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Lambchop

Düsseldorf, Savoy Theater
01.11.2006
Lambchop
Die komplette aktuelle Lambchop-Tour zur neuen Scheibe "Damaged" findet in bestuhlten Venues statt. Wer immer die Möglichkeit hat, herauszufinden, wo auf der Bühne Tony Crows Flügel steht, sollte alles daransetzen, einen Platz weit davon entfernt zu ergattern. Ansonsten sieht er nämlich nichts. Dieses Problem, das bereits auf der letzten Lambchop-Tour (in regulären Clubs) zu beobachten war, wird auf dieser Tour nochmals verstärkt. Nicht, dass es ansonsten überhaupt viel zu sehen gegeben hätte, denn das Gimmick der Tour sind fünf große Ballons (von den Musikanten immer wieder gerne augenzwinkernd als "Balls" angesprochen), auf die ebenso viele Projektoren Video-Loops von Cowboys, Baseballspielern, Rodeos, Eulen, Blumen und ähnlichem projizieren. Alles andere findet bei Leselampen-Niveau im Dreiviertel-Dunkel statt. Die Musiker - neben Lambchop sind dies Scott Martin und Ryan Norris von dem Avantgarde-Elektronik-Projekt Hands Off Cuba und natürlich das Dafo-Streichquartett aus Polen - sind nur schemenhaft zu erkennen und lediglich Kurt Wagner, der wie gewöhnlich in seiner Arbeitskleidung auf einem Stühlchen in der Bühnenmitte sitzt, kann überhaupt identifiziert werden. Im Prinzip also ist diese Lambchop-Tour ein handfestes Stück Installations-Kunst.
Musikalisch allerdings waren Lambchop noch nie so perfekt wie heute. Für viele Bands wäre dieses im Live-Kontext fast schon ein Todesurteil. Hier zeigt sich jedoch die Stärke von Kurt Wagners Kompositionen: Die hochkomplexen, vielschichtigen Stücke, die sich konventionellen Songstrukturen auf elegante Weise entziehen, bieten dermaßen viele Möglichkeiten im Detail immer wieder lebendig und frisch aufbereitet zu werden, dass selbst eine perfekt eingespielte Musikertruppe diese nicht "steril spielen" könnte. Genau das war hier auch wieder zu beobachten. Geriet der Einstieg - ein knappes Set von Hands Off Cuba mit Lambchop-Gitarrist William Tyler, bei dem jedoch zuviel von der Harddisk kam und zu wenig überraschte um begeistern zu können - noch ein wenig spröde, setzte bereits die kleine Einlage des Dafo Quartett einen ersten Höhepunkt. Die vier Musiker aus Krakau und Danzig haben sich ja auf die Interpretation anspruchsvoller, avantgardistischer Komponisten wie z.B. Penderecki oder Górecki verschrieben und eröffneten - wie schon auf der letzten Tour - mit einem Kabinettstückchen der Marke "Prädikat besonders wertvoll". Es ist schon eine Freude zu beobachten, wie die vier Virtuosen sich mit Gusto in den absurdesten Klangvariationen verlieren, mit unglaublichem Verve und punktgenau die verstiegensten Akkordfolgen hinlegen, manchmal auch bloßen strukturierten Krach und faszinierend logische Quietschgeräusche fabrizieren, um dann von einem Moment auf den anderen in schwelgerische, melodische Klangflächen umzuschwenken und dabei ganze Orchester zu emulieren in der Lage sind. Kurt Wagner erzählte ja bei den Interviews zur letzten Scheibe, dass er die Streicherarrangements auf derselben mit Hintergedanken an das Dafo Quartett habe schreiben lassen: Das, so der Eindruck bei dem Live-Konzert, wäre gar nicht notwendig gewesen. Die Dafos bekamen einfach alles hin. Und das mit Spaß dabei.

Nicht sehr viel anders (nur auf einer anderen Ebene) sah es da bei den anderen Kollateral-Künstlern, Hands Off Cuba, aus. Wirkten deren Beiträge auf "Damaged" keineswegs so zwingend notwendig, wie Kurt das in den Interviews aus seiner Sicht darstellte, so kann man doch nicht umhin zu attestieren, dass der Lambchop Show 2006 ohne Hands Off Cuba etwas gefehlt hätte. Was die Herren nämlich in ihrem Solo-Act vermissen ließen - ein Ziel, zum Beispiel - gab es dann bei der Lambchop-Show in Vollendung. Die kleinen elektronischen Störfeuer fügten den Songs nicht nur einen Rahmen, sondern auch Akzente hinzu. Der Lambchop-Sound hat sich - neben dem extrem disziplinierten Zusammenspiel - bei all dem nur in Details weiter entwickelt. Kurt beschrieb ihn als "düsterer" als früher - was aber zum Teil wohl an den entsprechend düsteren Texten von "Damaged" liegt. Bei diesem Konzert hatte man z.B. den Eindruck, dass William Tyler und Alex MacManus als Gitarristen gleichberechtigter agierten als früher. Einen richtigen Lead-Gitarristen konnte man jedenfalls nicht ausmachen. Der von Matt Swanson gespielte Bass spielte bei Lambchop eigentlich nie eine große Rolle - war bei dieser Show jedoch ein solide groovender Anker. Und dass Kurt bei Konzerten weit mehr singt als sprechsingt, war auch hier wieder zu beobachten. Und dann fiel noch etwas auf: Kurt und William wehrten sich bei den Interviews zu "Damaged" gegen die Frage, warum bei Lambchop der Krach und der Lärm, den es bei früheren Aktionen immer mal wieder gegeben habe, immer unwichtiger zu werden scheine. Ganz im Gegenteil bestanden beide darauf, dass Lambchop zuweilen immer mal wieder gerne losrockten. Früher war dies auch wohl so, doch bei dieser Show gab es kaum Energie-Ausbrüche irgendwelcher Art (mal abgesehen von einigen Zeilen, bei denen Kurt allen Ernstes regelrecht rumcroonte und beinahe sogar brüllte). Vielmehr war die in Bezug auf die Lautstärke ein sehr angenehm temperiertes Konzert. Auch dann, wenn sich mal alle Beteiligten zu hymnischen Schwelgereien hinreißen ließen, was durchaus vorkam. Nur eben komplett ohne Rock'n'Roll.

Lambchop
Der Großteil des Programmes stammte natürlich von der "Damaged"-Scheibe, wie der Opener "Paperback Bible", doch Kurt ließ es sich auch nicht nehmen, auf einige ältere Tracks z.B. "My Blue Wave" von "Was A Woman" (was sich ja anbot, da ein Flügel zur Verfügung stand) oder "You Are The One" von "How I Quit Smoking" ins Programm einfließen zu lassen. Und natürlich gab es auch wieder Witze von Tony Crow. "What do tight pants and cheap hotels have in common?", fragte er ins Rund, als das Gespräch wieder mal auf die "Balls" kam. "No Ballroom" war die Antwort. Davon mal abgesehen, war die Lambchop-Show 2006 im Prinzip aber unter dem Strich schon eine ziemlich erhebende, ja spirituelle - und überhaupt nicht düstere - Angelegenheit...
Surfempfehlung:
www.lambchop.net
www.lambchopmusic.com
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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