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Tote Finger im dunklen Wald

Dead Fingers
The Deep Dark Woods

Köln, Blue Shell
19.04.2013

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Dead Fingers
Eigentlich, so sollte man denken, sind Taylor Hollingsworth und Kate Taylor - alias Dead Fingers - keine Unbekannten mehr in unseren Breiten. Nicht nur weil sie schon mal anlässlich eines Label-Specials als Support von Kates Schwester Maria Taylor in Köln gastierten, sondern auch aufgrund der zahlreichen Auftritte als Musiker in Marias Band bzw. im Fall von Taylor Hollingsworth als Mitglied von Bright Eyes. Sei's drum: Der Zuspruch im Kölner Blue Shell war wieder ein Mal recht überschaubar. Mag sein, dass das bessere Wetter, angesagtere Mode-Bands oder die Tatsache, dass Taylor und Kate als Dead Fingers noch nicht so bekannt sind, schuld daran war - jedenfalls war der Club am Ende bestenfalls zur Hälfte gefüllt. Egal: Das Ehepaar Taylor-Hollingsworth macht sowieso nicht den Anschein, dass hier viel Wert auf Rock'n'Roll-Glamour gelegt würde.
Ganz im Gegenteil: Die Entstehungsgeschichte des Projektes Dead Fingers (und des zugrundeliegenden Ehepaares) ist ja geradezu banal: "Wir haben haben uns gar nicht über die Musik kennengelernt, sondern weil wir beide im selben Restaurant gearbeitet haben", erklärt Kate die Genese, "Musiker waren wir zu dieser Zeit aber bereits." Das Paar, das nun mit der ganzen Familie (inklusive der fünf Monate alten, gemeinsamen Tochter) auf Tour ist, entspringt dabei der Szene aus Birmingham, Alabama, um Conor Oberst, Bright Eyes, Kates Schwester Maria Taylor und Azure Ray und allen Projekten, die sich sonst noch aus dieser Konstellation entwickelt haben. Das erklärt vielleicht auch die musikalische Ungebundenheit, die sich auf der Scheibe offenbart - und natürlich auch bei den Live Shows. Dabei traten Taylor und Kate zunächst nur zu zweit auf, bevor sich Drummer Bruce Watson für die Aufnahmen zur CD anbot. Bei diesem Setting blieb es auch bei der Kölner Show, nur dass hier Tourdrummer Alan mit an Bord war. Auf einen Bassisten verzichten die Dead Fingers übrigens bewusst: "Wir haben einen Weg für uns gefunden, dass es ohne Bass funktioniert", erklärt Taylor, "wenn der Mix in dem Club okay ist - also ein wenig mehr Bass eingesteuert wird -, dann klapp das auch gut." Das tat es an diesem Abend dann auch.

Das Set begann erst mal vergleichsweise zurückhaltend mit zwei asketisch arrangierten Versionen der Album-Tracks "Closet Full Of Bones" und "Another Planet" (im Original immerhin eine eher opulent inszenierte Pop-Nummer). Hier wurde schon deutlich, dass es den Dead Fingers nicht darauf ankommt, ihre Studio-Aufnahmen zu reproduzieren, sondern ihr Material immer wieder neu zu interpretieren. Eines fiel in diesem Zusammenhang auf: Die extremen Unterschiede, die Taylor und Kate musikalisch und stimmlich auszeichnen, erschienen im Live-Kontext nicht so ohrenfällig. Verzichten möchten die Dead Fingers darauf aber nicht, denn das ist schließlich das Erfolgsgeheimnis. "Was uns verbindet, sind ja gerade unsere Unterschiede", brachte es Kate auf den Punkt, "wenn ich an Songs arbeite, tendiere ich zu ruhigeren, sanfteren, langsameren Songs und Taylor fügt dem dann eine gewisse Kantigkeit und Rauheit hinzu und bietet mehr Biss. Bei seinen Songs ist es dann umgekehrt. Ich verleihe seinen Songs eine gewisse weiche Note." Im Prinzip war es dann auch das, was die Live Show auszeichnete - auch als der Drummer hinzu kam und Kate zu einer zweiten Gitarre griff. Taylor zeigte hier - wie schon bei Bright Eyes und der Mystic Valley Band -, dass er der geborene Rock'n'Roll-Gitarrist ist. Dabei schüttelte er das eine oder andere verblüffende Solo aus seinem Effektgeräten, bewies sich aber vor allen als äußert hyperaktiver Rhythmus-Gitarrist. Dabei wackelte er mit dem Kopf, dass man Angst haben musste, dass dieser herunterfallen könnte und sang mindestens eine Oktave tiefer als auf der Scheibe. Kate begleitete dieses meistens eher gelassen als Harmoniesängerin und mit ein wenig Percussion, ergriff aber durchaus auch mal die Initiative und überzeugte mit dem neuen Track "Feet Back On The Ground" am Ende sogar als Rock-Sängerin.

