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Orange Blossom Special 9 - 1. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Villa
13.05.2005/ 14.05.2005

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Orange Blossom Special 9
Eigentlich war das offizielle Motto des diesjährigen Orange Blossom Festivals ja "Music Is The Answer". Da aber niemand die entsprechende Frage stellte, konnte man das auch in Frage stellen - denn ein anderes Element drängte sich als Thema förmlich auf. "Ist euch denn eigentlich die diesjährige Schwarze-Anzug-Dichte aufgefallen?", fragte Rembert Stiewe nämlich ins Publikum, als ihm gewahr wurde, dass Hank Ray & Co., Las Mananitas, die Broken Family Band, Helldorado, The Dead Brothers und Rich Hopkins Bassistin Anna Rosales allesamt in schwarzen Anzügen auftraten. Nun gut, die Jungs von Helldorado zogen ihre Überzieher vor der Show bereits wieder aus und die Anzüge der Dead Brothers waren eher schmuddelig dunkelbraun-grau, aber die Tendenz zum Düsteren ließ sich da nicht ganz verleugnen. Zumindest optisch. Denn dem waschechten Requiem hatten sich eigentlich nur die toten schweizer Brüder ernsthaft verschrieben. Dazu später mehr.
Das Festival begann - wie mittlerweile üblich - mit einem halbwegs offiziellen ersten Tag. Wie immer wurde dieser Slot dann teilweise dem musikalischen Wahnsinn - auf jeden Fall aber dem Wagemut - gewidmet. Als erster Act traten nämlich Maggi, Pierce & E.J. auf - ein für diesen Zweck um einen Bongo-spielenden Jüngling verstärktes Trio aus Philadelphia, denen der Schalk recht eindeutig im Nacken saß. Die munter die Instrumente wechselnde Truppe machte dann so eine Art buddhistisch angehauchten Swamp-Rock, wobei das Publikum dann auch gleich aufgefordert wurde, schön mitzubeten. Das klang in etwa so, wie das, was übrig bliebe, wenn etwa die Cramps keine Lust mehr hätten zu spielen: Knackig, rauh, schrottig und höchst unterhaltsam. Es war schon beeindruckend zu sehen, wie besagte Maggi ins Mikro brüllte, ohne dass ihr sämtliche Adern platzten - obwohl sie das nach den Gesetzen der kinetischen Biologie eigentlich hätten tun müssen. Als dann noch Teufelskappen und Monstermasken hervorgekramt wurden, stand wieder mal fest, dass das Festival unter einem guten Stern stand. Auch wenn der Himmel bereits zu diesem Zeitpunkt mit einer Schlechtwetterfront drohte.

Der zweite Act, Hank Ray (seines Zeichens Frontmann der legendären Raymen) ist ein alter Glitterhouse-Bekannter, dessen Spur bis zu den Ursprüngen zurückzuverfolgen ist. Hier war er jedoch nicht als amtlicher Mumienverwalter gekommen, sondern als Erbe von Hank Williams. Im Trio-Format und ohne großartige klangliche Exzesse arbeitete sich der Mann, der aus gewissen Winkeln schon aussah wie ein schlechtgelaunter Udo Kier, durch seine seltsam jenseitlichen Versionen von Hank Williams Texten, die er dann mit eigener Musik unterlegt hatte und die er dann mit Grabesstimme vortrug. Irgendwie war das alles schon recht adäquat, so richtig unterhaltsam wurde es aber erst dann, als Hank seine Coverversionen auspackte und mit - vollkommen ernst gemeinten und gerade deshalb effektiven - Versionen etwa von "Summer Kisses - Winter Tears" oder gar "I'm Waiting For My Man" aufwartete.

