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Im Zeichen des Maiglöckchens

Immergut Festival

Neustrelitz, Bürgerseeweg
26.05.2006/ 27.05.2006

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Immergut Festival 2006
Warum sich die Macher des Immergut Festivals ausgerechnet das Maiglöckchen als Maskottchen ausgeguckt hatten, wird ihr Geheimnis bleiben. Vielleicht, weil Convallaria Majalis, so der lateinische Name, immer schon ein Glücks- und Liebessymbol war. Und um Liebe geht es bei diesem kleinen aber feinen Festival nach wie vor - Liebe zur Musik, Liebe zu den Tönen. Es ist wirklich ein erstaunliches Phänomen. Die Macher halten wohltuend stur an ihrem perfekten Konzept fest: Überschaubare Größe, faire Preise, wenig Kommerz und nicht zuletzt treffsicher ausgesuchte Bands nationaler und internationaler Herkunft machen das Immergut zu dem, was es war, ist und hoffentlich noch lange sein wird: Indie-Pop-Deutschlands liebstes Familientreffen.
Etwas war an diesem Wochenende im schönen Neustrelitz doch anders als die Jahre zuvor. Der Wetterbericht hatte Regen vorhergesagt und so musste man sich vom Gedanken an laue Frühsommerabende frühzeitig verabschieden. Doch das Immergut scheint auch der Meteorologie zu trotzen, jedenfalls blieb es am Freitag trocken, wenn auch etwas zu kühl. Den Anfang machten die amerikanischen Folk-Popper Midlake, die das anwesende Publikum durchweg beeindruckten. Im Zelt folgten die Berliner Lokalmatadoren Klez.e, denen man einen etwas späteren Auftritts-Slot gewünscht hätte. Es gab bereits Songs der im Sommer erscheinenden Platte "Flimmern" zu hören und viel braven Applaus von Seiten des Publikums. Auf der großen Bühne sollten danach Radio 4 den Fans erstmals richtig einheizen, aber der Auftritt der amerikanischen Disko-Punker kam doch reichlich routiniert und etwas blutleer daher. Auch die Flowerpornoes im Zelt konnten danach nicht wirklich überzeugen. Das lag mitnichten an den Songs, darunter echte Klassiker, sondern vielmehr an Tom Liwas offensichtlicher Lustlosigkeit - schade!

Ganz und gar Lust hatten hingegen die englischen Senkrechtstarter Art Brut, die man getrost als ersten Höhepunkt des diesjährigen Immerguts bezeichnen darf. Gutgelaunt folgte Hit auf Hit und wenn die Jungs / Mädels um Eddie Argos "Emily Kane" zum Besten geben, sollte jedes Festival toben - fein! Auch die Immergut-Veteranen von Pale machen ihre Sache gewohnt gut und kommen hervorragend an. Von der guten Laune angesteckt schien auch Blumfelds Jochen Distelmeyer zu sein und so erklärt sich ein durchwegs eindrucksvoller Gig mit einer gelungenen Mischung alter Hits ("Verstärker") und Songs des neuen Albums "Verbotene Früchte". Eng wurde es dann im Zelt bei The Appleseed Cast, was den Rezensenten angesichts der nicht gerade üppigen Verkaufszahlen der Band doch ein wenig wunderte. Es schienen alle Fans hier gewesen zu sein. Großartig ist die Band so oder so! Geradezu gruselig wurde es dann mit den Yeah Yeah Yeahs. Deren Sängerin Karen O ist ja für ausgefallene Garderobe und überschwängliche Auftritte bekannt, aber was man diesmal zu sehen bekam, erinnerte optisch an ein Ereignis der letzten Wochen: Den Grand Prix de la Chanson. Zu den finnischen Monster-Rockern Lordi hätte sich die Amerikanerin nämlich problemlos gesellen können. Die Show allerdings furios und ein weiterer ganz subjektiver Höhepunkt dieses Festivals. Das danach die Kraft des Rezensenten für Gregor Samsa und Phantom / Ghost nicht mehr reichte, bitte ich zu verzeihen.

Am Samstag hatte sich das Wetter entschlossen den Wetterbericht noch zu unterbieten, auch dies ein Grund dafür, das Festival erst gegen halb sechs aufzusuchen. Monoland, Luke, Mew und die Fotos waren da bereits gelaufen. Letztere sollen übrigens eine fulminante Show abgeliefert haben. Amy Millan erfreute mit ihren wirklich schönen Solostücken und auch Broken Social Scene-Gitarrist Jason Collett begeisterte in der Folge mit seinem symphatischen countryesken Sound. Den nachfolgenden Auftritt von Okkervil River im Zelt durfte man wieder unter der Kategorie "Höhepunkt" verbuchen. Der folgende Gig von Mia. war sicherlich von einigen mit gemischten Gefühlen erwartet worden. Zu gut erinnerte man sich noch an deren naive Schwarz-Rot-Gold-Nummer, mit der sich Mia. zwar nicht in die Indie-Herzen katapultierten, dafür aber nun so manche Demo der NPD beschallen durften. So manche Kahlköpfe der Security dürften diese Band also aus ganz anderem Zusammenhang kennen - aber das nur nebenbei. Mia. machten ihre Sache erstaunlich gut, Sängerin Mieze plapperte gewohnt unreflektiert von Liebe, Sonne usw., bot ansonsten aber eine souveräne, festivalkompatible Show, die der Mehrzahl der Awesenden wohl gut gefallen hat!

Der, und soviel Subjektivität sei gestattet, großartigste Auftritt des Festivals folgte im Zelt: Ein sichtlich gut gelaunter und gebräunter Tilman Rossmy mit seiner neuen Regierung. Der bot einen weiten Bogen an Regierungs-Songs von fast allen Platten. Bei "Ganz tief unten", "Corinna" oder "Die alte Wohnung" läuft es mir jetzt noch kalt über den Rücken. Das Publikum war jedenfalls so begeistert, dass Rossmy zwei Zugaben spielen musste und Thees Uhlmanns Tomte zurecht warten mussten. Apropos Tomte! Die gehören ja beim Immergut auch schon fast zum Inventar. Umso ärgerlicher, dass sie die Hauptbühne mit einem völlig unbescheidenen, sprich riesigen, Grand Hotel van Cleef-Banner zugepflastert hatten. Der Auftritt selbst natürlich recht souverän, aber weniger ist manchmal doch mehr. Die Richtigkeit dieser These bewies darauffolgend im Zelt Feist. Die Kanadierin, deren Platte "Let It Die" unbestritten zum Schönsten gehört, was in den letzten Jahren erschienen ist, begeisterte nur mit Gitarre und dieser einmaligen Stimme bewaffnet. Wie sie es schafft, beispielsweise "Inside And Out" von den Bee Gees zu zersägen und dem Song eine komplett andere Richtung zu geben, das verdient Hochachtung. Hat man so bestenfalls bei Chan Marshall alias Cat Power schonmal gehört. Wahnsinn! Mit dem fantastischen kanadischen Musikerkollektiv Broken Social Scene ging das diesjährige Immergut würdevoll zu Ende. Fazit: Alles beim alten an der mecklenburgischen Seenplatte. Viel Licht, wenig Schatten. Wir freuen uns aufs nächste Jahr.

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www.immergutrocken.de
Text: -Carsten Wilhelm-
Foto: -Carsten Wilhelm-

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