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Orange Blossom Special 16 - 2. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Villa
26.05.2012

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Orange Blossom Special 16
Im Vorfeld des zweiten Festival-Tages gab es eine abenteuerliche Geschichte mit folgenden Bestandteilen, auf die sich jeder selber seinen Reim machen möchte: Ein lehrreiches Frühstück mit Rocco Recycle, ein dämlicher Chronist, ein verhedderter Kameragurt und ein Autoschlüssel - beides zeitweise in derselben Hand, ein abgesägter, hohler Zaunpfahl, zehn fehlende Zentimeter, eine Taschenlampe, ein Fußmarsch zum weit entfernten Baumarkt Weische, ein Teleskop-Greifer, und fünf Liter Schweiß. Während sich das alles zu einer OBS-Story verdichtete, die sich besser nicht hätte ausdenken lassen, baute der OBS-Wiederholungstäter Rocco Recycle sein Equipment auf (das nach wie vor großteils aus Mülltonnen zu bestehen scheint) und versilberte sein Ego, bevor er dann um 11:30 Uhr das Publikum mit seinem ruppigen Rock'n'Blues'n'Roll'n'Trash'n'Punk und coolen Sprüchen wachklopfte.
Scott Matthew, der sich als Amanda Rogers vorstellte, meinte dazu nur: "Das ist aber schwer, nach diesem Rocco zu spielen." Denn Scott hatte außer einer Weinflasche, einer Ukulele und einer Gitarre nichts dabei, das auch annähernd Festival-Charakter aufwies. Dafür hatte er aber ein schönes Konzept auf Tasche: Als menschliche Jukebox präsentierte er seine persönliche Musikhistorie in Form von abenteuerlichen Coverversionen von so unterschiedlichen Acts wie Simon & Garfunkel, Divine Comedy, den Sex Pistols oder Rihanna. Das Interessante dabei war, dass er jeden Song durch seine persönliche, elegische Weltsicht-Maschine drehte. Dass er bei all dem kein depressiver Mensch sei, musste er gleich mehrfach erklären, damit man da nicht auf falsche Gedanken kam. Der Unterhaltungswert kam dabei auch durch die Kommentare zum Tragen, mit denen Scott die Lyrics der Stücke analysierte. Dabei verhedderte er sich mit seinem Bart im Harmonika-Ständer und fragte sich, wie die Folkies denn auf diese unpraktikable Idee gekommen seien.

Es folgte der nächste Glitterhouse Recording-Act: Andrea Schroeder und ihre Band (zu der unter anderem der OBS-Veteran und Hugo Race Drummer Chris Hughes gehörte). Andrea sah zunächst mal sehr elegant aus und machte den Eindruck, dass sie einfach nur ihre Design-Handtasche vorstellen wollte. Diese stellte sich dann aber als "Shruti-Box" heraus - ein indisches Taschen-Harmonium - das sie, zusammen mit einem größeren Tasten-Harmonium nutzte, um ihren stilvollen Alt-Blues-Gesang in der Art von Nico zu unterstützen. Bei Andrea Schroeder geht es darum, auf stilvolle Art dem Blues und der Nacht ins Auge zu blicken. Die Zutaten, die zuvor von Scott Matthews auf herzzerreißende Art romantisch verbrämt wurden (sagen wir mal Rosen oder Vögelchen), gibt es auch bei Andrea Schroeder - nur sind die hier schwärzer als die Nacht. Dass sie hierbei bei strahlendem Sonnenschein spielte, machte die Sache mehr als spannend und führte zum ersten wirklich beeindruckenden Highlight des Tages.