Es folgte dann der erste, unerwartete Höhepunkt des Festivals. Da mit Thomas Dybdahl und den Ricochets gleich zwei Absagen eingetreten waren, stellte sich dann aber als Glücksfall heraus, dass so Chris Cacavas verpflichtet werden konnte, der mit seinem Orchestra auftrat (was zugegebenermaßen nur ein Trio ist). Chris hätte natürlich leichtes Spiel gehabt, wenn er an dieser Stelle zum Beispiel einfach seine komplette "Pale Blond Hell"-CD gespielt hätte. Er entschied sich indes für etwas ganz anderes: Das komplette Set enthielt - bis zu dem Zeitpunkt, wo Jason Victor mit der Willard Grant Conspiracy eintraf und eingreifen konnte - nur neues Material, das sich dann doch ziemlich von dem absetzte, was man von Chris Cacavas an einem Ort wie diesem erwartet hätte. Die neuen Stücke mit Namen wie "Disarray", "I'm Not There" oder "On The Floor" entstammen zwar erkennbar der üblichen Cacavas-Gedankenwelt, in der es um emotionalen Betrug, Selbstzerfleischung und traurige Loser geht, boten musikalisch indes ganz neue Haken und Ösen. Das Material, das sich - so Cacavas selber - noch in der Erprobungsphase befindet, aber so schnell wie möglich eingespielt werden soll - ist dabei eine Portion athmosphärischer als die üblichen Cacavas Songs, aber nicht ohne Kraft und Schmackes. Gerade die Power-Elemente aber schienen anders strukturiert zu sein, als die üblicherweise anzutreffenden Strophe- / Refrain-Schemata, die man aus dieser Ecke gewöhnt ist. Der Grund ist dabei ein relativ einfacher: Chris möchte weg vom Singer / Songwriter-Nimbus. Was ihm mit Stücken wie diesen sicherlich gelingen wird. Ach ja: Zum Schluss gab's dann natürlich doch noch ein paar Nummern á la "Pale Blond Hell", wobei sich dann auch Jason Victor - wie gewohnt - ins Zeug legte. Wenn man bedenkt, dass der Mann mit dem quirligen Haupthaar in mittlerweile drei Bands tätig ist (außer bei Chris Cacavas spielt er noch bei der Willard Grant Conspiracy und Steve Wynns Miracle Three), dann fragt man sich ernsthaft, woher er die Energie nimmt, hauptberuflich auch noch in einem Coffee-Shop zu arbeiten. Übrigens: Jason "post" keineswegs. Das, was er auf der Bühne darstellt, so sagt er, sei sein wahres Ich - und zwar der Espresso-Modus. Nach dem Konzert stand fest: Das war der bislang gelungenste Auftakt Abend der OBS-Geschichte überhaupt gewesen. Auch deswegen, weil man - von den Eskapaden von Maggi & Co. einmal abgesehen - auch ohne Ulk-Kapelle ausgekommen war.

Es hätte nun alles so schön sein können, wenn sich nicht der Wetterbericht um einen Tag nach hinten verschoben hätte. Eigentlich hätte es ja am Freitag regnen und am Samstag schauern sollen - leider war es umgekehrt. Vielleicht war es aber auch einfach ungeschickt von Miss Kenichi, die das Programm pünktlich um 13 Uhr eröffnete, gleich zu Beginn ihren Song namens "Blackbird" vorzutragen, in dem es nun mal intensiv um fallenden Regen ging. Als sie bemerkte, was da passiert war, versuchte sie zwar noch, die Sonne herbeizureden, jedoch ohne Erfolg. Der Himmel über Beverungen weiß, was er Woodstock schuldig ist! Miss Kenichi war übrigens der einzige weibliche Act des Festivals - was wieder mal durchaus anklagend gemeint gewesen sein soll! Ihre Art, mit glasklarer Stimme einfache, melodische Songs zur gezupften elektrischen Gitarre und Standbass dahinzuzaubern, war dabei für diese Tageszeit genau das Richtige. Besser können das - sagen wir mal Chan Marshall oder Mary Timony - auch nicht hinbekommen. Hanky Ray versuchte zwar später in einem klärenden Gespräch seine Vergleichsliste - darunter Joni Mitchell oder Tory Amos - an die Frau zu bringen, damit war Miss Kenichi allerdings - zu Recht - nicht recht einverstanden. Das war nämlich schon ein recht eigenständiger Auftakt.

