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In's Zeug gelegt

20. Rocknacht

Köln, Palladium
09.04.2006

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Live
Ein wenig seltsam war es ja schon, das Programm zur 20. Rocknacht. Zwar gab es am Line-Up - The Revs, Shout Out Louds, Nada Surf, Tocotronic, Calexico, Live - eigentlich nichts auszusetzen, aber den großen Headliner und Publikumsmagneten suchte man dieses Mal vergeblich. Das, zusammen mit dem Umstand, dass die Rocknacht geschickterweise an einem Sonntag stattfand und die Eintrittspreise mit über 40 Euro auch nicht eben bescheiden ausgefallen waren, sorgte dann dafür, dass der Zuspruch eher übersichtlich ausfiel. Dennoch ließ sich keine der angetretenen Bands durch den Umstand, dass sie teilweise vor einer halbleeren Halle spielen mussten, die Laune verderben, sondern legten sich allesamt tüchtig ins Zeug. Nicht nur das: Der Abend wurde zudem aufgezeichnet für den WDR Rockpalast - und alle Angetretenen mühten sich erfolgreich, gerade den Rock-Aspekt ihres Tuns in den Vordergrund zu kehren.
The Revs aus Irland hatten damit sicherlich die wenigsten Probleme, denn die drei Jungs haben sich "ROCK" in Großbuchstaben auf die Fahnen geschrieben. Zunächst einmal galt es, sich aufgrund der großen (auch visuellen) Ähnlichkeit zu versichern, dass hier NICHT Buffalo Tom auf der Bühne standen. Doch dieser Eindruck verflog nach den ersten Takten. Die Band, die - nach eigener, nicht ganz ernstgemeinter Aussage - in Irland zig Top 10 Singles am Start hat, zeigte recht deutlich, dass sie mit Americana recht wenig am Hut hat. Ihre Welt ist der straighte, aus den ansatzweise noch zu erkennenden Punk-Wurzeln entsprungene Gitarrenpop mit typisch britischem Einschlag. Auch wenn die dies als Iren sicherlich nicht so gerne hören. Andererseits haben die Revs jedwedes musikalische Lokalkolorit (irischen Slang oder Folk-Einflüsse) ausgespart und überzeugten als eher universell geprägter Live Act. Dass der Bassist und Sänger des Trios ausgerechnet Rory Gallagher heißt, darf dabei als Treppenwitz der Geschichte gedeutet werden. Obendrein heißt der Gitarrist auch noch John McIntyre... Einen besonderen Höhepunkt hatten sich die Jungs auch noch ausgedacht: Gegen Ende des Sets sprangen zunächst Gallagher und dann auch McIntyre behände auf das Podest ihres Drummers Daniel O'Donnell und droschen zu dritt - und gar nicht mal so inkompetent - auf das Drumkit ein. Das war ein furioser Ausklang einer eh schon energischen Performance. Besser hätte man sich den Auftakt dieser Veranstaltung eigentlich nicht wünschen können.

Ein kleines Déjà-vu-Erlebnis hatte man dann anschließend auch gegen Ende des Auftritts der famosen Shout Out Louds aus Schweden: Dort kümmerten sich ebenfalls mehrere Leute um das Drumkit. Doch das war auch nur einer der vielen kleinen Höhepunkte der Show - dem Schwung der Revs setzten die Shout Out Louds vor allem IndieRockPop-Hymnen entgegen. "The Comeback", "Oh, Sweetheart" oder auch "100°" - alles tolle Songs, die von einer bestens eingespielten Band vorgetragen wurden. Sänger Adam Olenius erinnerte dabei stimmlich teilweise an Robert Smith, oder auch mal an Conor Oberst, recht fragil, aber nicht ganz so weinerlich. Die dezent eingesetzten Keyboard-Einsätze von Bebban Stenborg rundeten einen tollen Auftritt, der nicht wenige im Publikum dazu bewegt haben dürfte, am nächsten Tag gleich in den Laden zu gehen und sich "Howl Howl Gaff Gaff" von den Shout Out Louds zu kaufen.

