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Week-End Fest #3 - 2. Teil

Köln, Stadthalle Mülheim
14.12.2013

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Weekend Fest
Der zweite Tag des Week-End Fest # 3 begann - angesichts des sonstigen Programmes - eher atypisch mit einem der seltenen Auftritte von Mirel Wagner hierzulande. Die Frau mit den finnisch-äthiopischen Wurzeln und dem deutschen Nachnamen tourt zwar seit der Veröffentlichung ihres erstaunlichen Debütalbums regelmäßig - findet dabei allerdings nur selten den Weg in unsere Breiten, weswegen ein Auftritt beim Week-End Fest durchaus gelegen kam. Außerdem hatte sie die Zwischenzeit genutzt, um neue Songs zu schreiben, was sie bei ihren knappen Ansagen nicht müde wurde deutlich zu machen - und diese neuen Songs (mit malerischen Titeln wie "Devil's Tongue", "Dreamt Of A Wave" oder "Taller Than Tall Trees") haben es in sich. Nicht nur, dass die hier ihre sehr eigene Art des Nachtschatten-Blues perfektioniert zu haben scheint: Sie öffnete sich dabei auch eher ungewöhnlichen Settings wie z.B. morbiden Kinderliedern oder moribunden Country-Schattierungen und einer ganz eigenen Form subtilen Humors.
Aber letztlich blieb sich Mirel als Performerin am Ende natürlich treu und schlich sich, wie das ihre Art zu sein scheint - mit ganz wenigen Tönen auf unterschwellige Weise ins Bewusstsein des Hörers. Dass sie zudem auf durchaus sympathische Weise schüchtern rüberkommt, förderte dabei den Aufmerksamkeitsfaktor sogar eher noch. Zum Glück hielten sich bei diesem Konzert die später zunehmend irritierenden Kollateral-Geräusche aus der angrenzenden Peripherie in Grenzen, sodass praktisch die fallenden Stecknadeln gezählt werden konnten. Fazit: Es gibt kaum vergleichbare Songwriterin, die mit weniger Mitteln (und Lautstärke) die Zuhörer gleichermaßen effektiv in Geiselhaft nehmen können, wie Mirel Wagner.

In der Umbaupause für den Auftritt der Pastels spielte im Foyer die Band Katie Smokers Wedding Party aus München auf. Es gab eine Art orthodoxen New Wave Kraut Post Herren Rock-Pop mit elektronischen Zutaten und scheppernder Gitarrenarbeit. Im Wesentlichen war das jene Musik, wie sie der meisten der anwesenden Fans in einem Alter gehört haben dürften, das die Bandmitglieder heute selber innehaben dürften. Das ging also unter dem Strich auch ganz in Ordnung.

The Pastels aus Glasgow gehören ja nun wirklich auch zum Urgestein des Indie-Pop. Nachdem Moderator Dave Doughman die korrekte Aussprache des Namens der Band noch einmal deutlich gemacht hatte (er war als Amerikaner der Meinung gewesen, dass man das Ende des Namens betonen müsse), begann somit eine Art musikalischer Zeitreise, die Bandleader Stephen "Pastel" McRobbie (der am Vorabend bereits als DJ gewirkt hatte) mit zahlreichen amüsanten Anekdötchen aus der Bandhistorie abrundete. So widmete er sein Material den anwesenden Kollegen, hielt eine Laudatio auf das Rough Trade-Label (auf dem viele der Acts zeitweise gewesen waren) oder erzählte Stories um die Historie seiner Songs. Dass die Band mit "Slow Summits" soeben das erste Album seit sechs Jahren veröffentlicht hatte und somit ein halbes Comeback absolvierte, schlug sich musikalisch im Folgenden kaum nieder. Denn wenn es eine Band gibt, die sich ihre heitere Gelassenheit ihrer Anfangstage über doch immerhin rund 30 Jahre bewahren konnte, dann sind es mit Sicherheit die Pastels. Mit der gleichen Unbefangenheit und technischen Limitationen (besonders in gesanglicher Hinsicht, die von Stephen selbst und der langjährigen Drummerin Katrina Mitchell bedient wird) mit denen die Band ihren eigentümlichen Sound dereinst begründete, werden bis heute die alten wie auch die neuen Tracks dargeboten. Das Kerngeschäft - einen angenehm unkonkreten Hippie-Retro-Touch, gangbare Halbmelodien auf der einen Seite, komplexe Strukturen auf der anderen, Schrammelpop und dazu Bläsersätze mit Querflöte und Trompete - haben die Pastels in ihrer langen Laufbahn zwar perfektioniert, bieten das aber nach wie vor mit dem ungelenken Unbedarftheit jugendlicher Newcomer an. Besonders deutlich wird das bei den wenigen Up-Tempo Nummern vom Schlage "Nothing To Be Done", die auf diese Art sozusagen noch eine gewisse Prise Punk-Ethos versprühen.

In der zweiten Umbaupause spielte im Foyer Mike Donovan aus San Francisco, der zuletzt mit seiner Band, Sic Alps ein furioses Album einspielte. Hier jedoch gab es Auszüge aus seinem Neo-Psycho-Folk-Singer-Songwriter-Debüt "Wot". Die Energie und das Setting stimmten dabei durchaus - jedoch nervte der übersteuerte, knarzende Verstärker durch den Donovan seine kruden Akustik-Riffs prügelte, am Ende dann doch ziemlich.

