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Rock'n'Relax

Terremoto Festival

Weeze, Flughafen Niederrhein
29.08.2003

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Monster Magnet
Gehörte das Bizarre-Festival stets zu einem der aufregendsten Open-Air-Ereignisse des Jahres, dürfte es der Nachfolger, das Terremoto, schwer haben, sich dauerhaft auf der deutschen Festival-Karte zu etablieren. Dabei war es ein wirklich schönes Wochenende in Weeze. Geographisch nicht weit von Haldern entfernt, waren die Unterschiede der beiden Festivals dennoch frappierend. Wo man in Haldern morgens um acht mit den Klängen von Blue Öyster Cults "Don't Fear The Reaper" aus dem Träumen gerissen wurde, schallte einem in Weeze sieben Stunden nach Mitternacht "Liebesspieler" von den Toten Hosen aus dem Nachbarzelt entgegen! So ist sie halt, die Jugend von heute! Doch der Reihe nach...
Freitagabend. Es ist zirka 20 Uhr. Kein Regen, angenehmes Klima. Ein schönes Gelände. Gleich am ersten Abend ein gutes Billing mit Bands wie Placebo, Gentleman, Him, Mogwai und PJ Harvey - die mit ihrem ultrakurzen "Kleid" ebenso von sich Reden machte wie mit ihrem grandiosen Auftritt. Beste Festivalvoraussetzungen. Man erwartet Menschenmassen. Doch es ist leer. Erschreckend leer. Auch wenn es bis in den Nachmittag geregnet hat: So wenig Zuschauer hätte man nicht erwartet. Nur ein paar tausend Rock'n'Roller sind da. Und die sammeln sich ab 23.30 nahezu geschlossen vor der Hauptbühne, um sich Placebo anzusehen. Mit einer beeindruckenden Lightshow, tollem Sound und einer Masse an Hits begeistern Brian Molko und seine Jungs die Massen und belohnen all die, die am Vorabend bei strömenden Regen ihre Zelte aufbauen, viel zu lange Wege zwischen Zeltplatz und Gelände wandern und massig Schlamm vor den Zeltplatz-Toiletten ertragen mussten. Während man Placebo schon lange Zeit auf den größten Bühnen kennt, hat auch Gentleman bewiesen, dass er den Clubs langsam entweicht und sein Reggae ebenfalls die breite Masse begeistern kann. Ob eigene Hits aus seinem Überalbum "Journey To Jah" oder Ragga-Klassiker, die Leute tanzten, feierten und all der Stress der Vorstunden war vergessen.

Das erste Highlight am Samstag war ganz sicher der Gig von Cave In. Die haben mit "Antenna" eine fantastische EmoCore-Scheibe aufgenommen und damit vielen Fans der ersten Stunde vor dem Kopf gestoßen. Klingen sie doch plötzlich eine gute Scheibe ruhiger. Nicht so auf der Bühne. Da wurden auch Songs der Frühzeit gerockt und nicht wenige schauten erstaunt gen Bühne. Hart war es. Laut und gut. Der Mix stimmte, die Band bot eine starke Show und die anschließend auf der Nachbarbühne spielenden All American Rejects konnten danach nur verlieren. Zu normal war ihr Power-Punk. Wie es besser geht, zeigten Reel Big Fish. Als die Ska-Punks loslegten, gab es für viele kein Halten mehr. Ab vor die Bühne, tanzen, Spaß haben. Stillsitzen war nicht, jetzt wurde bei Sonne und angenehmsten Temperaturen erst mal das morgendliche Bier ausgeschwitzt. War ihre letzte Platte nicht der wirkliche Reißer, sind die Amis live eine sichere Bank. Hit auf Hit (natürlich inklusive "Take On Me" von A-Ha), Trompeten deluxe und Melodien direkt ins Knie. So macht ein Festival Spaß. Aber auch wenn weniger aufregende Bands wie The Datsuns oder die vor der leeren Bühne schon früh spielenden Electric 6 auftraten, herrschte - dem energiegeladenen Sound der Bands auf der Bühne zum Trotz - eine ungemein entspannte Atmosphäre. Erfreulich wenig Alkoholleichen pflasterten den Weg durch den überaus bunt gestalteten Minimarkt, beim Riesenkicker spielten knapp 20 Leute am gleichen Tisch gemütlich Tischfußball und auf den Wiesen und Asphaltflächen lümmelten sich Pärchen, überraschend viele Kinder und Bier schlürfende Rock'n'Roll-Freaks. Andere besuchten den Rolling-Stone-Stand und holten sich Autogramme von Bands wie Staind, Monster Magnet oder Sparta. Natürlich ohne zu drängeln und immer friedlich. Von den Headlinern waren nur die Fanta 4 zur Signing-Session erschienen und sorgten, nicht weiter verwunderlich, für den größten Andrang in dem kleinen Hangar. Abgerundet wurde die Entspanntheit durch die extrem freundliche und ein ganzes Wochenende gut gelaunte Security, die einem stets mit einem Lächeln begrüßte und nicht auf jedes Bändchen am Arm achtete.

