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Halfdippin' in Cologne

Mark Olson And The Creekdippers

Köln, Gebäude 9
31.08.2006

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Mark Olson
Genau genommen war das kein echtes Creekdippers-Konzert, da außer Mark Olson lediglich Victoria Williams und Teufelsgeiger Michele Gazich anwesend waren. Andererseits war es aber auch definitiv kein Mark Olson-Solokonzert - sondern eher so eine Art Zwitterveranstaltung. Das Gebäude 9 war ansehlich gefüllt. Es waren mindestens doppelt so viele Zuschauer gekommen, als beim letzten Gastspiel von Mark an gleicher Stelle. Damals kam er zwar mit Band und neuer Scheibe aber ohne Victoria Williams im Gepäck - das wird dann den Ausschlag gegeben haben.
Dieser Abend stand zunächst insofern eigentlich unter keinem besonders guten Stern, da Victorias Vater schwer erkrankt ist und sie sich große Sorgen um ihn machte. Das führte auf der Bühne zu ansonsten nicht üblichen Spannungen zwischen Victoria und Mark, die ungefähr an das erinnerten, was sich manchmal zwischen Vic und Tina Chesnutt abspielt. Unberührt davon blieb alleine Michele Gazich, der manche Klippe umschiffte und manche Welle glättete. Rein musikalisch bot der Abend ein erstaunliches Potpourri, das praktisch alles abdeckte, was die Protagonisten zu bieten hatte. So gab es zahlreiche Victoria-Nummern - u.a. auch von ihren Big-Budget-Produktionen aus den 90ern, Stücke der letzten Creekdippers-Scheiben - auch die Anti-Bush-Tirade "GW" vom "Political Manifest" - und spontan ausgerufene Cover-Versionen aus allen möglichen Bereichen. Wie gewohnt wechselte Mark Olson zwischen Akustik-Gitarre, Dulcimer und Bass, während Victoria E-Gitarre, Bongos und ein wenig Mundharmonika spielte. Wer die Creekdippers kennt, der weiß, dass die Konzerte nicht nach einem starren Schema, sondern aus dem Bauch heraus ablaufen. Wem gerade ein Stück einfällt, der stimmt dieses an, und die anderen bemühen sich zu folgen. Wenn es nicht klappt, dann wird die Chose halt gegen die Wand gesetzt, abgebrochen oder in ein anderes Stück umgeleitet. Wenn sich allerdings alle einig sind, dann entstehen zuweilen magische Momente.

Bei der Show im Gebäude 9 waren dies insbesondere vier Stücke, die neben einigen Passagen im Gedächtnis haften blieben. Gleich zu Beginn gab es Victorias Version des alten Nat King Cole-Hits "Nature Boy". Für gewöhnlich zerstört Victoria das Stück beinahe - in dem Bemühen, die Struktur aufzubrechen und einen eigenen Weg zu finden. Hier hielt jedoch alles zusammen und hinterließ im Nachhinein eine Gänsehaut beim Zuhörer. "Decembers Child", eine der besten Kompositionen Marks der letzten Jahre, begann dieser eigentlich viel zu schnell - wurde jedoch von Michele Gazich kongenial eingefangen und mit einer wunderschönen Geigenfigur umrahmt. Victoria stieg intuitiv und vergleichsweise subtil darauf ein und letztlich hatte man dieses Stück dann so noch nie gehört. Wie gesagt: Nummern aus Victorias Big-Band-Phase hatte man längere Zeit schon nicht mehr vernommen. So überraschte es denn, dass sie gerade in dieser Besetzung "You R Loved" von ihrem Album "Loose" von '94 anstimmte - ein Stück, das sie ihrem Vater widmete. Obwohl hier eigentlich nichts stimmte und Victoria das Gitarrensolo bemerkenswert konsequent versenkte, war dies einer der schönsten Momente des Konzertes, denn hier hatte man das Gefühl, Musiker bei dem zu beobachteten, was sie am liebsten taten (nicht notwendigerweise bei dem, was sie am besten können - was aber ein anderer Punkt ist). Vielleicht lag es einfach an dem inbrünstig vorgetragenen Refrain, dass diese Nummer so berührte. Ähnliches war beim von Victoria spontan zur Zugabe ausgerufenen "Louisiana" zu beobachten, das Mark zunächst gar nicht, und dann nur mit Bass spielen wollte, was Victoria gar nicht behagte. Nach der ersten Strophe ging der Song dann auch prompt im allgemeinen Herumgefrickel verloren und kam schließlich zu einer Sackgasse. "Moment mal, wir müssen 'Louisiana' aber unbedingt zu Ende spielen", beharrte Victoria, "wir sind ja nicht wie die Regierung von Louisiana, die einfach alles angefangen liegen lässt." - "Wieso, du hast doch eben noch gesagt, dass jeder Tag ein neuer Tag sei", stichelte Mark. Und das hatte sie in der Tat gesagt, woraufhin sich eine fast philosophische Debatte über die Themen Erinnerung, Gegenwart und Vergangenheit entsponnen hatte. Schließlich kam man aber zum Schluss, dass "Louisiana", der Song, doch eben nicht New Orleans, die Stadt, sei, und man das Ganze deswegen doch zu Ende bringen sollte, was dann auch geschah.

Zwischenzeitlich hatte sich Victoria den Kopf an ihrem Mikrophon gestoßen, wodurch das Konzert auf rationaler Ebene quasi beendet worden war. Kennzeichnend war indes, dass man quasi mit den Musikern auf der Bühne empfand. Wenn diese sich unwohl fühlten, dann tat man das als Zuschauer auch. Und wann passiert so etwas schon mal? Insofern war dies - auch für Creekdippers-Verhältnisse - ein außergewöhnlich intimes Konzerterlebnis. Dass natürlich musikalische Puristen an diesem Konzertabend keine allzugroße Freude gehabt haben dürften, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber ehrlich gesagt, kommen diese wahrscheinlich auch nicht zu einer Creekdippers-Show, denn Mark Olson und Victoria Williams gehören zur ganz kleinen Schar von Musikern, die auf der Bühne ihr innerstes nach außen kehren und die Zuschauer am kreativen Prozess teilhabe lassen. Howe Gelb, Chan Marschall, Bill Callahan oder Vic Chesnutt gehören zu diesem erlesenen Kreis, der eine bestimmte Spezies von Fan voraussetzt. Diese Spezies indes, dürfte mit dieser Show sehr zufrieden gewesen sein.

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Surfempfehlung:
www.creekdippers.com
www.creekdipping.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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