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Der Übergangspapst

Jonathan Richman
Gerry Lee & The Wanted Men

Köln, Gebäude 9
04.04.2005

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Jonathan Richman
Wenn Jonathan Richman nach Köln kommt, ist das ja immer auch so etwas wie eine Art Familienfeier für die eingeschworene Fangemeinde, die mittlerweile langsam in ein Alter kommt, in dem sie die eigenen Kiddies an die Musik des Meisters heranführen kann. Dabei spielt es dann eh keine Rolle, ob er nun gerade eine neue Scheibe auf dem Markt hat oder nicht (sein letztes Werk, "Not So Much To Be Loved As To Love", hat ja auch schon einige Monate auf dem Buckel). Aber wer etwa zu Jonathans Konzerten ginge, um die neuen Stücke zu hören, der hätte da eh etwas missverstanden. Jonathan Richman ist und bleibt ein funkensprühendes lebendes Gesamtkunstwerk, bei dem der Kommerz nach wie vor keine spürbare Rolle spielt. Warum Jonathan überhaupt Musik macht und Konzerte gibt, ist angesichts seiner eigenwilligen - man könnte auch 'sperrigen' Art sagen - eh bloß zu erraten. Vermutlich deswegen, weil er gar nicht anders kann.
Zunächst mal überraschten die Lokalmatadore Gerry Lee & The Wanted Men die Leute mit einem sympathisch reduzierten Akustik-Intro auf der "zweiten Bühne" vor dem Mischpult des Gebäude 9. Ihre unterhaltsame Version des klassischen Western Swing, bei dem irritierenderweise jeder zweite Track den Zusatz "Blues" im Titel trägt, präsentierten sie auch ohne jedwede Verstärkung makellos und mit Inbrunst. Dabei gefiel besonders der ausgefeilte, an klassischen Vorbildern ausgerichtete Harmoniegesang, der die bemerkenswert häufig variierten Geschichten um Kojoten aller Art besonders glaubhaft erscheinen ließen. Und dass die Jungs sich die Mühe machten, sogar für die ca. 15 Minuten Rahmenprogramm ihre schnieken Cowboy-Uniformen anzuziehen, ehrt sie natürlich besonders.

Von Jonathan erwartete sich das Publikum dann "Energie für 40 Jahre", wie es ein aufgeregter Fan formulierte. Im Prinzip ist Jonathan ja auch ein Energiebündel. An diesem Abend war aber eher Konzentration und Kontrolle angesagt - was sehr ungewöhnlich für den ansonsten eher aus dem Bauch und impulsiv agierenden Künstler ist. Eigentlich macht Jonathan ja immer das Gleiche: Die Songs spielen (manchmal auch nur anspielen), die ihm gerade in den Sinn kommen und das Publikum dazu mit erläuternden Geschichten und Witzchen unterhalten. Der Unterschied liegt dann immer eher im Detail: So hatte Tommy Larkins heuer ein richtiges Schlagzeug mitgebracht, das - anders als das Stand-Kit, das er noch auf der letzten Tour bediente - auf der linken Seite des Jonathan stand. Das hatte auch seinen Grund. Denn so konnte Tommy sein Herrchen sehr viel besser beobachten und somit noch exakter auf dessen Eingebungen reagieren. Vielleicht war das auch der Grund, warum im Gebäude 9 sehr viel mehr Songs straight durchgespielt wurden, als sonst üblich. Und auch deutlich anders als gewohnt. Zwar geriet die Story von seinem Tanz in der "Lesbian Disco" immer noch eine akustische Disko-Nummer, aber eine ziemlich konkrete und knappe. "Springtime in New York" spielte er dieses Mal gleich am Anfang - und komplett durch mit Anfang, Mittelteil und Ende. "Pablo Picasso" hatte man in dieser balladesken Form so auch noch nicht gehört und schließlich fiel noch auf, dass sich der Anteil "fremdsprachiger Songs" wieder einmal erhöht hatte. Neben "Les Étoiles" gab es dieses Mal zum Beispiel ziemlich viele spanische Songs, die immer mehr zu Jonathans Hobby zu werden scheinen. Gleiches gilt übrigens auch für sein Gitarrenspiel: Der Flamenco spielt eine immer wichtigere Rolle. Das macht aber auch Sinn, denn zuletzt erzählte er uns ja noch, dass das die Musik sei, die ihn selber auch inspiriere.

Ansonsten schien die Show für Jonathans Verhältnisse geradezu durchkonzipiert: Die fragmentarische Frickelei - sonst immer zu beobachten, wenn er sich gerade überlegt, was er als nächstes spielen solle - sparte er sich für diverse Instrumental-Passagen auf, aus denen sich nach mehreren Anläufen tatsächlich so etwas wie eine erkennbare Version des "Egyptian Reggae" herausschälte, der indes dann doch eher wie ein "Spanish Reggae" klang. Tanzeinlagen gab es auch - aber (abgesehen von einigen eleganten Hüftschwüngen) nicht spontan immer mal wieder zwischendurch, sondern als Solo-Einlage mit Schellenkranz. Da konnte man dann zum Beispiel sehen, wo die Adam Greens dieser Welt ihre Inspirationen hernehmen. Zwischendurch, wenn es dem Publikum mal gelang, einen Applaus zwischen die Tracks zu setzen (was aufgrund des amorphen Ineinander-Fließens nicht ganz einfach war), dann segnete Jonathan dieses mit ausufernden Gesten und seinem zum Markenzeichen versteinerten Dackelblick. Wie es ihm gelingt, diesen so konsequent und stoisch aufrecht zu erhalten, ohne selber zwischendurch einmal lachen zu müssen (z.B. dann, wenn das Publikum, wie bei "My Baby Love Loves Me" allen Ernstes der Aufforderung zum Mitklatschen nachkommt), bleibt rätselhaft. Es ist vermutlich die jahrelange Übung. Das heißt: Ein Mal mussten Jonathan und Tommy doch lachen. Als er nämlich "He Gave Us The Wine To Taste" anstimmte. Ob das was mit der momentanen Papst-Situation zu tun hatte? Wer weiß. Dann war auch schon Schluss. Eine Zugabe gibt's ja bei Jonathan-Konzerten traditionellerweise eher nicht. (Nun gut: Tommy Larkins ging kurz mal von der Bühne.) Das machte Jonathan eigentlich ziemlich deutlich, indem er noch während des letzten Stückes, nach einer letzten Segnung, seine Gitarre einpackte und von der Bühne ging. Trotzdem feierte ihn das begeisterungsfähige Publikum noch minutenlang frenetisch weiter. So lange gar, bis er noch einmal auf die Bühne zurückkam und nochmals deutlich erklärte, dass es eben keine Zugabe geben würde, weil die Show halt nun mal zu Ende sei. Das musste man dann auch akzeptieren. Letztlich war dies eine für Richman-Verhältnisse äußerst kompakte und sortierte Show, die aber in dieser knappen Form durchaus mal recht erfrischend wirkte. Jedenfalls fehlte eigentlich nichts Wesentliches. Jonathan Richman ist immer noch der Künstler, der mit den wenigsten Mitteln (er macht sich ja nicht mal mehr die Mühe, seine Gitarre zu verstärken) mit am meisten erreicht.

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Surfempfehlung:
www.sjrp.org
www.base.com/jonathan/jonathan.html
www.wanted-men.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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