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Günther Grass und die steifen Nasen

The Dresden Dolls
Thomas Truax

Bochum, Zeche
01.09.2006

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The Dresden Dolls
Kaum zu glauben, aber nach einigen Festival-Auftritten war dies die erste Tour zur aktuellen Dresden Dolls-Scheibe "Yes, Virginia". Nun, wenn eine Band keine Zeit findet, sofort überall dort aufzutreten, wo sie willkommen ist, dann hat sie es wohl geschafft. Die Zeche in Bochum war jedenfalls bis auf den letzten Platz gefüllt, als kurz vor acht (also quasi noch zu nachtschlafener Zeit) Freund und Kollege Thomas Truax die Bühne betrat. Thomas stammt aus New York und ist einer jener Visionäre, die trotz des Umstandes, dass prinzipiell bereits alles dagewesen sein müsste, alles daran setzt, doch alles anders zu machen. Zunächst mal baut er seine eigenen Instrumente. In dem Fall war das z.B. der Hornykator - ein getuntes Blasinstrument mit einer Voicebox, einem Sampler und diversen Mikros, in das man hineinsingen kann, aus dem es aber auch herausschallt und - was besonders wichtig ist, das sich auch als Trinkgefäß verwenden lässt.
"Der Hornykator ist durstig heute abend", meinte Thomas z.B., goss eine halbe Flasche Bier hinein und trank dieses durch das Mundstück schließlich selber. Dann gab es da noch "Miss Spinster" - eine umgebaute Felge, die mit allerlei Klöppelwerkzeugen bestückt ist, und die sich mittels einer Art Getriebe in verschiedenen Abständen vor verschiedenen Trommelgeräten dreht, und so unterschiedliche Rhythmen erzeugen kann. Dazu verwendet Thomas noch einen Sampler und - ausnahmsweise, weil es doch ein ganz gutes Instrument sei - eine Gitarre. In dem Fall eine Dobro, den Vorläufer der E-Gitarre, mittels derer sich Orchestermusiker im Zeitalter vor dem Verstärker gegen andere Instrumente durchsetzen sollten. Um diese Theorie zu testen, begab sich Thomas mit seiner Gitarre - aber ohne Verstärkung - ins Publikum und durchwanderte singend, unsichtbar und Großteils nur für die direkte Umgebung hörbar das Auditorium. Das war "anheizen" einmal auf einer ganz persönlichen Ebene. Zum Ende seiner Show gab es noch einen solchen Ausflug ins Publikum - dieses Mal mit dem Hornikator und eingeschalteten Sampler, mittels dessen jeder, der wollte, sich an der Performance beteiligen konnte. Thomas' Stücke bewegen sich dabei - nicht nur wegen seiner grummeligen Stimme - im Bereich dessen, was z.B. Tom Waits an guten Tagen so produziert. Sie sind auch mindestens genauso witzig. "Das nächste Stück ist sehr unheimlich", kündigte Thomas z.B. eines seiner Elaborate an, "denn es handelt vom Internet." Thomas Truax legte hier wirklich mal Phantasie und Ideenreichtum an den Tag, die beeindruckten. Und er zeigte, dass es auch möglich ist, ohne großes Budget exzellente, ausgefallene Unterhaltung zu produzieren.
Die "schönsten Menschen der Welt", wie der Conferencier die Dolls dann schließlich ankündigte, betraten - wie üblich - zunächst gemeinsam die Bühne, um die Show zunächst mit einer akustischen Nummer ("Sing") zu beginnen, um sich dann hinter Piano und Drumkit zu verschanzen und dort den Rest des Abends zu verweilen. Hier zeigten sie dann gleich auch, warum sie so erfolgreich sind: Es gibt heutzutage kaum eine Band (bzw. Projekt), die sowohl auf technischer Ebene, wie auch was den Unterhaltungsfaktor und die Bühnenpräsent betrifft, dermaßen perfekt (und gleichzeitig lebendig) agiert, wie die Dolls. Bestes Beispiel dafür war gleich zu Beginn der neue Track "Backstabber" - eine Blaupause für einen energischen Rocksong mit Pop-Appeal, bei dem die Dolls den Druck und das Energielevel einer kompletten Rockband hinlegten - nur eben zu zweit und ohne Gitarren und Bass (was beides nicht vermisst wurde). Das mit der Perfektion