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Hier ertrinkt niemand

Steve Wynn + The Miracle 3
Michael Weston King

Köln, Blue Shell
15.11.2010

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Steve Wynn
Im Kölner Blue Shell trafen mit Steve Wynn und Michael Weston King zwei alte Bekannte aufeinander, denn die beiden Musiker kennen sich aufgrund vieler gemeinsam bestrittener Liederabende schon seit langen Jahren. Da sich die potentielle Zielgruppe beider Künstler zudem in wesentlichen Teilen sogar deckt, war dies durchaus mal eine sinnvolle Kombination von Support-Act und Headliner.
Michael Weston King hat sich mit seiner neuen CD "I Didn't Raise My Boy To Be A Soldier" ein hehres Ziel gesetzt: Den klassischen Protestsong am Leben zu erhalten. In Zeiten von Facebook und I-Pop haben Folksongs (und das sind Protestsongs, wie Michael sie meint nun mal) als Informationsmedium ja weitestgehend ausgedient - weswegen Mikes Anliegen ja ebenso rührig wie rührselig erscheint, aber darum ging es ja nicht. Denn im Prinzip machte er schon alles richtig: Die gewählten Songs - alte, wie neue, eigene, wie geborgte, vor allen Dingen aber zeitlose mit universell gültigem Bezug - illustrierte er mit entsprechenden Fotoserien, die per Beamer projiziert wurden. Die Songauswahl war dabei bewusst eklektisch und sendungsbewusst gehalten: Neben eigenem Material schob er eher obskure Helden ins Rampenlicht: Den Songwriter Jim Ford, den Poeten Langston Hughes und nicht zuletzt Mikes heimliches Idol, den Protestsong-Urvater Phil Ochs, der das Genre in den 60s eigenhändig belebte und förderte wie kein Zweiter. Als Interpret hielt sich Mike dabei an die Regeln des Folkies - Gitarre, Gesang, Mundharmonika - erlaubte sich aber eine Verkleidung, wie sie auch die Gründerväter (Pete Seeger etwa) nicht verachtet hatten. Insgesamt war das also eine gute, informative und unterhaltsame Angelegenheit.
Dass Steve Wynn zusammen mit seiner Hausband, The Miracle 3, in unseren Landen gewesen war, ist ja nun schon einige Zeit her. Nicht, weil der Mann Pause gemacht hatte, sondern weil das Solo-Projekt "Crossing Dragon Bridge" und vor allen Dingen das in der amerikanischen Heimat immens erfolgreiche "Baseball Project" mit Peter Buck und Scott McCaughey zwischenzeitlich bearbeitet werden wollten. Nun ist Steve wieder in alter Form unterwegs: Das neue Album, "Northern Aggression", ist schlicht die bislang beste Repräsentation dessen, was The Miracle 3 als Band ausmacht (auch wenn in der europäischen Variante Eric VanLoo statt Dave De Castro den Bass bedient). Das sei auch so geplant gewesen, so Steve, denn es gehe ihm nicht darum, als Steve und seine Musiker, sondern als Teil einer Band wahrgenommen zu werden. Das neue Material entstand deswegen zusammen in einem Studio in Richmond (was den wortspielerischen CD-Titel erklärt, denn Steve & Co. reisen aus dem Norden an) und vieles wurde spontan und live eingespielt. Gerade deswegen klingen die neuen Songs wie Blaupausen für Live-Tracks und wurden auch entsprechend schnörkellos so gegeben. Steve sagt noch, dass das neue Album eine "psychedelische Gesamt-Erfahrung" darstelle, was sich natürlich live fortsetzt. Dies wurde nicht nur, aber auch, durch das entsprechende Themenlogo auf Linda Pitmons Drumset illustriert. "Wenn wir keine Drogen nehmen wollen, schauen wir uns das Logo eine halbe Stunde lang an - das hat die gleiche Wirkung", erklärte Steve. Die Sache ist dabei die: Sowohl Dave De Castro als auch Gitarrist Jason Victor sind begeisterte Prog-Rock-Fans, währen Steve Wynn selbst eher ein Verehrer von klassischen, psychedelisch angehauchten Gitarrenorgien ist. Beides prallte auf dem neuen Material zusammen und ergab dann das vorliegende Ergebnis. Zwar erklärte Jason, dass er seine Prog-Rock-Erfahrungen gar nicht nutzen konnte - Steve sieht das aber anders.

