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Unter Hasen

Orange Blossom Special 15 - 1. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Villa
10.06.2011/ 11.06.2011

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Orange Blossom Special 15
Das diesjährige Orange Blossom Festival im Garten der Glitterhouse-Villa stand ganz im Zeichen des Hasen. Das hatte mit einer Spenden-Aktion für den Verein Viva Con Agua St. Pauli zu tun, führte aber dazu, dass man sich wie auf einem Osterfest vorkam und dass Drummer wegen des auf der Bühne aufgehängten Backdrops mit dem Festivalmotto "You're At Home Baby" zu Osterhasen zu werden drohten. Dabei fand das Festival - wie üblich - zu Pfingsten statt, wenngleich mondphasenbedingt einen Monat später als zuletzt. Gleich zu Beginn machte das Wetter deutlich, was es von einem solchen Trick hielt: Nichts. Pünktlich um 17:30 - zu Beginn des Musikprogrammes - gab es einen regentechnischen Warnschuss, wobei der Freitag im Folgenden dann glimpflich davon kam, denn erst in der Nacht öffnete der Himmel seine Schleusen.
Musikalisch ging die Sache so los, wie man als Festivalbesucher sich das wünscht: Mit einem gutgelaunten, hochenergischen Act, der die Aufgabe des Anheizers effektiv auslobte. Festival-Guru Rembert räumte ein, lange Zeit von der Irin Wallis Bird gar nichts gehört zu haben, sei dann aber von deren überschäumender Energie letztlich doch überzeugt und angesteckt worden. Letztere ist es auch, die Wallis Bird als Performerin auszeichnet. Wallis kommt von der Ani DiFranco-Schule des Denkens und Performens - was bis hin zur Frisur geht, jedoch nicht notwendigerweise Anis Stil oder gar deren Songs betreffend. Mit ihrer vierköpfigen Band, zu der auch eine Harmonie-Sängerin namens Aoife, ein gutgelaunter multiinstrumentaler Hippie mit Hang zu Klarinettensoli und ein Drummer, der keine richtige Snare-Drum spielte, gehörten, legte Wallis ein überzeugendes, abwechslungsreiches und eben gutgelauntes Set hin. Und sie informierte die Zuschauer, die sie im wesentlichen als Backing-Chor missbrauchte, vorab auf Deutsch von der Qualität ihrer Songs. "Der nächste Song ist Hammer", erklärte sie z.B. und wenn er nicht "Hammer" war, dann doch zumindest "super". Solcher Art von Ironie lässt man sich gerne gefallen.

Band Nr. 2 waren Skandinavier von Hellsingland Underground. Hierbei handelt es sich um eine Southern Rock Band aus Schweden - was also Quasi Northern Rock gewesen wäre. Und auf so etwas muss man auch erst mal kommen. Das ist eine Idee, die so bescheuert ist, dass sie fast schon wieder gut ist. Die Sache war dann die: Wer auf Southern Rock steht, der wurde hier auch entsprechend gut bedient, denn das Sextett hatte seinen Shtick gut drauf - bis hin zu Posen, die jedes Stadium gesprengt hätte. ABER: Es gibt mittlerweile auf dem OBS einfach nicht mehr genug alte Herren im Publikum, die mit solcherlei Dingen bedingungslos zufriedengestellt werden können. Vor zehn Jahren wäre das noch problemlos durchgegangen, so aber schlug der Funke nicht so richtig über. Noch eine Anekdote am Rande: Während die Band eines der endlosen, genretypischen Gitarrenduelle ausfocht, zog sich der Frontmann, Charlie Granberg, auf die Glitterhouse-Terrasse zurück und filmte den Auftritt seiner Jungs mit einer Digitalkamera. Kann man machen.

Der dritte Act des Tages waren C-Types aus Frankfurt, ein Quartett aus dem Mardi Gras-Dunstkreis. Im Prinzip hatten die Jungs mit ihrem Rhythm'n'Blues infizierten Schepper-Rock mit Trash-Retro-Faktor einen attraktiven Sound drauf, der mit Zutaten wie Theremin, Taschen-Trompete und Keyboard sogar noch spannend akzentuiert erschien - es gab jedoch zwei Problemchen, die den Genuss dann doch irgendwie wieder einschränkte: Zum einen enthielten die Songs einfach zuviel intellektuelle Struktur (das meint unmotivierte Stops & Gos), um einfach locker festivalmäßig abgleiten zu können und dann war da noch der - sagen wir mal kontroverse - Charme des Frontmannes W. Galore, dessen eigenartige Art ungelenken Humors nicht jeder nachvollziehen konnte oder mochte und der so am Abgrund der Sympathie dahertaumelte und öfter auch mal einen Schritt weiter kam.

