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Stillleben

Transmissionary Six
Slowtide

Münster, Gleis 22
05.02.2003

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Transmissionary Six
"Unscheinbar" und "ergreifend" sind die zwei Vokabeln, die einem in Zusammenhang mit Transmissionary Six am ehesten in den Sinn kommen. Das gilt für ihre Platten ebenso wie für ihre Konzerte. Die zwei aus Seattle - Terri Moeller, sonst auch Schlagzeugerin bei den Walkabouts, und Paul Austin, ehemals Gitarrist und Songschreiber bei der Willard Grant Conspiracy - schaffen nämlich das Kunststück, mit äußerst melancholischen, ja geradezu zerbrechlichen Songs ihr Publikum nicht depressiv, sondern ganz einfach glücklich zu machen. Nachdem sie innerhalb eines Jahres gleich drei Platten veröffentlicht haben - zwei auf dem kleinen US-Label FilmGuerrero, eine in der bekannten deutschen Mailorder-Reihe Return to Sender - sind sie noch bis Mitte Februar livehaftig und verstärkt durch ihren holländischen Tourgitarristen Maz auf deutschen Bühnen zu erleben.
In Münster gab es zudem noch ein ziemlich gutes Vorprogramm. Kevin Werdelmann, Kopf der Band Slowtide, spielte ausnahmsweise einmal solo. Und auch wenn der junge Mann eigentlich aus Bochum kommt, heißt sein Held hörbar eher Noel Gallagher denn Herbert Grönemeyer. Bewaffnet nur mit seiner ausdrucksstarken Stimme und einer Akustikgitarre sorgte Kevin im Gleis für kurzweilige 45 Minuten. Okay, die Akkorde, die er für seine Songs benutzt, kommen auch in jedem x-beliebigen Oasis-Song vor, aber was den Briten recht ist, soll Kevin billig sein. "The Story Of Your Life" jedenfalls hat fast schon die Bezeichnung Hymne verdient, und die beiden Coverversionen - "There's A Light That Never Goes Out" von den Smiths und The Verves "The Drugs Don't Work" - konnten auch überzeugen. Wenn der gerade einmal 21-jährige Kevin jetzt noch den Drang, jeden Song übermäßig lang anzukündigen, unterdrücken könnte, dürften wir noch einiges von ihm und seinem "German Britpop" hören.

Danach ging es dann zwar in Triobesetzung, aber soundtechnisch wesentlich gedämpfter weiter. Im Vergleich mit den Walkabouts und der Willard Grant Conspiracy könnte man geradezu von einem spartanischen Sound sprechen. Terri hatte nämlich ihr Schlagzeug zu Hause gelassen, und so war es Paul überlassen, mit seiner behutsam gespielten Stromgitarre das rhythmische Fundament zu legen, auf das Maz gekonnt sphärische Gitarrenklänge setzte, für die er nicht nur eine ganze Armada an Effektgeräten, sondern auch gerne mal ein handelsübliches Küchenmesser verwendete. Im Mittelpunkt des wunderbar fragilen Klangs standen natürlich Terris tolle Stimme und ihr vereinzeltes, sehr effektvolles Mundharmonikaspiel, die Transmissionary Six streckenweise ähnlich bezaubernd schön wie die Cowboy Junkies klingen ließen. Das Programm setzte sich aus den Highlights des Erstlings wie "Rodeo Satellite" und natürlich vor allem den Songs des zweiten FilmGuerrero-Albums "Spooked" zusammen, von denen das auch bei Gaesteliste.de als Download erhältliche "Piece Of Cake" und das untypische, im Velvet-Underground'schen Sinne rockige "Sermon On The Hatchback" herausstachen. Da ist es fast überflüssig zu erwähnen, dass Transmissionary Six auch einige ausgezeichnete Coverversionen von David Bowie und Talk Talk zu ihrem Repertoire zählen. Ähnlich wie die Seelenverwandten von Califone oder den Red House Painters machen die Amerikaner keine einfache Musik ("Indie-Folk" heißt die Schublade, die dafür gerne bemüht wird), und auch das Konzert in Münster verlangte vom Publikum höchste Konzentration, diejenigen allerdings, die sich auf den Sound von Transmissionary Six einlassen konnten, wird er so leicht nicht mehr loslassen. Denn trotz aller Spleenigkeit und Schüchternheit, die in den Songs mitschwingen, ist die Musik von Transmissionary Six doch vor allem eines: Fesselnd!

Text: -Carsten Wohlfeld-

BACKSTAGE WITH: TRANSMISSIONARY SIX

Vor dem Konzert in Münster traf Gaesteliste.de Terri und Paul, um mit ihnen (nicht nur) über ihr ausgezeichnetes brandneues Album "Spooked" (FilmGuerrero/Indigo) zu sprechen.

GL: Gab es für euch bestimmte Künstler, die euch inspiriert haben, Musiker zu werden?