Nachdem Nada Surf in letzter Zeit so ziemlich alle erreichbaren Festival-Bühnen unsicher gemacht hatten, war den Jungs die Routine in Bezug auf die speziellen Anforderungen einer solchen Situation natürlich anzumerken. Wie gewohnt lässig (und im Falle von Bassist Daniel Lorca Mundwinkel verankerter Fluppe) stürzten sich die Jungs ins Geschehen. Übrigens ohne die übliche Solo-Einleitung via "Blizzard Of 77", sondern direkt mit "Popular"! Das gestraffte Programm verlangte nach einer anderen Vorgehensweise. Und diese hieß "abrocken". Die geschickte Mischung aus Balladen (bzw. balladesken Passagen) und dynamischen Up-Tempo-Nummern, die sonst eine Nada Surf-Show auszeichnen, wurden gewissermaßen komprimiert. Aber - und das verriet uns einmal Drummer Ira Elliot: Es ist ja auch etwas typisch New Yorkerisches, wenn man die Songs kurz und knapp raushaut. Und die Jungs können so etwas: Mühelos singen sie z.B. zu dritt gegen die heftigsten Riffs an - das will auch erst mal gelernt sein. Zum Schluss hin ließen es sich die Herren nicht nehmen, ihre besten Stücke hintereinander wegzuspielen und wieder einmal zu belegen, wie viele es davon mittlerweile gibt. Und als Matthew Caws den Partyknüller "Blankest Year" anstimmte (der hierzulande momentan durch eine Autowerbung bekannt wird) gab es kein Halten mehr. Zumindest auf der Bühne: Von der Begeisterung des Moments mitgetragen, stieg Caws nach dem eigentlichen Schlussakkord noch einmal in den Song ein und hängte einen weiteren Refrain dran. So etwas gibt es ansonsten eher selten bei Nada Surf und zeugte davon, dass sich nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker wohl fühlten.

Danach begannen Tocotronic wie schon neulich in Essen ihren Auftritt eher gemächlich und düster - nach einem bedrohlichen "Requiem"-Intro tauchten die Herren erstmal in eine psychedelische Version von "Wir kommen um uns zu beschweren", gefolgt von einem ebenso gesetzten "Aber hier leben, nein danke". Nachdem mit "Der achte Ozean" in der gleichen Stimmung weitergemacht wurde, konnte man einem Großteil des Publikums ansehen, dass sich so langsam eine gewisse Trägheit breit machen wollte. Gerade, als es beinahe in Langeweile umschlagen wollte, zogen Tocotronic die Rettung aus der Tasche: "Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst". Danach ging es dann wirklich und endlich wieder stimmungsmäßig bergauf, sogar erste zaghafte Crowdsurfer-Versuche wurden gesichtet. Neue Stücke (u.a. "Gegen den Strich", "Das Geschenk" - hier übrigens in einer großartig infernalischen Version) und alte Stücke (u.a. "Ich bin viel zu lange mit Euch mitgegangen", "Drüben auf dem Hügel") folgten, den Abschluss krönte eine lange und ausufernde Version von "So jung kommen wir nicht mehr zusammen".