Der nächste Act, Golden Kanine (was soviel wie "goldener Weisheitszahn" heißt und nicht etwa Kaninchen, wie Rembert erklärte) gehören seit neulich zu den Glitterhouse Recording Artists - wenngleich die entsprechende CD das, was die Herren als die Entdeckung des letzten OBS live versprachen, einfach nicht einhalten konnte. Nun präsentierte man sich (nur für dieses Konzert) aber doch als "Goldene Kaninichen". Unterstützt von einer dreiköpfigen Bläsertruppe (mit Bassklarinette!), die von den am nächsten Tag auftretenden Bertholinis ausgeliehen waren und einer Cellistin als Gäste - und überzeugte wieder auf der ganzen Linie. Insbesondere eine ganze Anzahl, mitreißender neuer Songs, die sich teilweise noch im Experimentalstadium befinden, ließ das Konzert zu einem jener Erlebnisse sozusagen erhebend-liturgischer Natur werden, wie sie eigentlich nur auf Festivals möglich sind. Auch bei dieser Show überzeugte wieder die ansteckende Lebensfreude und inspirierende Spielfreude der Band - die auf der CD durch die übliche skandinavische Melancholie ersetzt wurde. Warum nur, fragte man sich angesichts dieser Show. Immerhin: Das kam an - denn es gab hier tatsächlich Fans, die die Golden Kanine-Texte mitsingen konnten. Zu den Fans gehörte auch Wallis Bird, die die ganze Show mit Anfeuerungs- und Begeisterungsrufen vom Bühnenrand aus verfolgte.

In der Nacht gab es dann erst mal Regen, der sich bis in den nächsten Tag hinein hielt und den Auftritt der Überraschungsband Washington überschattete, als ginge es darum, deutlich zu machen, dass mit dem Bandnamen der regenreichste Staat der USA und nicht etwa deren Hauptstadt gemeint sei. Die Sache mit Washington war die, dass sich die Band schon halb aufgelöst hatte, aber dann, aufgrund dessen, dass nun alle Washingtoner in Berlin leben, doch wieder zusammengerauft hatte. Als man dann vorsprach, um beim OBS aufzutreten, war dieses schon fertig gebucht, weswegen man den unüblichen Weg als Überraschungsact zur nachtschlafenen Zeit um 11 Uhr vormittags gewählt hatte. "Das machen wir jetzt aber nicht immer", versprach Rembert. Im Prinzip ging die Sache in Ordnung, da Washington im Laufe der Zeit einen recht eigenen Stil entwickelt haben, der nicht unbedingt auf die Dunkelheit der Nacht angewiesen ist, jedoch passte das Grau des Wettermomentes stimmungsmäßig auch nicht so recht. Dafür gab's interessante neue Songs und das Versprechen auf eine neue CD im Herbst.

Zum Glück war es dann auch schon mit dem Regen, wenngleich es noch eine ganze Weile dauerte, bis sich die Sonne Bahn brach. Michael J. Sheehy und sein Bruder Patrick haben kein Problem damit, Chris Eckmans Position als König der OBS-Veteranen anzufechten - sie tun dies aber unter der Prämisse, es niemals mehrfach mit demselben Projekt zu versuchen. Der Geschmack des Tages nannte sich dieses Mal Miraculous Mule und präsentierte sich als eine Art Mix aus Blues, Gospel, Soul und Rock. Die mit der zentral positionierten Sängerin Alex Louise Petty verzierte Combo präsentierte sich geradlinig, weniger krachig als befürchtet und wurde vom charmanten Schweinehumor der Sheehys geradezu beflügelt, wobei alleine der achtlos ins Rund geworfene Begriff "10 inch" ganze Assoziationsketten lostrat.

Marie Fisker und Band aus Dänemark kündigte Rembert als "kunstfertiges Songwriting" an. Das traf den Kern allerdings nur bedingt, da Marie die Möglichkeiten der Band dazu nutzte, durchaus auch mal Velvet Underground aus dem Keller zu holen und es mächtig scheppern und rumpeln zu lassen. Schlecht war das nicht, da alleine das kunstfertige Songwriting die spröde und introvertierte Präsentation des Materials nicht aufgewogen hatte. Es ging im Prinzip darum, Maries neue EP, "Mirror Mirror", zu feiern, die sie jedoch gar nicht zum Verkauf feilbieten konnte, da sie nicht gewusst habe, dass sie hier CDs verkaufen hätte dürfen.

Die Labelkollegen der am Vortrag aufgetretenen C-Types sind die Grat Bertholinis - eine achtköpfige Bande solide wahnsinniger Musikanten, die ihrem Namen entsprechend so eine Art Zirkus-Inde-Folk-Pop-Rock veranstalten. Da vermeinte man quasi das Sägemehl riechen zu können, musikalische Salto, gesangliche Feuerschluckereien und instrumentelles Jonglieren gab es ohne Ende und Seifenblasen obendrein. "Da sich CDs nicht mehr so gut verkaufen, haben wir uns gedacht, dass Seifenblasen-Automaten der nächste Renner sein könnten", meinten die Bertholinis und tatsächlich: Beim Merchandising gab es original Berthold Seifenblasen-Pistolen zu kaufen.

