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Konzert-Bericht
 
Kryptologie im Schrebergarten

Julia Holter
Lucrecia Dalt

Köln, Gebäude 9
07.11.2013

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Julia Holter
Bevor Julia Holter mit ihrer Band die Bühne des Gebäude 9 zumindest partiell in gleißendes Licht tauchte(n), ließ Lucrecia Dalt, die aus Kolumbien stammende, in Barcelona lebende aktuelle Königin der Nacht die Schatten auch Schatten sein. Ohne ein Wort an das Publikum zu richten oder gar auf den Applaus zwischen ihren Tracks abzuwarten, zelebrierte sie mit einem Bass, Vocals und einem Sampler mit ganzen 24 Schaltern eine Symphonie aus Klängen, die man in diesem Zusammenhang und dieser Konsequenz wahrlich selten zu hören bekommt.
Die offensichtlich von allem, was auch nur Ansatzweise mit "Film Noir" zu umschreiben wäre beeinflussten musikalischen Alpträume kommen dabei in der Form einer Art psychedelischen Hörspieles daher, bei dem Struktur, Melodie, Harmonie und Rhythmus wenig, Klang und Atmosphäre aber alles bedeuten. Obwohl die einzelnen Fragmente ihres Sets durchaus aus Teilen ihrer Veröffentlichungen mit so wunderlichen Namen wie "Syzygy!", "Glosolalia" oder "Commotus" entstammen, funktionierte das Ganze am besten als zusammenhängendes, durchaus ästhetisches, klangliches Gesamtkunstwerk. Das Ganze strahlte schon alleine deswegen eine gewisse Faszination aus, weil sich der Zuhörer nie so ganz sicher sein konnte, wie die Dame das alles machte (beteiligt waren auch noch ein Computer und diverse Steuergeräte) - vor allen Dingen aber, was es denn eigentlich bedeutete. Zwar hat Lucrecia Dalt bestimmt für jeden ihrer Sounds eine schwerwiegende Bedeutung und Interpretation parat, aber letztlich bieten ihre Klangwolken die Ideale Basis für persönliche, individuelle Interpretationen eines interessierten Betrachters. Als Performerin bleibt Lucrecia Dalt dabei ganz bei sich selbst - das Publikum wird bestenfalls ignoriert und gesehen werden wollte sie offensichtlich auch nicht. Auch wenn so etwas vielleicht nicht jeden Tag in solch geballter Form funktionieren mag - in diesem Zusammenhang ließ man sich diese Art von strenger Kunstkopf-Musik durchaus gefallen. Unter anderem übrigens auch deswegen, weil Lucrecia das Ganze nicht übertrieb, sondern ihre Exkursionen ins Unterbewusstsein in konsequenter Weise zu verdichten verstand.
Damit war das Rätselraten aber noch nicht abgeschlossen. Eigentlich reicht es doch schon, dass Julia Holters musikalische Ausdrucksmöglichkeiten die Vorstellungskraft der meisten Hörer konsequent zu sprengen drohen. Doch dabei belässt es die Dame nicht: Nicht nur die Musik, auch die Texte ihrer Songs funktionieren bestenfalls über Codierungen, Aphorismen, Assoziationen und andere kryptologische Verklausulierungen. Bestes Beispiel dafür war die Setlist, bei der die - sowieso nicht selbsterklärenden Tracks - noch mal verschlüsselt waren: "Maxims I" und "II" hießen z.B. "MX I" bzw. "II", aus "Four Gardens" wurde "4G", aus "Goddess Eyes" "G Eyes" und aus "This Is A True Heart" kurz "T" (Ein "T" mit aufgemaltem Herzchen). Die ersten Tracks - aus dem aktuellen Album "Loud City Song" kamen zunächst noch unkommentiert daher, doch dann taute Julia auf und ließ die Zuhörer an ihren Gedankenspielen teilhaben. Den Track "Four Gardens" erklärte sie in etwa so, dass sie sich von vier Gärten habe inspirieren lassen, die verschiedene Seinszustände symbolisierten. "Das ist so ähnlich wie bei diesen Tieren, die vier Mägen haben", bemerkte ihr Drummer dazu. Und als Julia das Publikum bat, vier Gartenarten zu nennen, rief jemand "Schrebergarten". "Ich weiß zwar nicht, was das heißt", meinte Julia, "aber das ist einer der vier Gärten."

Das ist auch so eine der Eigenarten der Frau aus L.A.: Dass sie ihre kochkomplexen, philosophischen Ergüsse mit einer geradezu albernen Heiterkeit vorzutragen weiß. Gerade so, als seien atonale gefederte Polyrhythmen ein Grund in Pop-Seligkeiten zu verfallen. Sicher, es gibt da durchaus Momente in Julias Kanon, bei denen der Zuhörer mitwippen und -grooven kann; ja sogar solche, bei denen sich die verstiegenen Melodien wiederholen und einprägen. Im Grunde ihres Herzens ist sie aber konsequent anspruchsvoll. Die eigenartige Kombination der Instrumente in ihrem Universum - Saxophon, Geige, Cello, Percussion und Keyboards - nutzt sie dabei geschickt aus, um Klangkonstellationen zu erzeugen, die man seit der seligen Hochzeiten des Prog Rock - seit King Crimson, Van der Graaf Generator oder Roxy Music also - so nicht mehr gehört hat. Und: Das waren alles stramme Herrentruppen. Julia hingegen nutzt ihre naturgegebenen Vibes aber geschickt aus, um dem Ganzen jedwede maskuline Strenge zu nehmen. Stattdessen gibt es geradezu verspielte, jazzige Klangspielereien, die zuweilen durchaus auch an klassische Kompositionen erinnern, sich andererseits aber auch betont freistilig und zuweilen ein wenig schrill auf einer ganz eigenen, abstrakten Ebene bewegen; etwa dann, wenn die Nummern regelmäßig in Kakophonien auszuarten drohen, die am Ende nur noch von Julias extrem kontrollierten Gesang gebremst (und gerettet) werden können. Dass ihre neue CD "Loud City Song" heißt, ist dabei keine Hilfe, denn laut ist Julia Holter eigentlich nie. Wohl aber intensiv und dynamisch - aber stets auf eine feinsinnige, eindringliche Art. Alle Vergleiche mit Kolleginnen müssen angesichts einer solchen Eigensinnigkeit schon fast zwangsläufig ins Leere laufen. Woher Julia selbst ihre Inspirationen bezieht, kann dabei nur erahnt werden: "Hello Stranger" zum Beispiel ist eine Coverversion der R'n'B-Künstlerin Barbara Lewis. Wegwerf Pop ist jedenfalls etwas anderes.

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Surfempfehlung:
juliashammasholter.com
soundcloud.com/juliaholter
www.lucreciadalt.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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