Derweil wurde auch am Samstag auf der kleinen Bühne einiges geboten: Hot Hot Heat verscheuchten gleich mit dem ersten Song den letzten Zweifel, dass der Hype um die neuen Sub-Pop-Lieblinge vielleicht nur viel Wirbel um nichts sei und legten mit ihrem New Wave für's neue Jahrtausend eine überzeugende Performance hin. Trotz harter Konkurrenz von Grandaddy hatten Slut leichtes Spiel, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Bei ihrem letzten Festivalauftritt des Jahres präsentierten und die Ingolstädter nicht nur ihr bekanntes Programm mit gewohnter Leidenschaft, sondern spielten auch noch ein brandneues Stück. Einziger Faux-Pas: Sie hatten ihre Auftrittszeit falsch im Kopf und kamen nach dem eigentlich finalen Song "Hope" noch für eine ungeplante Zugabe zurück, um die verbleibende Zeit zu füllen.

Musikalisch aufregend wurde es dann bei Sparta. Einem der zwei Ableger der großartigen At The Drive-In. Sicherlich der eingängigere, melodischere und vielleicht auch bessere Ableger als die Lockenkopf-Conenction von The Mars Volta, die am Sonntag ebenfalls noch spielen sollten. Die 45 Minuten Sparta gehörten dann auch zu den besten des Terremoto. Überaus druckvoll rockte man sich durch die Songs des "The Wiretap Scars"-Albums, wobei "Cut Your Ribbon" zum erwarteten Highlight avancierte. Das Highlight von A.F.I. war sicher ihre Optik und ihre Spielfreude. Das war schon klasse anzusehen, musikalisch konnten die Düster-Punks dagegen nur bedingt überzeugen. Zu uninspiriert klangen die auf Platte weitaus besser wirkenden Songs. Und dann war es Zeit für die ganz großen Namen des Tages. Den Anfang machten Staind, die allerdings in einem kleinem Club weitaus besser aufgehoben sind. Es war erst kurz nach 19 Uhr, es war noch hell und Aaron Lewis mag zwar ein verdammt guter Sänger sein, ein Entertainer ist er ganz sicher nicht. Anders Dave Grohl, der anschließend mit seinen Foo Fighters für ein weiteres Highlight des Festivals sorgte. Wie schon bei ihrer letzten Deutschland-Tour wurde die Show mit "One By One" begonnen, ehe man ein schlicht und ergreifend großartiges Best-Of-Set performte. Denn wenn die Foo Fighters etwas haben, dann sind es Hits. Gleichzeitig spielte Heather Nova auf der dritten, deutlich kleineren Bühne und freute sich über das rege Interesse. "Vielen Dank, dass ihr nicht bei den Foo Fighters seid. Also, ich wäre da", lachte sie. Sympathisch. Ebenso wie die wundervollen "Storm"-Songs und ganz besonders die kräftig-rockende Version von "Island". Nachdem dann Suede ein wirklich schönes Pop-Set mit alten und neuen Hits spielten, kam die Headliner des zweiten Tages auf die Bühne. Die Ärzte. Und ihre Show war wie jede Ärzte-Show. Also ein absolutes Muss. Farin und Bela sorgten für Unterhaltung, warfen sich die verbalen Bälle zu, Rod zeigte wieder einmal, dass er lieber Bass spielen, als Witze reißen sollte, die Zuschauer fraßen der Band aus der Hand, die zeitgleich spielenden Blumfeld wurden – ohne namentlich genannt zu werden - liebevoll gedisst und die Prä-Reunion-Songs wie "Blumen" oder "Mysteryland" kamen deutlich besser als die neueren Nummern an. Ein guter Abschluss.