Emily Jane White hatte Rembert schon lange für das OBS verpflichten wollen und war nun froh, dass es jetzt geklappt hatte. "Wunderschöne Songs, in die man sich hineinfallen lassen könne", gäbe es nun zu hören - so Rembert. In der Tat bietet die Frau, die mit ihrer CD "Victoria Amerika" eine Art eigenes Folk-Genre gegründet hatte, Qualitäten, die genau jenes "Hineinfallen" ermöglichen. Ohne irgendwelche Versuche, mit dem Publikum in Kontakt zu treten, verließ sich Emil ganz alleine auf die Kraft ihrer Songs und ihre betörend samtweiche Stimme. Emily ist - nach reiflicher Überlegung - tatsächlich eine der wenigen Künstlerinnen, die es schafft, todtraurige, melancholische Balladen mit einer gewissen Gelassenheit und Leichtigkeit zu präsentieren. Ohne jedwede Aggressivität oder gar laute Töne schaffte es Emily, das Publikum auf gewisse Weise erhaben in den Bann zu ziehen und stellte somit wahrlich einen Höhepunkt des Festivals vor. Es ist ja auch mal schön, einfach nur zuzuhören und sich eben fallen zu lassen - ganz ohne Druck und Krach und Rock.

Der Kanadier Dan Mangan und seine Band hat sich in bestimmten Kreisen hierzulande durch seine Live-Auftritte bereits eine gewisse Reputation erspielt. Wenngleich die barttragende Schratenkapelle zunächst mal erschreckend wie Bachman Turner Overdrive aussah, zeigte sich doch schnell, worin der Reiz hier lag: Mit unbändiger Energie, stolpernden Gitarrenstakkati, Trompeten-Soli und Songs, deren Melodiebögen so vertraut klangen, dass man sich ständig fragte, welche Nummern da gecovert würden, schaffte es Mangan tatsächlich, dem Americana-Genre wieder mal eigene Facetten abzugewinnen. Es gelang ihm auch mühelos, das Publikum singenderweise als Chor zu verhaften und durch Ausflüge in dasselbe auch den persönlichen Kontakt herzustellen. Und überhaupt: Wer Elliott Smith covert, kann ja schon mal per se kein schlechter Mensch sein.

Auch der nächste Act, Slim Cessna und sein Auto Club, stand schon lange auf Remberts Wunschliste. In den USA sind sich mehrere Fachmagazine einig, dass Slim und seine Jungs die beste Live-Band überhaupt seien. Das kann man sehen, wie man möchte, auf jeden Fall zählen die Herren zu den abgefahrensten Live-Acts. Dabei stürzten sich Slim und sein Vorbeter mit einer geradezu beängstigenden Intensität auf ihr Publikum, um diesem den "Gospel according to" einzubläuen. Und diese Intensität war jene von religiösen Gurus, die ihre Kongregationen zur kollektiven Selbstentleibung treiben. Wäre da nicht ständig von Jesus und Gott die Rede gewesen, so hätte man eine Teufelsbeschwörung vermuten können. Nicht ein Mal vor Kindern machten Slim Cessna & Co. halt, sondern zogen diese in die apostolische Bekehrung mit ein.

Im Vergleich hierzu darf Gisbert zu Knyphausen als "normal" bezeichnet werden. Gisbert hatte seinen ersten größeren Auftritt ja vor einigen Jahren auf dem OBS und bedankte sich nun dafür, dass er jetzt, wo er es eigentlich gar nicht mehr nötig hätte, zu der relativ kleinen Veranstaltung zurückkehrte. "Wir haben ja seither so einige Festivals kennengelernt", meinte Gisbert, "aber das OBS gehört zweifelsohne zu den schönsten. Eigentlich ist es auch viel zu schade für meine ganzen melancholischen Lieder - ich habe aber leider keine anderen." Wie dem auch sei: Im Unterschied zum letzten Auftritt hatten Gisbert und seine Band deutlich an Format gewonnen. Ging die Sache damals noch als Singer-/Songwriter-Pop durch, so zeichnete sich das Set dieses Mal auch in instrumentaler Hinsicht aus. Die Sache ist in jeder Beziehung durchaus ernster geworden. Gisbert wurde übrigens bereits beim Frühstück im Hotel um Autogramme eingegangen - währen der Trompeter von Dan Mangan beeindruckt das Frühstücksbuffet fotografierte.


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www.glitterhouse.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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