Dann war erst mal genug gelitten worden und es folgte (nach einem kurzen, mitreißenden One-Man-Band-Set des legendären Horst With No Name auf der "Alternativen" Kleinbühne hinter dem Mischpult) ein musikalischer Zirkelschluss. Denn immerhin waren die Fuzztones vor mehr als 30 Jahren mit ein Grund dafür, warum Reinhard Holstein und Rembert Stiewe überhaupt ein Fanzine ("...das ist ein Blog auf Papier", erklärte Rembert den Nachgeborenen) namens Glitterhouse aus dem Boden gestampft hatten. Die Fuzztones hingegen haben diese letzten 30 Jahre vollkommen unbeeindruckt verstreichen lassen und machen - heute von Berlin aus - immer noch die Gehörgänge dieser Welt mit brachialen - nun ja Fuzztones - unsicher. Es folgte ein cooler Rausschmeißer nach dem anderen, in dem es Rudi Protrudi und seine Musikanten (darunter "The Fox On The Vox", Keyboarderin Lana Loveland, die deutlich jünger war als die meisten Songs, die sie spielte) jede einzelne Rock'n'Roll-Pose und jedes Klischee, das sich denken lässt, in den ersten drei Nummern in Perfektion verkörpert hatten. Da die Fuzztones jeden Track deutlich unterhalb der Drei-Minuten-Marke halten konnten, gab es am Ende noch Spielraum für (selbstredend coole) Sprüche. So empfahl Rudi Protrudi sich unbedingt die neue Fuzztones-Doplpel-CD zu kaufen, da sie nur hier und jetzt zu haben sei. "Kauft euch eine und dann noch eine, weil ihr die erste ja verlegen könntet. Dann kauft eine für eure Mutter - (und dann an bestimmte Personen im Publikum gerichtet) besonders du, mein Sohn, denn ich erinnere mich an deine Mutter. Und du solltest eine für deine Freundin kaufen - und auch eine für deine Frau." That's Entertainment. Besser kann man urwüchsigen Trash-Rock wie diesen kaum hinbekommen. Eine Randnotiz sei noch erlaubt: Zugegebenermaßen sahen die Fuzztones cool aus. Das kommt aber nicht von ungefähr: Rudi Protrudi (und nicht etwa Lana Loveland) wurde vor dem Set dabei beobachtet, wie er sich die Rock-Mähne backstage mit einem Onduliereisen plättete. Von nix kommt halt nix.

Dann folgte das, worauf viele OBS-Freunde einige Jahre warten mussten: Ein solider Americana-Act des früher regelmäßig vertretenen Blue-Rose-Labels in Anwesenheit von Labelchef Edgar Heckmann. Israel Nash Gripka ist ein großer Mann mit einem ebenso großen Herzen und einer Stimme, die die ganze Weite seiner Heimat Missouri in raumgreifenden Umfange verkörpert. Ohne Firlefanz aber mit enormer Spielfreude formulierten er und seine Band jeden der zwar typischen, aber großartigen Genre-Songs zu wahrlich epischen Monumenten aus - mit titanischen Gitarrenduellen, pumpenden, greifbaren Rhythmen und pulsierenden Grooves. Sehr viel besser kann man diese Art von Musik nicht ausleben.

Nachdem die englischen Blues-Rocker Kill It Kid - gerüchteweise wegen eines Fußbruchs - ausgefallen waren, hatte Rembert nach dem Motto "ein Fußbruch ist festivaltechnisch kein Beinbruch" in einer Nacht- und Nebel-Aktion die Schweizer Rock-Combo Navel engagiert, die dem Publikum mit "grandiosem Getöse" noch ein Mal so richtig den rocktechnischen Marsch bliesen. Inklusive Luftsprünge des Frontmannes vom Schlagzeugpodest und Heavy Posen am Bühnenrand. Bei aller Liebe waren Navel aber nur so etwas wie ein Support Act für die folgenden Erland & The Carnival aus dem vereinigten Königreich. Die junge Band, die mit eigenem Fanclub angereist war, begeisterten mit einer munter-frischen, immens unterhaltsamen und innovativen Frischzellenkur für den Brit-Pop. "Auf Scheibe sind die Jungs vielschichtig, live sind sie eine Granate", beschrieb Rembert die Band. In der Tat würde sich jede Granate freuen, wenn sie so vielschichtig explodieren könnte, wie Erland & The Carnival das auf der Bühne tun. Gawain Erland Cooper und seine Jungs machen eine Musik, wie sie Blur auch immer machen wollten - nur besser, unterhaltsamer, besser verständlich und innovativer. So spielen Pfiffe, hymnische Jodelchöre, Quasi Rap, der durchdrehende Drummer David Nock, komplexe Klatsch-Vorlagen und ein selbstgebautes, jaulendes Mini-Theremin für immer wieder überraschende Akzente im Oeuvre der Band. Das war Salto Mortale pur.

Der folgende Act und "Headliner" des Tages, Immanu El aus Schweden, war dann wieder einer der Sorte "Überraschungs-Skandinavier Du Jour". Zwar legte Band um die Brüder Claes und Per Stränberg keinen großen Wert darauf, gesehen zu werden (auch wenn sie sich im Dunkel und zu atmosphärischen Videocollagen eines Segeltörns im Nordmeer durchaus fast ekstatisch schafften). Musikalisch muss man sich das Ganze so vorstellen wie Sigur Ros auf Crack und mit dieser schwelgerischen Grandezza setzten die Herren dem Festivaltag dann wieder ein Mal die skandinavische Überraschungskrone auf und entführte - nun ja in ansere Sphären. Es scheint da einen unerschöpflichen Fundus dieser Art von Acts am Nordkap zu geben und Rembert Stiewe gebührt die Ehre, diese alle zu finden und für das OBS zu verpflichten.


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Surfempfehlung:
www.orange-blossom-special.de
www.glitterhouse.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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