Zu den Young Marble Giants noch etwas sagen zu wollen, wäre wie Eulen nach Athen zu tragen, denn es gibt gewiss keine zweite Band, die sich über ihr einziges, wegweisendes Album so endgültig definiert hätte, wie eben die Combo aus Cardiff. Dass die Band nach gelegentlichen One-Off-Reunions an neuem Material arbeitet, sickert gerüchteweise immer mal wieder durch. Dass sie indes das komplette "Colossal Youth"-Album noch ein Mal live aufführen würde - zumal in Köln - hätte vermutlich allerdings nur die wenigsten für möglich gehalten. Insofern war es dann durchaus glaubhaft, dass der Conférencier des Festivals, Dave Doughman, bereits anlässlich des Soundchecks zu Tränen gerührt war - was wiederum die Band amüsierte. "Es ist okay zu weinen", meinte z.B. Stuart Moxham eingangs ironisch. Musikalisch gab es genau das, was zu erwarten gewesen war: Das Material der legendären Schallplatte, die ganze Generationen von Musikern und Fans inspirierte und ganze Genres (wie z.B. den Post-Punk) lostrat. Angereichert wurde es durch einige wenige Bonbons wie die frühe Aufnahme "Ode To Booker T." Die Songs wurden 1:1 in den Original-Arrangements gespielt - mit der einzigen Konzession, dass die weiland in Heimarbeit gebastelten elektronischen Rhythmen - 1980, als das Material entstand, gab es noch keine Drumcomputer - mittels eines programmierten E-Drum-Kits emuliert wurden.

Das Problem des Abends war indes, dass Stuart Moxham stark erkältet war. "In meinem Kopf ist vorne heute hinten", meinte er, "deswegen mache ich auch so viele Fehler." Rein technisch gesehen, kam das Ganze also ein wenig wackelig daher (mal abgesehen von Alison Stattons zeitlosen Vocals, die mit der gleichen Brillanz und Klarheit präsentiert wurden, wie früher) - es war aber halt der nostalgische Impact, welcher dem Publikum vermittelte, an einem historischen Ereignis teilzunehmen und der dem Ganzen seinen Charme verlieh. Insofern hatte die Veranstaltung dann durchaus auch etwas vom Charakter einer Messe - oder zumindest einer Andacht. So etwas bekommt man in der Tat nicht täglich geboten.

Das Motto des Week-End Fest, nämlich Musik, die eben jenseits des üblichen Live-Zirkus steht in überraschendem Kontext zu präsentieren, wurde besonders deutlich beim "Headliner" des Abends: Der Australier Robert Forster (laut Doughman "The handsomest man alive") trat zusammen mit einem von seinem amerikanischen Kollegen Jherek Bischoff arrangierten, international besetzten Streichquartett auf. Rein musikalisch war das das Experiment, das den Umschlag wohl am weitesten schob: Immerhin werden die Songs des gewesenen Go-Betweens-Vorsitzenden ja gemeinhin zu recht mit gezupften, und nicht etwa gestrichenen Saiten assoziiert. Will meinen: Wie im ersten, noch solo vorgetragenen Song des Meisters "Rock'n'Roll Friend" geht es ja bei ihm weniger um Klassik oder Kammermusik, sondern um (Rock-)Songs. Dennoch funktionierte die Sache hervorragend: Nach einigen - mit der Forster-typischen, leicht linkischen Selbstironie und entsprechenden dramatischen Gesten untermalten - Solo-Nummern kam zunächst Jherek Bischoff als Bassist hinzu und zusammen überredeten sie das Publikum als Chor bei "Surfing Magazines“ zu agieren - was Forster genüsslich auskostete und somit gar nicht mehr zum Ende kommen wollte ("Und jetzt wirklich zum letzten Mal..."). Erst danach kam das Streichquartett hinzu und dann ging es auch gleich in die Vollen. Denn Bischoff hatte sich für seine fantasievollen und immer wieder überraschenden Arrangements (die er in gerade einmal drei Tagen mit den klassischen Kollegen einstudierte) durchaus vorzugsweise Up-Tempo-Nummern wir z.B. "Here Comes The City" ausgesucht. Das Rock'n'Roll-Momentum wurde dadurch gewahrt, dass Bischoff selbst den elektrischen Bass wie eine Gitarre attackierte und die Streicher oft und gerne mit Pizzicato und Martellato-Stakkati in Form von gestrichenen Riffs die Sache vorantrieben. Natürlich gab es auch besinnlichere Momente (zum Beispiel, als Forster das tragikomische "He Lives My Life" intonierte) aber im Wesentlichen ging das Ganze am Ende tatsächlich als gut gelaunte Rock-Show durch, die zum Beispiel auch dadurch lebte, dass sich die Begeisterung der beteiligten Musiker auf das Publikum (darunter auch die anderen Musiker des Festivals) übertrug. Mike Donovan und Mirel Wagner als Gast-Vokalisten hinzuzubitten, war dann eine nette Geste Forsters - aber musikalisch nicht unbedingt nötig, da dies offensichtlich vorher nicht geprobt worden war. Mit "Spring Rain" wollte Forster den Abend eigentlich solo beenden, doch eine Standing Ovation holte ihn und seine Mitstreiter für eine euphorische Reprise zurück auf die Bühne, bei der die strahlenden Gesichter auf und vor der Bühne unterstrichen, dass das Experiment inhaltlich und konzeptionell ein Erfolg auf ganzer Linie war. Das Week-End Fest ist eben mehr als "nur" Musik.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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