Es folgte dann überhaupt buntes Potpourri von CD-Tracks und neuem Material, denn die Dead Fingers sind auch keine Musiker, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Wie das ganze Oeuvre des Duos war auch das Set in Köln vollkommen unberechenbar - was eine gute Live Band sowieso auszeichnen sollte. Irgendwo verwurzeln in der Americana, aber stilistisch munter zwischen Folk, Country, Rock und Indie-Pop hin und her hüpfend konnte so etwas wie Langeweile zu keiner Sekunde aufkommen. Der Höhepunkt der Show war dann eine außer Kontrolle geratene Version des Hillybilly-Hoedowns "On My Way", in dem sich die drei Musikanten immer wieder selbst anfeuerten und der am Ende gar nicht mehr aufhören wollte. Zu Ende ging die Show dann wieder mit ein paar ruhigeren Akzenten - wobei besonders die Western Swing Nummer "Lost In Mississippi", die auf der CD ja eher als Parodie rüberkommt, im balladesken Setting ganz neue Qualitäten entwickelte. Insgesamt überzeugten die Dead Fingers hier als musikalisch immer wieder überraschend agierende Rock'n'Roll-Basisarbeiter.

Der zweite Act auf dem Double Bill im Blue Shell war die kanadische Americana-Band The Deep Dark Woods. Diese stammen aus der Provinzstadt Sasketchewan. Zumindest Frontmann Ryan Boldt machte dabei auch den Eindruck, als sei er gleich nach dem Holzfällen auf die Bühne geklettert. In der typischen Manier ihrer Landsleute, haben auch The Deep Dark Woods das Americana Thema dermaßen verinnerlicht, dass sie sich mit traumwandlerischer Sicherheit in allen möglichen Schattierungen des Genres bewegen. Als Besonderheit leistet sich die Band mit George Hillhorst einen Organisten, der sich mit seinem Instrument zuweilen recht deutlich bemerkbar macht. "Willkommen in Köln, der Heimat der von uns geliebten Nico", begrüßte Boldt das Publikum - allerdings auf eine so ausgeschlafene Art, dass sich die Vermutung aufdrängte, dass er vorher auf bewusstseinserweiternde Hilfsmittel zurückgegriffen hatte. Mit einer für den kleinen Club außergewöhnlichen Lautstärke machten sich TDDW an die Arbeit, so dass selbst balladeske Nummern mit einem mächtigen Punch daher kommen. Soeben haben die Herren mit ihrem Song "My Baby's Got To Pay The Rent" einen Überraschungshit auf dem Soundtrack des Films "Safe Haven" landen können, der ihnen in den USA ein gewisses Standing eingebracht haben dürfte. Es sind aber eher die Country-Rock-Songs ihres aktuellen Albums "The Place I Left Behind", die den Hauptteil der Show ausmachten.

Auf dem Tonträger sind diese mit Streichern, Keyboards und viel Hall aufgebohrt worden - auf der Bühne wurden diese dann wieder auf ein entsprechendes Rockformat eingedampft. Zumal die Band auf akustische Gitarren verzichtete, die auf den Scheiben eine große Roille spielen. Dabei kamen die Herren dann - insbesondere bei ausholenden Mid-Tempo-Nummern wie "Mary's Gone" in Gefilde, die dereinst ihr Landsmann Neil Young erschloss. Allerdings: Als Kanadier dürfen sie das und sie bemühten auch nicht - wie viele ihrer US-Kollegen - den typischen Kompressor-Sound, der Youngs Klanguniversum definiert. Und dann war da ja noch die stets präsente Orgel, die die Sache zusätzlich klanglich absetzte. Mal abgesehen von der eigenartig schläfrigen Grundstimmung, die die Herren Musikanten mit für außenstehende unverständlichen, bandinternen Witzen von der Bühne verströmten, war das am Ende ein ordentliches Americana-Konzert, das ein Mal nicht so sehr in Klischees verhaftet blieb wie viele Shows von entsprechenden US-Bands. Freilich: Im Vergleich zu der kurzweiligen, vorangegangenen Dead Fingers Show konnte dieses Ereignis eine gewisse Schwermütigkeit nicht verleugnen.