Es folgten Las Mananitas. Wenn man sich das anhörte, was die Leipziger da so machten - groovende Betrachtungen über Haifischhamster auf deutsch -, dann könnte man natürlich vermuten, dass Rembert und Reinhard sich kein zweites Fink-Desaster leisten möchten. (Wir erinnern uns: Die erste Fink-Demo-CD hatte Reinhard weiland im Schreibtisch verschlampt.) Im Prinzip hörten sich die Mananitas-Dramen über die Taxi-Fahrt nach Calais (inkl. "Drunken Sailor") oder über Gilbert, den Punkrocker, der auch "Seven Nation Army" spielen kann, nämlich so an, wie Fink - nur gelogen. Denn die ganzen Geschichten, die sich die Jungs ausdenken, seien eben gelogen - meint Sänger Friedrich Pohl.

Nach den - auch bereits schwarz beanzugten - Mananitas spielte die Broken Family Band aus Cambridge auf. (Die Festivals-Witze waren dieses Mal - trotz Playboy-Witzeheftchen - so minderwertig, dass es nicht lohnt, auf dieses Thema weiter einzugehen.) Wie Frontmann Steven Adams ganz richtig feststellte, waren die Jungs die einzige englische Band des Festivals. Das hörte man aber wirklich nur raus, wenn Adams seine Ansagen machte. Ansonsten gibt es von der Broken Family Band "freche Countryklänge", wie es ein großes Online Magazine (aber nicht wir) verkünden ließ. Nun, so richtig frech war das alles nicht, sondern vergleichsweise sogar richtig solide. Natürlich verquickt mit einem typisch englischen Schuss Working-Class Ethik und Wortwitz. Am besten brachte es Adams auf den Punkt, als er John Peel - dem großen englischen DJ - einen Song über das Rodeo widmete. Kleiner Gag am Rande: John Peel wurde dieses Mal im Glitterhouse-Schrein gedacht. Als Adams den Namen erwähnte, klang das wie "John Cale". Und als Rembert später dann eines der Zelte verlosen wollte, die der Sponsor Jack Wolfskin zur Verfügung gestellt hatte, kam "John Cale" dann auch als Antwort auf die Preisfrage, wer denn das im Schrein nun sei.

Nach der Broken Family Band spielte eine weitere britische Americana Band auf - in dem Fall Hobotalk aus Schottland. Zwar trug hier nur der Gitarrist Al Denholm einen schwarzen Anzug, aber thematisch ging's in eine ähnliche Richtung wie bei den Vorsängern. Allerdings mit einer Variation: Zumindest beim neuen Material des demnächst auf Glitterhouse erscheinenden Albums spielen die Keyboards Ali Petries eine große Rolle, die auch ins Live-Set wunderschön integriert wurden. Streckenweise klang das, was Marc Pilley für das neue Werk komponiert hatte, geradezu hymnisch. Irgendwie haben es Hobotalk jedenfalls geschafft, die Melodie für den Americana-Song wiederzuentdecken. Wem etwa Hobotalk bislang zu spröde oder zu langweilig erschienen sein mögen, der wurde durch diesen Auftritt gewiss zu einem bekennenden Gläubigen bekehrt.

So etwas hat Joseph Parsons natürlich nicht mehr nötig. Seit Joseph - beflügelt durch die inspirierende Hardpan-Phase - die Identitätskrise als Songwriter überwunden hat und sich mit "Vagabond Tales" seine bislang beste CD auf den Leib geschrieben hat, klappt's auch wieder mit den Live-Auftritten. D.h: Gleich beim ersten Stück, "Another Way", riss dem guten nicht eine, sondern gleich zwei Saiten. Deswegen gab's eine unfreiwillige Folk-Einlage, die indes einem Profi wie Parsons natürlich nicht erschüttern konnte. Da es sich mittlerweile recht solide eingeregnet hatte, war es natürlich nur adäquat, dass Joseph seinen eigenen Song "Crocodiles" dann nahtlos in "Who'll Stop The Rain" übergehen ließ. Nicht, dass das irgendwas genützt hätte. Immerhin gab es ja dieses Jahr erstmalig eine nahezu vollständig überdachte Zufluchtsecke, in der auch die immer ausufernderen OBS-Bildwände aufgestellt waren. Dennoch hatten es natürlich die Musiker schon besser, die sich ja auf der Bühne bzw. der Vorterrasse aufhalten konnten, auch wenn man sich hierbei, wie Miss Kenichi richtig bemerkte, schon ein wenig "kolonialherrenhaft" fühlte. Letztlich war der Regen dann aber spätestens in dem Moment vergessen, als Chris Cacavas von Joseph auf die Bühne zitiert wurde, um bei "Powderfinger" die Lead-Gitarre zu spielen. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste: Chris spielte hier eine Gitarre, die von jedem anwesenden Musiker unterschrieben wurde, und die später für 620 Euro für einen guten Zweck versteigert werden würde.