Das Ergebnis sind Nummern wie etwa der Opener, "Resolution" - ein knackiger Rocksong mit freifliegendem Mittelteil oder gar Genre-Monstren wie "The Other Side", die zuweilen als klassischer 70s Gitarrenjam daherkommen. Steve erklärte das so: "Dass Dave und Jason Prog-Rock Fans sind, wusste ich natürlich, aber ich stehe eher auf die Grateful Dead oder die Doobie bzw. Allman Brothers und wollte etwas in diesem Geiste schreiben. Das durfte ich den anderen aber nicht sagen, da diese solche Acts gar nicht mögen (besonders Linda Pitmon mag die Dead so ganz und gar nicht). Das Ergebnis sind dann Songs, in denen das Beste aus allen Welten zusammen kommt. So hören wir uns eben wie die Doobie Brothers an, bei denen es dann ein strammes King Crimson- oder Pink Floyd-Solo geben darf." Oder auch zwei, wie an diesem Abend. Steve hatte sich einen bösartigen, kleinen Wadenbeißer-Retro-Verstärker zugelegt, dessen schnarrenden Grund-Sound der Tontechniker im Vorfeld erst mal drosseln musste. Aber: In Verbindung mit dem neuen Material gab das einen beeindruckend komprimierten Rock-Sound, der Steve & Co. gleich mal um zehn Jahre jünger klingen ließ. Das erklärte vielleicht auch eine Gruppe von jüngeren Leuten, die hier offensichtlich die Miracle 3 gerade für sich entdeckten. Interessant war dann noch der Mix des Materials: Nachdem Steve die Keyboard-Arrangements der Konserven-Versionen ersatzlos zu Gunsten klarer Gitarrenparts gestrichen hatte, "streamlinte" er auch die Set-List und spielte fast nur Nummern, die als Rocker durchgingen. "Ich fand das auch spannend", erklärte Linda Pitmon, "denn Steve hatte vorher gar nicht mit uns darüber gesprochen. Insbesondere das Material von 'Melting In The Dark' passt sehr gut zu den neuen Songs. Wer braucht da noch Balladen?" Und in der Tat: Sogar balladeske Nummern wie "The Deep End" gerieten da am Ende zu eher zu Drones.

Wie immer, gab es im Set Bonbons zu entdecken - "Shelley's Blues" und "I Love The Way You Punish Me" etwa vom besagten "Melting In The Dark", "Love Me Anyway" von der Solo-Scheibe oder den "John Coltrane Stereo Blues" im Zugaben-Teil (den Steve auf jeder Tour nur ein Mal - und nur dann - spielt, wenn sie sich entsprechend wohl und "schmutzig" fühlen, wie er erklärte), die sich klanglich alle wunderbar mit den neuen Songs vertrugen. Einige von diesen - das spontan im Studio entstandene "Consider The Source" oder "No One Ever Drowns" gewannen durch das schnörkellose Treatment und die mittlerweile erlangte Live-Routine durchaus an Wirkung gegenüber der Studio-Versionen. (Übrigens auch, was den Gesang betrifft.) Steve und die Band waren jedenfalls prächtig in Spiellaune und lieferten so ein nahezu perfekt ausbalanciertes Set ab. Wie sehr die Band dabei mit sich im Reinen war, konnte man vielleicht daran ermessen, dass Jason Victor seinen Einsatz bei "That's What You Always Say" - der einzigen Nummer, die Steve in jeder Show spielt - verpasste, weil er sich zu sehr im Groove wog. Bei dem abschließenden "Up-Tempo-Deep-End" (in dem Fall "Amphetamine" mit neuem "Panic In Detroit"-Schlussakkord) war dann wieder alles im Lot. Als Steve dann mit einer Solo-Version von "When You Smile" den Abend beschloss, gab es kaum jemanden, der irgendetwas zu meckern gehabt hätte - und das bei einem Publikum, das (bis auf wenige Ausnahmen) ausschließlich aus Leuten bestand, die alle Steve Wynn Shows in Köln miterlebt hatten, die er seit den 90ern dort gegeben hatte. Mal sehen, ob Steve tatsächlich sein Vorhaben, nach der Tour zur folgenden (und bereits fertig gestellten) Baseball-Project-Scheibe eine Auszeit zu nehmen, um ein Buch zu schreiben, in die Tat umsetzt. Angesichts solcher Live-Shows erscheint das eher unwahrscheinlich, denn wie wollte Steve solch eine Phase entzugstechnisch auch überstehen?


Video: Michael Weston King - "Hey Ma I'm Coming Home":

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Video: Steve Wynn + Miracle 3 - "Resolution":

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Video: Steve Wynn + Miracle 3 - "When You Smile":

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Surfempfehlung:
www.stevewynn.net
www.michaelwestonking.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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