Joey Burns und seine Mannen nutzten die Gelegenheit, um bei dieser Rocknacht das neue Material ihres kommenden Albums "Garden Ruin" vorzustellen. Auf das Wesentliche reduziert und mit mehr Schmackes als bislang üblich steuerten Calexico durch eine Performance, die in weiten Teilen zu einem Gegenentwurf der besagten Scheibe wurde. Anders als sonst üblich, sind hier nämlich eine Sammlung kompakter, prägnanter Folk-Rock-Songs versammelt - ganz ohne Instrumentals und Experimentalpassagen, wie sie auf den bisherigen Scheiben zu finden waren. Im Live-Kontext ließ die Band nun aber keine Gelegenheit aus, jeden einzelnen Song bis auf das Skelett seiner Existenz aufzubohren und dann - meist teilweise psychedelischen Klangwolken verziert - auf die Reise ins Live-Nirvana zu schicken. Das ist sicherlich ein ehrbares, interessantes Konzept, das jedoch auf der anstehenden Tour erst so richtig zur Blüte gelangen wird. Denn zum einen müssen sich sowohl die Musiker wie auch das Publikum erst noch mit dem neuen Material vertraut machen, zum anderen verlangt nicht unbedingt jeder Song zwingend nach diesem Treatment - was besonders an bereits bekanntem Material wie "Not Even Steve Nicks" deutlich wurde - das war dann zuweilen zu Viel des Guten. Was gab's sonst noch? Die Erkenntnis, dass Martin Wenk und Jacob Valenzuela mittlerweile ganz alleine eine Mariachi-Kapelle emulieren können, dass Volker Zander doch lieber bei seinem akustischen Bass bleiben sollte (dieser klingt eben doch geiler) und dass Calexico auch als straighte Rock Band ganz gut funktionieren - wie z.B. bei dem grandiosen Über-Drone "All Systems Red", der noch kraftvoller geriet als auf der kommenden Scheibe. Und die schon öfters gespielte Cover-Version "Alone Again Or" kam so noch knackiger rüber als sonst. Fazit: Auch mit zurückgefahrenem Text-Mex-Inhalten und gehobenem Rock- und Psychedelia-Pegel machen Calexico eine gute Figur. Es wird interessant sein, zu beobachten, wie sich der neue Sound auf der kommenden Tour entwickeln wird.

Vor dem Auftritt von Live vibrierte die ganze Halle dann vor jener Rockstar-Energie, die nur die ganz Großen (oder jene, die sich dafür halten) zu verbreiten im Stande sind. Die Bühne wurde komplett leergeräumt (und -gekehrt) und dann auf zwei Plattformen das Drumkit und die vormontierte Backline hereingefahren. Da wurde nichts dem Zufall überlassen - für jede Aufgabe (z.B. das Darreichen frisch geeister Erfrischungsgetränke) gab es eigene Verantwortliche und somit war eigentlich alles klar für den perfekten Auftritt. Gleich zu Beginn zeigten Ed Kowalczyk und seine Mannen, wo es lang geht und dass sie in ihrer "kreativen Pause" nichts verlernt hatten. Mit großer Geste, Sonnenbrille und unbändiger kanalisierter Rockstar-Energie (s.o.) dirigierte Kowalczyk das begeisterte Publikum zunächst mal durch die alten Hits wie "All Over Me", bevor er dann seine Brille abnahm, sich eine akustische Gitarre umhängte und dann Songs des neuen Albums "Songs From Black Mountain" anstimmte. Allerdings fielen diese - vielleicht auch im Vergleich mit dem furiosen Einstieg - deutlich gegen das bekannte Material ab und klangen vergleichsweise belanglos. Die komplexen Songstrukturen und dynamische Art-Rock-Sprengsel, so wie sie bislang zum Live-Repertoire gehörten, waren hier bestenfalls noch zu erahnen. Das Publikum - jedenfalls der überschaubare Teil desselben, der bis hierhin durchgehalten hatte - liebte aber die Performance und trug Ed und seine (nicht mehr ganz jungen Mitstreiter) auf einer Welle der Euphorie dahin. Auch, wenn diese etwas kleiner ausfiel, als es die überlebensgroßen Stadiengesten und -Posen der Musikanten anzuraten schienen.

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Surfempfehlung:
www.friendsoflive.com
www.casadecalexico.com
www.tocotronic.de
www.nadasurf.com
www.shoutoutlouds.com
www.therevs.com
Text: -Ullrich Maurer / David Bluhm-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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