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Musikalische Blutspende

Mariam The Believer
Time Is A Mountain

Köln, Die Wohngemeinschaft
17.02.2014

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Mariam The Believer
Als die Schwedin Mariam Wallentin zusammen mit ihrem Gatten Andreas Werliin als Duo Wildbirds & Peacedrums bei uns aufschlug, hatte sie etwas geschafft, was viele vergeblich versuchen: Etwas zu kreieren, was man in dieser Form vorher noch nie gehört hatte. Alleine mit Vocals und Percussion-Instrumenten (und später einem Chor) erschufen Wildbirds & Peacedrums auf ihren zwei Tonträgern und auf der Bühne einen radikalen Gegenentwurf zur üblichen, gitarrenorientierten Indie-Ästhetik. Als sich Mariam nun mit ihrem Folgeprojekt, Mariam The Believer, mit Gitarre und üblicher Band-Besetzung konventionellen Songstrukturen und Genres näherte, war natürlich eine gewisse Skepsis angebracht, ob sie sich die doch sehr eigene Vision erhalten könnte. Spätestens mit den Konzerten dieser Tour dürften sich diese Bedenken indes verflüchtigt haben, denn bei dem Konzert in der Kölner Wohngemeinschaft offenbarte sie sich als jene musikalische Naturgewalt, als die sie sich auch schon auf der Konserve empfahl.
Zunächst ein Mal eröffnete das Konzert die Backing Band, die - ohne Mariam - als Time Is A Mountain auch in eigener Sache fungiert. Die Herren betreiben dabei so etwas wie kreative Zeitdehnung. Die an sie seligen Zeiten des Krautrock erinnernden Instrumentals basierten auf grundlegenden Rhythmusfiguren, die dann mehr oder minder umspielt und mit lustigen Geräuschen aus dem analogen Synthesizer des Keyboarders Thomas Hallonstens und Drumpads Adreas Werliins angereichert wurden. Die Zeitdehnung ergab sich dadurch, dass die zehnminütigen Tracks subjektiv mindestens doppelt so lange dauerten. Nach einer kurzen Pause ging es dann aber zum Glück recht bald mit dem Headliner weiter.
Drücken wir das Ganze mal so aus: Hoffentlich gerät Mariam Wallentin niemals an einen Produzenten, der sie darauf aufmerksam macht, was sie nach den Regeln eigentlich alles falsch macht - denn dadurch ginge der ganze Charme und die greifbare Impulsivität verloren, der ein MTB-Konzert auszeichnet. Mariam singt - im besten Sinne - aus dem Bauch heraus. Der Frau, die einräumt, bei ihrer Ausbildung an der Gothenburger Musik-Akademie eigentlich nur Yoga geübt zu haben, geht es dabei nicht um die richtige Intonation, perfekte Diktion oder korrektes Timing, sondern immer nur um das richtige Feeling, die richtige Stimmung, die richtige Emotion. Und dabei ist schon erstaunlich, was die prinzipiell schmächtige Frau so alles aus sich heraus holt. Mal mit geschlossenen Augen, mal mit wilden Gesten, mal neben dem Mikro her singend, mal ganz ohne, mal mit Gitarre, mal ganz in sich gekehrt und dann wieder extrovertiert und fast sendungsbewusst singt sie sich sozusagen die Seele aus dem Leib. Keine Frage: Vorträge in dieser Intensität bekommt man als Konzertgänger gar nicht mal so oft geboten. Schon gar nicht solche, die nicht aufgesetzt wirken, glaubwürdig erscheinen und dabei ganz ohne Gimmicks auskommen.

Nicht allerdings ohne Manierismen: In dem Bemühen, immer das Optimum aus sich herauszukitzeln, schießt Mariam zuweilen ein wenig über das Ziel hinaus und überrascht mit dissonantem Gekiekse oder schrägem Gejaule. Aber das hat einen veritablen Grund: Anstatt sich auf irgendwelche Techniken zu verlassen, wagt Mariam etwas und verlässt sich dabei ganz auf ihre Intuition. Und diese führt dann zuweilen zu grandiosen Momenten, bei der sich jede Menge Energie löst und auf das Publikum überträgt. Die Musiker haben zuweilen Mühe, dieser Naturgewalt etwas adäquates entgegen zu setzen und deswegen ist es schon hilfreich, dass die Tracks von "Blood Donation" sich nicht ganz so freistilig entfalten wie das bei Wildbirds & Peacedrums der Fall war, sondern sich bei Jazz, Blues, Gospel und sogar klassischem Pop bedienen: Songs wie "The String Of Everything" stünden z.B. - rein von der Komposition her - auch Diven wie Christina Aguilera nicht schlecht zu Gesicht. Wobei dann allerdings die Frage bliebe, ob diese jene auch so am Rande des Abgrunds herumtaumelnd präsentieren könnten wie nun mal Mariam Wallentin.

Wichtig bei all dem ist übrigens, dass sie am Ende niemand in den Abgrund mitriss, sondern es stets schaffte, die Kurve zu kratzen und am Ende eine beeindruckende Version des betreffenden Songs zu präsentieren. Diese wichen übrigens mehr oder minder stark von den Konserven-Versionen ab, was einfach daran lag, dass sich die Musikanten extrem in die Songs hineinsteigerten. Das beeindruckendste Beispiel für diese Herangehensweise, den Song-Bastard "Invisible Giving", den Mariam aus mehreren Ideen-Fragmenten zu einem wahren Monster zusammengebaut hatte, hob man sich für den Schluss auf. Und wenngleich dieser Track bereits den Tonträger dominierte, schaffte es die Band, hier noch mal eins draufzusetzen und das Ganze zu einem beeindruckenden Orkan aufzublasen. Das Fazit des Abends war dann, dass es Mariam Wallentin gelungen war, auch mit diesem Projekt etwas zu erzeugen, was seinesgleichen sucht - auch wenn sie hierbei weniger radikal vorging als bei Wildbirds & Peacedrums. Vielleicht liegt hierin aber gerade auch der Reiz von Mariam The Believer. Zu Gläubigen dürften übrigens nach diesem Konzert auch diejenigen geworden sein, die den Weg in die Wohngemeinschaft gefunden hatten.

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Surfempfehlung:
www.facebook.com/MariamTheBeliever
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soundcloud.com/time-is-a-mountain
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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