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Love This Shit!

Belle And Sebastian

Köln, Live Music Hall
21.03.2004

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Belle & Sebastian
Wie unglaublich gut sind eigentlich Belle And Sebastian? Da spielten die liebenswerten Schotten in Hamburg ein Mammutkonzert, an dem es außer dem etwas reservierten Publikum rein gar nichts auszusetzen gab und bei dem garantiert jeder glücklich die Halle verließ, doch anstatt tags darauf in der brechendvollen Kölner Live Music Hall auf dem Erfolgsrezept des Auftritts in der Hansestadt aufzubauen, kegelten sie kurz entschlossen rund 3/5 der Songs der an Hits und Hymnen wahrlich nicht armen Hamburger Setlist aus dem Programm, aber legten auch in Köln einen sensationellen Zwei-Stunden-Auftritt hin. Wow.
Nachdem die Vorgruppe Drew nicht viel mehr getan hatte, als die Ausnahmestellung von Belle And Sebastian wirkungsvoll zu unterstreichen (obwohl offensichtlich ähnlich inspiriert wie der Main Act, blieb das neue Source-Signing mit seinem harmlosen Folk-Pop nämlich leider ziemlich blass), konnten Belle And Sebastian gleich mit der Eröffnungsnummer überraschen. Anstatt mit "Passion Fruit" ging es nämlich - wie eigentlich sonst nur auf der "Storytelling"-Tournee - mit "Fuck This Shit" los, was den netten Nebeneffekt hatte, dass es an diesem Abend Songs aus wirklich allen Platten der Briten zu hören gab. Nach dem eher bedächtigen Einstieg ging es Schlag auf Schlag weiter: Die schräg-geniale Single "Step Into My Office, Baby" gab's früh am Abend, und auch "The Model" durfte nicht fehlen - schließlich war es Sonntag. Schnell zeigte sich auch, dass insbesondere Mastermind Stuart Murdoch glänzende Laune hatte. Da fiel ihm zum Beispiel bei einem Song auf, dass sein Keyboarder im Endteil des Stücks nichts mehr zu tun hatte und deshalb die Zeit nutzte, seine Blicke durch die ausverkaufte Halle schweifen zu lassen. "An was hast du gerade gedacht?", fragte Murdoch daraufhin seinen Tastenmann. Der murmelte geistesgegenwärtig etwas von "Dass der Song eigentlich ziemlich gut ist", woraufhin Murdoch skeptisch nachfragte: "Und du bist sicher, dass du nicht an Celtic gedacht hast?" Den Grund für das seltsam-amüsante Gespräch lieferte er auch gleich noch nach: "Ich möchte gerne halt immer auf dem Laufenden sein, was hier auf der Bühne so vor sich geht!" Was vor sich ging, war eine Lehrstunde in bester 60s-inspirierter Popmusik, dargeboten von bis zu einem Dutzend großartig eingespielter Musiker, die trotz eines nicht zu verleugnenden Hangs zur Perfektion immer noch viel Zeit für kleine Scherze (auf der Setlist stand nach der letzten Nummer "May Allah be with you") fanden. So meinte Murdoch, nachdem er seine Band als "60s throwbacks" bezeichnet hatte, doch tatsächlich, er wüsste, in welchem Jahr Gitarrist Stevie Jackson - zumindest in Gedanken - unterwegs sei. 1969 nämlich. Der allerdings antwortete grinsend, dass er erwachsen geworden sei: Früher wäre 1966 sein Jahr gewesen, jetzt sei es 1974, denn das sei ein großartiger Jahrgang für die Popmusik gewesen. Murdoch: "War das das Jahr, in dem Brotherhood Of Man den Eurovision Song Contest gewonnen haben?" - Jackson: "Nein, das war 1976!" - Murdoch: "Und wer hat '74 gewonnen?" - Jackson: "ABBA mit 'Waterloo'... und ich bin ganz ehrlich selbst erstaunt, dass ich die Antwort gewusst habe!" Sichtlich erstaunt war auch das Publikum, als Murdoch nach einer feinen Version der B-Seite "Travellin' Light" das Publikum zum Karaoke-Wettbewerb aufrief und versuchte, jemanden aus dem Publikum auf die Bühne zu bitten, um mit der Band ein Liedchen zu trällern - allerdings keines von Belle And Sebastian, sondern ein Cover. Der Versuch scheiterte kläglich, also fragte er nach Vorschlägen für eine spontane Coverversion ohne Publikumsbeteiligung. Fast schon hatte man sich auf "The Boy With The Thorn In His Side" von den Smiths geeinigt (Jackson klimperte bereits die ersten Akkorde), als jemand unüberhörbar nach einem Oasis-Song verlangte. Murdoch lehnte das zwar umgehend kategorisch ab, mit dem Hinweis, dass diese Band mit einem Bann belegt sei, aber Jackson gefiel die Idee so gut, dass Murdoch seine Meinung änderte und das Kölner Publikum das vermutlich einmalige Schauspiel erleben durfte, dass Belle And Sebastian "Live Forever" coverten. Doch das sollte längst nicht die einzige Überraschung bleiben. Neben dem einzigen Ausfall des gesamten Konzerts ("You Don't Send Me") und grandiosen Klassikern wie "Like Dylan In The Movies", "Jonathan David" oder dem höchst willkommenen "Fox In The Snow" spielten Belle And Sebastian nämlich auch eine Nummer, die so rar war, dass auf dem Message Board der Band später gleich mehrmals nachgefragt wurde, ob die Band den Song denn wirklich gespielt habe, schließlich sei es ziemlich unwahrscheinlich, dass Murdoch den Text noch könne. Konnte er auch nicht, aber mit einem Notenständer und den Worten vor der Nase ging's, und so spielten die Schotten wirklich "Mary Jo" vom ersten Album "Tigermilk" und das war sehr, sehr schön.
Es war ein Abend, an dem nichts die Protagonisten auf der Bühne schocken konnte: Selbst die Tatsache, dass Murdoch sein Mikro gleich mehrfach so schwungvoll vom Ständer nahm, dass er dabei das Kabel herausriss und folglich im wahrsten Sinne des Wortes "unplugged" dastand und seinen Einsatz verpasste, wurde nur mit einem breiten Grinsen quittiert. Und als irgendwann ein Roadie endlich ein Einsehen hatte und Kabel und Mikro mit Klebeband unzertrennlich machte, nutzte Murdoch das gleich dazu, sein Mikro so durch die Luft zu wirbeln, dass Roger Daltrey von The Who die Freudentränen gekommen wären. Nach fast zwei Stunden verabschiedeten sich die Schotten mit einer unfassbar guten Version von "Sleep The Clock Around". Zugaben gab es natürlich auch noch, wenngleich Murdoch das Publikum wissen ließ, wie dämlich er selbst es immer fände, wenn die Band noch einmal rauskommt. "Aber fuck it, jetzt sind wir da und spielen auch noch was". Und zwar zwei Wünsche des Publikums: "She's Losing It" und "You're Just A Baby". Dass die Band wirklich dem Publikum die Auswahl überließ, konnte man übrigens auch daran ablesen, dass die Akustikgitarre, die Jackson mit auf die Bühne gebracht hatte, bei den finalen zwei Nummern nicht zum Einsatz kam und zunächst noch umständlich die Cellistin gesucht werden musste, die davon ausgegangen war, dass das Konzert für sie zu Ende sei. Für gut zwei Stunden und rund zwei Dutzend Songs waren Belle And Sebastian an diesem Abend die beste Band der Welt.

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Surfempfehlung:
www.belleandsebastian.co.uk
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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