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Fabelhaft!

Orange Blossom Special 19 - 1. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Garten
22.05.2015

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Musée Mécanique
Wenn im Weserbergland die fünfte Jahreszeit ausgebrochen ist, ist damit bekanntlich ja nicht der Karneval, sondern das Orange Blossom Special im Garten der Glitterhouse Villa im beschaulichen Beverungen gemeint. So auch dieses Jahr, in dem es bereits die 19. Auflage der Traditionsveranstaltung zu feiern gab. Zumindest am Freitag spielte auch der Wettergott wieder mit, so dass das Festival im gewohnt romantischen Sonnenuntergangs-Ambiente seinen Lauf nehmen konnte - auch wenn dieses Mal ein Schatten über das Sache lag: Mit Anne Tkach von Hazeldine und Larry Barrett waren gleich zwei Musiker im Schrein zu bewundern, die im letzten Jahr von uns gegangen sind, und die auf die eine oder andere Weise mit dem Label verbunden waren (Anne hatte mehrfach auch der OBS-Bühne gestanden und Larry ist als Lebensabschnittsbegleiter der Walkabouts in Erinnerung).
So - nun zum amtlichen Teil: Gerne ergeht man sich als langjähriger Festival-Begleiter ja für gewöhnlich in Superlativen - gerade den Eröffnungsabend betreffend. Leider war der im diesen Jahr als erster Act gebuchte Act Easy October aus dem Kristofer Aström-Dunstkreis nicht jene magische Angelegenheit, auf die die Fans so gerne vertrauen möchten. Das lag weniger daran, dass das Quartett ohne den OBS-Veteranen Aström zu Werke ging, sondern daran, dass das Material, das die Schweden - durchaus mit Engagement und Witz - vortrugen, nicht eben zu jener außergewöhnlichen Crème gehört, aus der Musikerträume gegossen werden. Die auf Harmonie bedachten Americana-Songs um das "Alter und Sonnenuntergänge", wie Frontmann Kristofer Hedberg scherzhaft meinte, gehören zu jener Kategorie von sichergestellten Klischee-Sammlungen, die man schon 1.000 Mal in dieser oder ähnlicher Form gehört hat (vor allem von Neil Young) und die deswegen auch nicht besonders aufregend oder eben magisch rüberkamen. Freilich: Das ist meckern auf hohem Niveau, da ja rein faktisch gar nichts auszusetzen ist an solcher Musik und diese ja auch von vielen gerne gehört wird. Aber unter "Fabelhaft!" - selbst wörtlich genommen - stellt man sich doch dann etwas anderes vor.

Zum Beispiel einen Act wie Little Hurricane aus San Diego, den Rembert eigens aus den USA angelockt hatte: Celeste "CC" Spina und Anthony "Tone" Catalano wohnten in derselben Straße ihres Heimatortes - kannten sich aber gar nicht, bevor CC über eine Anzeige nach Musikern für ein gemeinsames Projekt suchte. Der Funke indes, sprang sofort über, als sie sich trafen - und zündelt seitdem munter vor sich hin. Little Hurricane machen in Sachen Blues-Rock - allerdings nicht so, wie man sich das vorstellen darf, sondern so, wie es die White Stripes dereinst trieben - nur besser, sympathischer, organischer, authentischer, zugänglicher und weit weniger abstrakt. Denn es war schon unglaublich, mit welcher Begeisterung für ihr Tun sich CC und Tone in die Sache hineinsteigerten - und wie viel gute Laune und positive Vibes dann auch von der Bühne qullen (wie gesagt: Beim Bluesen!). Insbesondere CC grinste die ganze Show durch wesentlich breiter als ein routiniertes Honigkuchenpferd. Auf die Frage, was denn am Trommeln so lustig sei, erklärte sie, dass das die Freude an ihrem Job sei, der nun mal der beste von der ganzen Welt wäre. Schade nur, dass das Duo keine CDs mehr feilzubieten hatte: Man habe durchaus welche im Gepäck gehabt, erzählte CC, nur habe man diese nach drei von 22 Shows schon verkauft gehabt und es sei einfach zu teuer gewesen, welche aus der Heimat nachzubestellen.

Ein musikalisches Kontrastprogramm boten dann schließlich Money For Rope aus Melbourne. Die Australier machen in Sachen Rockmusik - im weitesten Sinne - und brachten mit ihrer hyperkinetischen Verrenkungs-Kunst Schwung in die Sache. Zumindest für etwa drei Minuten - danach wiederholte sich dann alles unergiebig. Dabei gaben sich die Herren durchaus Mühe, dem Publikum legendäre Aussie Acts wie die Birthday Party, Radio Birdman, auf verquere Weise auch irgendwie INXS oder am Ende sogar die Australian Doors durchaus zu ersetzen. Nicht überraschend sprachen diese musikalischen Dickbrettbohrer (denn das war schon ein mächtiges Brett, das die Jungs da bearbeiteten) dann eher den jüngeren Teil des Publikums an - wie auch der nachfolgende Act, AnnenMayKantereit.