und dem Label "Punk-Kabarett" ist dabei übrigens durchaus kein Widerspruch, denn, wie uns Amanda erklärte, bezieht "Punk"-Label sich nicht auf technische Fertigkeiten, sondern nur auf die allgemeine Attitüde. So weit, so gut - nur gelang es den Dolls scheinbar mühelos dieses Level bis zum Schluss durchzuhalten. Das eh schon energische (und dabei ungemein komplexe) "Girl Anachronism" vom Debüt spielten sie z.B. - ganz zum Schluss - noch mal ungefähr doppelt so schnell wie gewohnt. Die Fans freute es natürlich. Wie sich das gehörte, hörten sie bei den neuen Stücken aufmerksam zu, sangen ansonsten aber alle Songs mit und tanzten sich die Seele aus dem Leib. Und mal ehrlich: Wenn die Fans dermaßen vertrackte und rhythmisch komplexe Wechselbäder-Tracks wie "Coin-Operated Boy" - mit allen Haken, Ösen, Stops und Wendungen punktgenau mitsingen können, dann darf man davon ausgehen, dass die Botschaft bei diesen auch angekommen ist. Und zwischendurch fand Amanda auch noch Zeit, immer wieder kleine musikalische Referenzen aus Klassik und moderner Musikkultur einzubauen. Als besondere Bonbons gab es auch bei dieser Show wieder ausgesuchte Coverversionen zu bestaunen. Neben dem mittlerweile zum Slogan gewordenen "War Pigs" waren dies zwei Stücke aus dem deutschsprachigen Raum. Endlich hat sich Amanda also dazu durchgerungen, ihre durchaus sehr guten Deutsch-Kenntnisse auch im Live-Kontext zu nutzen. (Im richtigen Leben spricht sie nämlich durchaus ganz gerne mal Deutsch.) Zwar kündigte sie "Eisbär", den alten NDW Hit der schweizer Gruppe Grauzone um Stephan Eicher als "altes deutsches Volkslied" an, das tat der Begeisterung aber keinen Abbruch. Hier sangen natürlich nicht die (vorwiegend jugendlichen) Fans mit, sondern eher die junggebliebenen Veteranen, die sich noch an die Zeiten der NDW erinnern konnten. Trotzdem hätte dieses Stück kaum besser gewählt sein können, denn für die Besetzung Piano / Drums war der pulsierende Rhythmus des Tracks natürlich bestens geeignet. Ganz anders als die zweite Überraschung des Abends. Wenn sie sich eh schon dauernd auf Brecht / Weill berufen, so hatten sich die Dolls wohl gedacht, dann könnten sie doch eigentlich mal eine direkte Hommage an die Vordenker alternativen Musikgutes einbauen. Und so gab es dann einen - erstaunlich werksgetreuen - Auszug aus der Dreigroschen-Oper; und zwar die Ballade von dem "Schiff mit acht Segeln und 50 Kanonen". Zwar hatte Amanda zuvor noch Bedenken, das dramatische und alles andere als pflegeleichte - vor allen Dingen aber wortreiche - Stück zu verhunzen, doch sehr viel perfekter hätte man das nicht lösen können. Mitsingen war hier natürlich noch schwieriger. Dafür war das dann ein gelungenes Beispiel für lebendige Kulturpflege. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein Bostoner Duo sich hier zuständig fühlt?

Im Zugabenteil, den Amanda mit einem leicht unheimlichen, aber wunderschönen neuen Stück, das an diesem Abend Premiere feierte ("Das ist das erste Mal, dass ich dieses Stück spiele", meinte sie, "haltet die Nasen steif") eröffnete, setzte sie dann noch eins drauf und widmete "Mrs. O" vom neuen Album Günther Grass, einem "mutigen Mann in schwierigen Zeiten". Als sich Brian und Amanda dann nach knapp zwei Stunden vollkommen durchgeschwitzt, aber mindestens so zufrieden wie das Publikum von diesem verabschiedeten war klar: Die Dresden Dolls sind Zukunft - nun nicht gerade des Rock'n'Rolls, aber von so ziemlich allem anderen, was musikalisch denkbar ist.

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Surfempfehlung:
www.dresdendolls.com
www.roadrunnerrecords.de/artists/DresdenDolls/
de.wikipedia.org/wiki/Dresden_Dolls
www.thomastruax.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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