Paul: Ich bin in Maine aufgewachsen, und wir haben immer den Bus nach Boston genommen, um zu Punk- und Hardcore-Konzerten zu gehen. Dort habe ich Mission Of Burma mit ihrem Bassisten Clint Conley gesehen. Er hat gar keine richtigen Basslines gespielt und war überhaupt nicht groovy, er war unglaublich rau, aber gleichzeitig geradezu lyrisch. Das ist vielleicht vergleichbar mit der Art, wie Grant Hart bei Hüsker Dü Schlagzeug gespielt hat. Für mich spielte Clint Soulmusik. Ich hatte zwar mein ganzes Leben Sachen wie Smokey Robinson gehört, aber als ich Clint und Mission Of Burma spielen sah, begriff ich, was Soulmusik wirklich bedeutet.

Terri: Ich habe schon früh angefangen, Schlagzeug zu spielen, und damals war Keith Moon der Allergrößte für mich, und für viele Jahre war er mein Lieblingsdrummer. Ich mochte einfach seine Energie und wie er spielte. Ich habe viel Zeit im Keller mit Kopfhörern verbracht und habe - ziemlich miserabel - zu The-Who-Platten gespielt. Mein Schlagzeugspiel hat natürlich mit seinem überhaupt nichts zu tun, aber wenn ich Keith heute höre, bin ich immer noch ganz überwältigt. Später ist es mir noch einmal ähnlich ergangen, als ich Tony Williams [lange Jahre Miles Davis' Schlagzeuger] gehört habe. Er spielt natürlich ganz anders als Keith, aber sein Sound ist auch einmalig.

GL: "Spooked" (produziert von Tucker Martine, der auch das wunderbare neue Jesse-Sykes-Album betreut hat) klingt, nicht nur, weil dieses Mal mehr Gastmusiker mitwirken, ganz anders als eurer selbstbetiteltes Debüt aus dem letzten Jahr. Wie kommt's?

Paul: Auf der zweiten Platte konnten wir jetzt alles anders machen, weil wir ja nicht in der Öffentlichkeit stehen und wir keinerlei Erwartungsdruck ausgesetzt sind. Wir müssen nicht überlegen, was die Leute an der ersten Platte am meisten gemocht haben, um das auf der zweiten zu wiederholen. Trotzdem wünsche ich mir natürlich, dass sich so viele Menschen wie möglich die Platte besorgen, und wenn sie kein Geld dafür haben, hoffe ich, dass ihnen jemand das Album brennt. Das ist für uns völlig in Ordnung, denn wir haben ganz gewöhnliche Jobs, wir müssen von der Musik nicht leben. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir die Musik deshalb nicht ernst nehmen. Auch wenn es etwas abgedroschen klingt, allein die Tatsache, dass die Leute unsere Musik zu hören bekommen, ist schon eine Ehre für uns.

GL: Wie seid ihr überhaupt beim FilmGuerrero-Label gelandet?

Paul: Mit den ersten Aufnahmen, die wir zusammen gemacht haben, waren wir ziemlich zufrieden, also ließen wir ein paar CDs machen, und Terri hat ein paar davon auf einer Walkabouts-Tour verteilt. Und nur, weil ein Freund von uns namens Naim auf dem Album ein paar Worte auf Französisch spricht, habe ich das Album auch an das Label FilmGuerrero geschickt, auf dem Naim veröffentlicht. Wir bekamen sofort eine Antwort, und der Labelmacher fragte uns, was wir mit dem Album vorhätten. Wir sagten ihm, dass wir keine größeren Pläne verfolgen würden. Einen Monat später schrieb er noch mal und meinte, die Platte ginge ihm einfach nicht aus dem Kopf, ob er sie wohl veröffentlichen dürfe. Und weil die Zusammenarbeit wirklich gut klappte, haben wir jetzt eine zweite Platte auf dem Label gemacht. Dass die Return-To-Sender-Platte ["Go Fast For Cheap"] nun fast zeitgleich erschienen ist, war eigentlich gar nicht geplant, sondern Zufall.

GL: Letzte Frage: Können wir mit einer Wiederholung dieser Tournee in naher Zukunft rechnen?

Paul: Ob wir jemals wieder eine Tournee wie diese machen, können wir auch noch nicht sagen, denn wir sind ja nicht bei einem Label, von dem wir einen Tour-Support, also eine Finanzspritze, zu erwarten hätten. Sicher dagegen ist, dass wir immer weiter Musik machen werden, selbst dann, wenn wir sie nur als MP3s auf unserer Website veröffentlichen.

"Piece Of Cake"-MP3 Gaesteliste.de-Exklusiv!

(Falls der Download nicht funktionieren sollte, kleiner Tipp: Rechte Maustaste, dann "Speichern unter...")


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Surfempfehlung:
www.transmissionarysix.com
www.slowtide.com
Text: -Carsten Wohlfeld -
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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