ABER: Davor und danach gab es noch ein besonderes Juwel zu entdecken - und zwar die junge, in Berlin lebende Südafrikanerin Alice Phoebe Lou aus Kapstadt. Auf den Straßen von Berlin aufgelesen, wo sie sich als Straßenmusikerin verdingt, empfahl sich die auf liebenswert souveräne Art sympathische Songwriterin als nächstes großes Ding ihrer Zunft. Nicht nur, weil sie ihre grundsätzlich simplen, inhaltlich auf selbstverständliche Art nachvollziehbaren Songs mit ihrem italienischen Begleiter Matteo zu kunstvollen, fragilen Gebilden zwischen Jazz, Trip-Hop und Folkpop aufpustete, sondern weil sie dabei eine himmlische Art entwickelt hat, federleicht um die eigenen Melodien herumzusingen. Wie kann man denn bitteschön gleich mehrere Halbtöne neben der eigentlichen Spur liegen und das Ganze dennoch passend und schlüssig darbieten? Großartig, das! Zauberhaft! Und ja: Fabelhaft! Alices Musik ist übrigens dazu gedacht, davonzuschweben - wie sie sie anhand ihres Songs "Girl On An Island" erklärte (für den Fall, dass jemand davonzuschweben gedächte). Und so schwoben sie denn davon, die Perlen - vor die Füße der gleichfalls schwebenden Säue, die das diesjährige Festivalmotto illustrierten (zum Glück ohne Pink Floyd Touch). Und das von der kleinen Bühne aus. Nächstes Jahr dann bitte auf der großen Bühne, gell? Denn das wäre nun ein Eröffnungsact gewesen, der die Bezeichnung "magisch" dann wieder vertragen hätte.

AnnenMayKantereit aus Köln Sülz hatten ja ihre OBS-Karriere schließlich auch ein Jahr zuvor auf der kleinen Bühne begonnen, nachdem sie als Straßenmusiker aufgefallen waren. Zwischenzeitlich hat sich überhaupt viel für das sympathische Trio plus Bassisten getan, das bei jeder Show "Sunny" spielt und dadurch gefällt, trotz ansonsten deutschsprachiger Texte keinen dabei haben, in dem sich "lenken" auf "denken" reimt (wie bei allen anderen deutschsprachigen Acts), sondern eher "wohn'" auf "Balkon" und "belohn'". So etwas ist grundsympathsich und macht denn auch Spaß ohne blöde zu werden. Im letzten Jahr hörten sich die Jungs noch an wie Element Of Crime auf Speed - dieses Jahr klang es eher wie Ton Steine Scherben auf Codeinsaft - denn eine Stimme wie Hening May muss man auch erst mal so kaputt hinbekommen, ohne in die Parodisten-Ecke zu rutschen.

Musée Mécanique aus Portland, Oregon, geistern schon längere Zeit durch die Szene (auch als Musikanten-Reservoir für andere - wie z.B. Laura Gibson), bevor sie dann, nach längerer Pause, von Glitterhouse adoptiert wurden, wo dann das aktuelle Konzeptalbum "From The Shores Of Sleep" erschien, wofür sich der anteilige Frontmann Sean Ogilvie gleich mehrfach aus- und eindrücklich bedankte. Das nach einem Museum für mechanische Musikinstrumente in San Francisco benannte Projekt Musée Mécanique ist eines für Musik, die eigentlich nicht von dieser Welt stammt. Das Quintett ergeht sich in hymnischen, unwirklichen Klangwolken, die dankenswerterweise nicht elektronisch, sondern organisch mit einem ganzen, verwobenen Füllhorn an Instrumenten erzeugt werden. So weit so gut - das war beim OBS auch nicht anders. Allerdings hatte der betont langwierige Soundscheck zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt, so dass die Musiker unter Abstimmungsproblemen dynamischer und tonaler Natur zu leiden hatten. So klang das alles nicht gaaanz so brillant, wie es im Idealfall hätte klingen sollen. Was natürlich den zugrunde liegenden Songs keinen Abbruch tat. Zudem sind Musée Mécanique bekennende Romantiker, die sich auf Robert Schumann als Inspirationsquelle berufen und sich dabei sogar durch dessen - für US-Amerikaner eigentlich unaussprechliche - deutschen Liedertitel quälten. Musée Mécanique sind übrigens nicht die einzigen amerikanischen Songwriter, die sich auf Schumann beziehen. Frage: Warum tut das eigentlich hierzulande niemand? Langer Rede kurzer Sinn: Trotz der technischen Unzulänglichkeiten war dieses ein wunderschöner Ausklang eines zumindest besonders abwechslungsreichen ersten Festivaltages.

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Surfempfehlung:
www.orangeblossomspecial.de
www.glitterhouse.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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