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Konzert-Bericht
 
Season of the Witch

Sandy Dillon

Köln, Kantine
24.04.2001
Sandy Dillon
Wie eine Marionette, der man die Fäden gekappt hatte, stakste Sandy Dillon zu den ersten Voodoo-Vibes ihrer originell agierenden Backing-Band (mit Members von den Pogues und Heather Nova) auf die Bühne. Die wenigen Leutchen, die sich trotz des beinahe geschlossenen Boykotts der lokalen Presse tatsächlich in die Kantine verirrt hatten, reagierten begeistert, als die Naturgewalt Sandy Dillon über sie hereinbrach. "Entschuldigung, aber ich bin ein bißchen heiser", meinte sie zu Beginn des Konzertes. Diese Aussage ließ sich nicht überprüfen, denn Sandy's Stimme - irgendwo zwischen Tom Waits und Aschenbecher - ist ja nun wirklich gewöhnungsbedürftig und klingt standardmäßig schon wie Schmirgelpapier.
Sandy Dillon
Geboten wurde ein buntes Potpourri aus den beiden offiziell veröffentlichten Alben "Electric Chair" und "East Overshoe", sowie einige Cover-Versionen (Hoagie Carmichael und Captain Beefheart (ausgerechnet eine Ballade)) UND einige Tracks von Sandy's unveröffentlichten ersten beiden Tonträgern. Die Scheiben vergaß man am besten aber gleich mal, denn die Kompositionen dienten eher als Grundlagen für interpretative Neuansätze. Insbesondere die Tracks, die auf den CDs eher skizzenartig angelegt sind (z.B. "Too Ruff") gerieten in der Live-Version zu stampfenden, fauchenden und grummelnden Ungetümen. Dazu agierte Sandy als beschwörerische Hexe, die den Zuhörer mit wilden Gesten und einer unglaublichen Intensität in ihren Bann zog. "Voodoo" wäre schon der richtige Ausdruck gewesen, würde aber der doch über dieses Attribut hinausgehenden Musik ein wenig ungerecht. Sandy bedient sich bei ihrem einmaligen Musikgebräu aus allen Bereichen traditioneller Stile - vorwiegend Blues und Jazz mit jeder Menge Avantgarde-Ästhetik - und ihrer Küche. Staubsauger, Säge und Deckendekoration stehen hier gleichberechtigt neben Keyboard ("Das ist so toll, es macht auch Frühstück", lobte sie ihr Instrument), Gitarre und Rhytmusgruppe. So exaltiert sich das an dieser Stelle auch anhören mag: Im direkten Erlebnis gerät diese Mixtur zu einer faszinierenden Tour de Force in Sachen Performance.
Sandy Dillon
Der Verzicht auf Elektronik und etwa Sampler muß hier unbedingt als dicker Pluspunkt gewertet werden. Sandy's Musik lebt. Lediglich die Passage, in der sie ein paar Tracks am Piano solo vortrug, geriet ein wenig blaß - das aber wohl wegen des Stimmproblems, dessetwegen man auch nicht in den Genuß einer Zugabe kam. Stimme hin, Stimme her: Sandy Dillon kann singen - was man an Phrasierung, Timbre, Intonation und Volumen festmachen kann. Auch wenn Sandy's Stil nicht jedermann's Sache ist und auch ihre Bühnenpräsenz zwischen beängstigend agitativ und unfreiwillig freaky schwankte, muß man doch attestieren, daß sie zu den besten Entertainerinnen auf dem Sektor "Tom Waits meets Captain Beefheart" gehört. Noch ein Wort zur Band: Wer solche Musik auf eine dermaßen packende und schlüssige Weise zu interpretieren versteht, ohne dabei etwa in Virtuosität zu machen, darf sich zu den besten seines Fachs zählen.
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-

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