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Konzert-Bericht
 
Alles ist möglich

R.E.M.
Pete Yorn

Amsterdam, Heineken Music Hall
22.06.2003
R.E.M.
"Wir wollten die Tournee unbedingt in Holland starten, denn bei den ersten und den letzten drei Shows einer Tour ist ALLES möglich", ließ Michael Stipe das Amsterdamer Publikum wissen. Offensichtlich fühlen sich die Amerikaner immer noch schuldig dafür, dass sie 1995 wegen der Notoperationen von zunächst Bill Berry und dann Mike Mills sämtliche Konzerte der "Monster"-Welttournee in den Niederlanden absagen mussten und auch 1999 nicht in unserem Nachbarland Station machten. So war dann das Konzert in Amsterdam - abgesehen von einer Fanclub-Show im weniger als 1 000 Leute fassenden Tivoli in Utrecht tags zuvor - das erste Holland-Konzert der Band seit dem Auftritt beim Pinkpop 1989!
R.E.M.
Zunächst allerdings stand Pete Yorn auf der Bühne, jener US-Singer/Songwriter also, der wahlweise als der nächste Bruce Springsteen (in puncto Massenkompatibilität) bzw. Elliott Smith (in puncto Zerbrechlichkeit) gehandelt wird und trotz grottenschlechten Sounds (sein Soundcheck fand statt, als die Massen schon im Foyer warteten...) unter Beweis stellen konnte, dass sein tolles Debüt "musicforthemorningafter" kein Zufallsprodukt war. Zwar übertreibt er es auf seinem in Kürze erscheinenden neuen Album "Day I Forgot" etwas mit dem nasalen Eddie-Vedder-Gesang, aber die persönlichen, ja manchmal geradezu intimen Geschichten, die er in zeitlose Popmusik (die live an diesem Abend ungewöhnlich hart rockte) verpackt, kamen in Amsterdam ausgezeichnet an. "Danke, dass ihr keine Sachen nach uns geworfen habt", bedankten sich Pete und seine vier Mitstreiter zum Schluss artig.

Um kurz nach neun war es dann endlich so weit: Ohne großes Tamtam (die Roadies waren noch damit beschäftigt, die Instrumente zu stimmen) kamen Michael Stipe, Peter Buck, Mike Mills, Scott McCaughey, Ken Stringfellow und Neuzugang Bill Rieflen auf die Bühne der nur rund 4 000 Menschen fassenden Music Hall. Man konnte die Spannung förmlich knistern hören, schließlich konnte die Setlist tags zuvor in Utrecht zwar mit einigen lange nicht mehr gespielten Raritäten glänzen, ein richtiges Aha-Erlebnis war die Songauswahl allerdings nicht gewesen. Doch R.E.M. hatten nicht umsonst 75 Songs geprobt, und so gab's in Amsterdam ein Konzert, das grundverschieden und mit einem Wort atemberaubend war. Gleich zu Beginn gab's mit "Finest Worksong" und dem selten gespielten "These Days" zwei alte Heuler, die vergessen ließen, dass diese Tournee unter anderem dazu dient, die in Bälde erscheinende Best-Of-CD der Warner Bros.-Jahre nach 1988 zu promoten - beide Songs stammen nämlich aus der Zeit davor. Und auch der erste brandneue Song, "Animal", klang ganz und gar nicht wie die R.E.M. der 90er, sondern eher wie ein zu Unrecht vergessenes 1986er Outtake. Große Klasse! Ein unfassbar gut aufgelegter Michael Stipe schnitt Grimassen für die Fotografen, rannte von einem Bühnenende zum anderen, um sich auch für die Fans auf den billigen Plätzen in Pose zu werfen, und war auch sonst für jeden Blödsinn zu haben. So griff er sich nach einem Song das auf dem Drumriser platzierte Megafon (das für gewöhnlich bei "Popsong '89" zum Zuge kommt, das in Amsterdam allerdings nicht auf dem Programm stand) und fragte durch die Flüstertüte: "Is this thing on? Ich wollte einfach nur mal sehen, ob die Gerätschaften alle funktionieren".