"Au, jetzt gibt's Rockabilly", staunte Hank Ray nicht schlecht, als er die wilden Frisuren der Helldorado-Boys sah. Damit hatte er natürlich nur gewissermaßen Recht. Zwar bemühen die Norweger ein altertümliches Space-Echo-Effektgerät, ehrwürdiges Gitarrengerät und Vintage Mirophone - haben aber durchaus mehr drauf als bloße 50s Klischees. Das reicht dann im Abschluss vom tatsächlich nur ansatzweise bemühten Rockabilly bis hin zum großen tragischen, Desolations-Epos wie es z.B. Nick Cave auch nicht besser hinbekommen hätte. Nur lauter. Ein Festival definiert sich ja auch immer irgendwie über seine Cover-Versionen und auch Helldorado ließen sich diesbezüglich nicht lumpen. Sie legten nämlich eine hinreißende Version von "Waiting Around To Die" hin, die zwar nicht so hoffnungslos, aber mindestens genauso düster war, wie das Original von Townes Van Zandt. Wer sich übrigens gefragt haben sollte, warum der ehemalige Townes-Kumpel Chris Eckmann auf dem Gelände herumlief, aber nicht auftrat: Der war hier, um Promotion für das im Sommer erscheinendes Album "Acytelene" zu machen.

Wie üblich beim OBS ist der Headliner ja nicht unbedingt die lauteste Band (wenngleich das Rezept dieses Mal in Bezug auf die Willard Grant Conspiracy nicht ganz aufging). South San Gabriel ist ja bekanntlich die eher ruhige Band von Will Johnson und Scott Dambon - die am Tag danach noch mal als polternde Centro -Matic zurückkommen sollten. Erstaunlicherweise wurde aber bereits für dieses Set das ganze Instrumentarium aufgebaut (inkl. Keyboards und Geige), das auch bei Centro-Matic aufgefahren wurde - es wurde nur weniger straight, ja geradezu verspielt eingesetzt. Wie Rembert ganz richtig ankündigte, hat Will Johnson mit SSG ja gerade eine Konzept-CD herausgebracht, die sich mit dem Leben einer Katze beschäftigte. Ganz so schlimm wurde es dann aber doch nicht. Will Johnson, der selbst wenn er gut drauf ist, so aussieht, als sei er schlecht gelaunt, und am liebsten mit tief in die Stirn gezogenem Käppi und geschlossenen Augen singt, kreierte jedenfalls hier bemerkenswert abwechslungsreiche Klangwelten, die geradezu auf hypnotische Art zum zuhören einlud und die zudem von der Kunstvideo-Abteilung wieder entsprechend illustriert wurden. Letzteres übrigens wesentlich sparsamer und somit effektiver als im Vorjahr. (Und zusätzlich wurde die Leinwand noch zur Präsentation von Thomas Türülümows OBS-Foto-Tagebuch genutzt.) Jedenfalls fand der Tag mit diesem Konzert einen geradezu versöhnlichen Ausklang - auch wenn es ausgerechnet beim vielleicht schönsten Stück, "I Feel Too Young To Die", Rückkoppelungs-Probleme gab. "Nice" fasste das Jay Williams, der Gitarrist der Broken Family Band, anerkennend zusammen. Und sogar Robert Fisher, der den ganzen Tag eher grummelig auf einem Stuhl auf der Veranda gesessen hatte, stand auf und klatschte in die Hände. Und irgendwann hatte es dann sogar aufgehört zu regnen - auch wenn es da für den Rasen bereits zu spät war...

Weiter zum 2. Teil...



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Surfempfehlung:
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www.glitterhouse.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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