Der Sonntag begann mit einem Kracher: Caesars. Es war erst 11.30 und nur eine Handvoll der 26 000 Zuschauer war bereits auf dem Gelände, als die Lederjacken einen furiosen Auftritt hinlegten. Orgel-Garagen-Rock'n'Roll, wie er melodischer und besser kaum klingen kann. Nach leider nur einer halben Stunde wurden sie von den auf der Hauptbühne spielenden Raveonettes abgelöst, die dann ein trockenes, souveränes und äußerst cooles Set spielten. Also das genaue Gegenteil von The Polyphonic Spree. Diese texanische Combo, bestehend aus fast zwei Dutzend Männern und Frauen, allesamt in weiße Gewänder gekleidet und neben den üblichen Instrumenten mit Chor, Orgel, Harfe, Querflöte, Triangel und Bläsern ausgestattet, spielte kein Konzert, sondern predigte einen Gospel-Synthipop-Gottesdienst. Einzigartig und unbeschreiblich. Ein Happening.

Auf Bühne drei dominierte am Sonntag der Punk. Saves The Day begannen mit ihrer emotionalen, poppigen und eher ruhigen Version, wobei man live doch etwas mehr Gas als auf Platte gab. Neben bekannten Tracks von "Stay What You Are" wurden auch neue Tracks ihres im Herbst erscheinenden Albums präsentiert. Klangen gut und machen Hoffnung eine schöne Scheibe. Auf der gleichen Bühne folgte eines der von so vielen herbei ersehnten Konzerte: The Mars Volta. At The Drive-In-Cedric und Konsorten spielten dann auch genau das, wofür sie so viele lieben: Verfrickelten, heftigen, nicht immer einfachen Hardcore mit Emo-Einschlag, der für massig Pogo und ordentlich Party sorgte. Ist die Musik auch nicht Jedermanns Geschmack, von der vor Energie nur so strotzenden Performance war jeder begeistert. War es hier noch möglich ohne viel Drängeln nach vorne zu kommen, ging bei den anschließend spielenden Boy Sets Fire gar nichts mehr. Sie haben inzwischen einen imposanten Status und boten eine ebenso imposante wie politische Show, die mit zu den Highlights des gesamten Wochenendes gehörte. (Was vermutlich der Stagediver, der während des Auftritts der Amerikaner wegen einer Platzwunde am Kopf behandelt werden musste, nur bedingt unterstreichen würde...) Es folgten Monster Magnet auf der Hauptbühne. "Wir sind kein Emo. Wir sind kein Nu Metal. Wir sind Rock'n'Roll!" Recht hat er, der Dave Wyndorf. Und genau das passierte dann auch auf der Bühne. Wehende Mähnen, einfache Riffs, großartige Nummern und beste Unterhaltung. Auf der kleinen Bühne frönten dann wieder Lagwagon, Less Than Jake und Pennywise den Punk und sorgten für durchgeschwitzte Kiddies und lachende Fans.

Auf der Hauptbühne hatte man derweil schwere Geschütze aufgefahren: Nachdem die Stereophonics blass und farblos geblieben waren, sorgten Turbonegro für krachende Partystimmung. Warum die Nordlichter ausgerechnet zeitgleich mit Lagwagon angesetzt wurden, blieb allerdings ein Rätsel. Jedenfalls waren kaum zwei Bands mit mehr T-Shirts auf dem Festival vertreten. Limp Bizkit fragten anschließend die Masse, ob sie denn nun zum Saufen, zum Vögeln oder zum Drogennehmen nach Weeze gekommen sein. Dass die Leute auch wegen der Musik angereist sein könnten, kam Fred Durst offenbar nicht in den Sinn. So überwog bei den Amerikanern wie auch danach bei Linkin Park die Show. Calexico und Beck war es mit erfeulich bodenständigen Sets vorbehalten, wieder mehr Gewicht auf die Musik zu legen, bevor die Fanta 4 in gewohnter Manier mit ihrer MTV-Unplugged-Performance den Abend ausklingen ließen.

Natürlich gab es organisatorische Pannen. Natürlich war das Festival überteuert und natürlich kann man über die Bühnenaufteilung streiten. Schließlich gab es zwischen den Konzerten auf den beiden großen Bühne keine Pause. War eine Band zu Ende, begann wenige Sekunden später die andere. Aber es war das erste Terremoto-Festival in Weeze. Und es war ein gutes Festival. Auch wenn es noch besser sein könnte.

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www.terremoto.de
Text: -Gaesteliste.de Festival Patrol (Mathias Frank & Simon Mahler)-
Foto: -Nicole Thurner-

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