Noch besser als die Show, die Stipe abzog, war allerdings die Musik. Es ging nämlich Schlag auf Schlag weiter. "Fall On Me", "Imitations Of Life", "The Great Beyond" - ein Highlight jagte das nächste und sorgte je nach Tempo für Gänsehautstimmung bzw. Massenekstase. Der zweite neue Song, "Bad Day", klang ähnlich wie "Animal" sehr 80s-mäßig, was allerdings nicht verwundert, denn er stammt wirklich von 1986 und wurde jetzt wieder ausgegraben. Wenn das Stück in Kürze als nächste R.E.M.-Single veröffentlicht wird, darf man sagen: Ihre beste Single seit zehn Jahren! Nach einem begeistert aufgenommenen "So. Central Rain" folgte der Song, den Stipe als sein persönliches Lieblingsstück ankündigte: "Country Feedback", noch dazu in einer traumhaft guten Version mit einem langen Peter-Buck-Solo à la Neil Young. Doch es sollte noch besser kommen. Nachdem auch "Losing My Religion" aus dem Weg geräumt worden war (die ansonsten fast jeden Abend gespielte andere Hymne, "The One I Love", hatte in Amsterdam Pause), nahm Ken Stringfellow doch tatsächlich ein Akkordeon zur Hand, was in den ersten Reihen für ziemlich viel Aufregung sorgte, schließlich ist die Anzahl der R.E.M.-Songs, in denen dieses Instrument eine unverzichtbare Rolle spielt, recht überschaubar. "Wenn sie jetzt 'I Believe' spielen, fall ich tot um", meinte der Typ neben uns und fasste damit ganz gut zusammen, was auch dem Gaesteliste.de-Vertreter durch den Kopf ging. Dass die Chancen dafür gegen null tendierten, war allerdings all denen klar, die wussten, dass der Song zum letzten Mal auf der Tour zu "Documents" 1987 gelaufen war. Und als wollte er es absichtlich noch ein wenig spannender machen, tuschelte Stipe erst einmal ausgiebig mit Buck, nur um dann bekannt zu geben: "Peter hat mich gerade informiert, dass wir den nächsten Song heute zum ersten Mal seit 16 Jahren spielen!" Und so kam dann tatsächlich mit "I Believe" einer der meistgeliebten R.E.M.-Songs überhaupt zu einem großen Comeback - in einer ziemlich originalgetreu-perfekten Version noch dazu!

R.E.M.
Danach neigte sich die Veranstaltung mit dem sicheren Live-Highlight "Walk Unafraid" und dem unvermeidlichen "Man On The Moon" dem Ende entgegen, aber auch für die Zugaben hatten sich R.E.M. noch einige Überraschungen aufgespart. Nach einer wunderschönen Version von "Everybody Hurts" bat Stipe nämlich seine alte Freundin, Magnapop-Sängerin Linda Hopper, auf die Bühne und ließ die Wahlholländerin den alten Magnapop-Kracher "Favorite Writer" singen, nur um danach zu einer ellenlangen, super-niedlichen Anekdote auszuholen, die davon handelte, wie er als Siebenjähriger, als seine Familie in Hanau zu Hause war, erstmals nach Holland gefahren war, um seine damalige Lieblingsblume, die Tulpe, aus der Nähe zu sehen. Die Geschichte ließ die Holländer von einer Verzückung in die nächste fallen, und das änderte sich auch nicht, als gleich danach noch "Cuyahoga" folgte, bevor mit dem perfekten Popsong "It's The End Of The World As We Know It" ein zwei Stunden langes rauschendes Musikfest zu Ende ging. Auf der besten R.E.M.-Fansite konnte sich am Tag danach niemand daran erinnern, jemals eine bessere Setlist gesehen zu haben, und die, die dabei waren, können zudem bestätigen, dass nicht nur die Auswahl der Stücke top war, sondern dass es auch schwer vorstellbar ist, dass man die Songs noch besser spielen könnte. Vom Gegenteil lassen wir uns natürlich gerne bei den im Juli noch anstehenden fünf Open Airs in Deutschland und Österreich überzeugen.

Setlist:
Finest Worksong
These Days
Animal
What's The Frequency, Kenneth?
Fall On Me
Bad Day
Daysleeper
Imitation Of Life
I've Been High
The Great Beyond
Exhuming McCarthy
So. Central Rain
Country Feedback
So Fast So Numb
Losing My Religion
She Just Wants To Be
I Believe
Walk Unafraid
Man On The Moon
-----
Everybody Hurts
Favorite Writer (Magnapop)
Cuyahoga
People Have The Power (Patti Smith)
It's The End Of The World

Weitere Konzertfotos!

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Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Gert74-


 
 

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