Dead Fingers
NACHGEHAKT BEI: DEAD FINGERS

Welchen Plan gab es denn für das erste Dead Fingers-Album?
Taylor: "Wir hatten gar keinen Plan außer die Musik zu machen und zu schauen, was passiert - und immerhin sind wir ja jetzt hier auf Tour. Die Welt wollten wir ja sowieso nicht erobern. Uns geht es um die Songs."

Entstehen die Songs im Team?
Kate: "Nein - wir schreiben unsere Songs getrennt und führen sie dann zusammen und arbeiten sie gemeinsam aus."

Was macht einen guten Song aus?
Kate: "Ich weiß gar nicht, ob ich da eine endgültige Aussage treffen könne. Ich habe eine Million Lieblingslieder wegen einer Million unterschiedlicher Gründe."
Taylor: "Es geht um eine Art von Magie, denke ich. Melodie und Text und der allgemeine Sound oder die Art des Songs interessieren mich. Es ändert sich aber immer wieder."

Was inspiriert die Dead Fingers?
Kate: "Alles mögliche. Manchmal ist es Musik, die man hört, ein Buch, ein Film oder sogar eine Unterhaltung oder irgendwas, was jemand sagt. Das merke ich mir dann - oder ich versuche es doch zumindest."

Gibt es eine Idee, die den Stil eines bestimmten Songs bestimmt?
Taylor: "Für diese Band schreibe ich anders als für andere Projekte, nämlich indem ich die Songs so konzipiere, dass wir sie auch gut live in unserem kleinen Set umsetzen können. Ich denke dabei an simpel strukturierte Songs mit guten Texten und bedenke auch immer gleich, wie Kates Gesang dazu passt. Die Art, in der die Worte klingen, ist dabei auch wichtig, weil wir diese ja zusammen vortragen müssen. Das muss dann leicht und verspielt klingen."
Kate: "Ich versuche das auch - aber Taylor ist besser als ich. Ich muss mehr Songs schreiben, um gutes Material zu finden. Wir haben aber durch den Prozess des Live-Spielens beide viel hinzugelernt."

Wie wichtig ist Humor in diesem Zusammenhang?
Kate: "Eine unserer größten Inspirationen ist John Prine, der in den meisten seiner Songs Humor hat - selbst in einem Liebeslied oder einer Ballade."
Taylor: "Und ich bin kein Fan von betont ernsthaften Songwritern. Ich mag es schon, wenn es da eine gewisse tiefere Bedeutung in einem Song gibt, aber wenn es da nicht eine gewisse Verspieltheit gibt, dann funktioniert das nicht so gut für mich."

Worum geht es den Dead Fingers denn auf der Bühne?
Taylor: "Ich spiele einen Song manchmal ganz anders als gewohnt - und das regt Kate dann vielleicht auf. Aber ich denke, es ist toll, auf das Publikum reagieren zu können."
Kate: "Moment mal - das ist doch das Beste überhaupt, einen Song ein Mal so und ein Mal so spielen zu können, je nachdem, wie die Situation sich ergibt. Wir sind ja immerhin verheiratet und damit sind wir ständig zusammen. Und wenn du auf Tour bist, dann bist du ja zusätzlich noch mit jedermann verheiratet, der gerade mitreist. Und da können die Tage ganz schön lang werden. Da ist es dann schön, wenn du abends einen Moment hast, wenn es 'Klick' macht, den du mit den anderen und dem Publikum teilen kannst."

Wir geht es mit den Dead Fingers weiter?
Taylor: "Wenn die Dinge sich in unsere Richtung entwickeln, dann gehen wir in diese und wenn nicht, dann sitzen wir zu Hause mit unserem Baby und arbeiten in einem Restaurant."

Übrigens: Die im Namen geführten "Dead Fingers" beziehen sich auf ein Kinderspiel, bei dem man eine Hand mit jemand anderem zusammenlegt und dann die zusammengelegten Finger mit der anderen Hand reibt. Dadurch sollen sich die eigenen Finger tot anfühlen, Tun sie zwar nicht - aber wenn ein cooler Name dabei herausspringt, sei es drum...



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Surfempfehlung:
www.deadfingers.com
www.facebook.com/alabamadeadfingers
www.thedeepdarkwoods.com
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Dead Fingers:
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