Hause. Jedenfalls machte Oberst in kleiner Quartettbesetzung aus "Burn Rubber", einer im Original eher etwas schluffigen 4-Spur-Nummer des ebenfalls aus Nebraska stammenden und hierzulande leider viel zu unbekannten Simon Joyner, ein kammerpopmusikalisches Glanzlicht ohnegleichen. Den größten Applaus dagegen heimste erwartungsgemäß die neue Single "I Want A Lover I Don't Have To Love" mit ihrem "Stairway To Heaven"-inspirierten Intro ein. Beim rauschenden Finale mit "Let's Not Shit Ourselves" stand dann alles auf der Bühne lichterloh in Flammen, und mittendrin stand Oberst wie ein Fels in der Brandung – mal auf den Knien in Erlöserpose, mal auf dem Verstärker stehend... wow! Schade um den Auftritt in Hamburg, aber wer in Köln dabei war, darf sich sicher sein, eines der besten Konzerte des abgelaufenen Jahres miterlebt zu haben!

Surfempfehlung:
www.saddle-creek.com/bands/brighteyes/
www.speakeasy.org/~pjohnson/bright/bright.html
www.brighteyes-live.com
Text: -Christian Zeiser (Hamburg) / Carsten Wohlfeld (Köln)-
Fotos: -Ryan Fox-

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