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Reeperbahn Festival 2015 - 2. Teil

Hamburg, Reeperbahn
25.09.2015/ 26.09.2015

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Ray Cokes
"Das tut richtig weh", meinte Chloe Charles am Morgen (11:30 Uhr) nach ihrer Show im Mojo Club, als es darum ging, den zweiten Tag der Canadian Blast-Showcases im neuen kukuun Club zu eröffnen. Chloe präsentierte sich in einem neuen, eleganten Outfit - aber mit einer ähnlich intensiven Show wie im Mojo Club - nur dass (uhrzeitbedingt) nicht ganz so viele Zuschauer vorhanden waren.
Dann gab es eines dieser kleinen Bonbons für Fachbesucher, zu denen man als normaler Festivalbesucher keinen Zutritt hat: Tony Dekker von den Great Lake Swimmers spielte im Büro seiner Plattenfirma ein kleines Akustik-Set für die anwesenden Besucher. In einer solch intimen Situation kamen seine sanftmütig/melancholischen Americana-Balladen natürlich besonders intensiv zur Geltung. Und die Great Lake Swimmers sind ja schließlich dafür bekannt, an ungewöhnlichen Orten aufzuspielen…

Im Canada-House hatte sich derweil ein junger Songwriter aus der Provinz bereit gemacht. Danny Olliver aus Regina, Sasketchewan, überraschte trotz seines jugendlichen Alters und Aussehen mit ausgeschlafen konstruierten Folkpopsongs, in denen es natürlich um Mädels ging. Interessanterweise sang Danny dabei über die Beziehungen seiner Freunde, weil er die Charaktere so interessant finde. Olliver, der sich stimmlich von seiner charmanten Kollegin Jessica Burnett begleiten ließ, überraschte des Weiteren mit einer filigran-virtuosen Spieltechnik, die er zum Beispiel auch mit einem Instrumental demonstrierte. Beim Empfang der schweizer Delegation im Sommerclub spielte dann James Gruntz. Der Songwriter, der soeben sein neuestes Album "Belvedere" veröffentlicht hat, mit dem ihm dann auch hierzulande der Durchbruch gelingen soll, nachdem er in der Schweiz schon seit langer Zeit zu den Routiniers gehört, hat eine besondere Technik ausgearbeitet, seinen Soul-Pop besonders vokal interessant zu gestalten - indem er nämlich mit einem sorgsam kalibrierten Harmonizer seinen eigen Gesang tweakt und manipuliert, doppelt und schattiert. Das klingt immer wieder überraschend und bietet eine interessante Ergänzung der ansonsten ziemlich konventionellen Band-Umsetzung.

Gegenüber auf der Mini-Bühne des N-Joy Reeperbus machten sich Mammút aus Island bei strahlendem Sonnenschein bereit für ihren kurzen Showcase. Auch im akustischen Setting können Katrina Kata Mogensen und ihre Band überzeugen - schöne Melodien wissen einfach zu gefallen, egal, wie sie dargeboten werden. Bei der anschließenden Ray Cokes-Show waren dann auch Josephine Vander Gucht und Anthony West - besser bekannt als Oh Wonder - zu Gast. Dort erzählten sie, wie es zu der songwriterischen Zusammenarbeit gekommen war, dass man eher aus Spaß jeden Monat einen Song ins Netz gestellt habe und dass diese dann so erfolgreich waren, dass man schließlich eine CD veröffentlichen konnte. Das besondere dabei: Der bevorstehende Gig im Grünspan sei erst ihr vierter Auftritt überhaupt. Das freilich war diesem Auftritt dann gar nicht anzumerken. Zwar wirkte die Rhythmusgruppe des Duos betont unauffällig - aber das ist wohl auch der Sinn der Sache, denn bei Oh Wonder geht es nicht um ausgefeilte Arrangements, sondern nur um den zweistimmigen Gesang, den dieses Duo ungewöhnlich konsequent implementiert (bei anderen Duo-Projekten neigt man ja eher dazu, sich abzuwechseln). Selbst die angenehm temperierten, melodisch/melancholischen Soul-E-Pop-Songs sind ganz auf diese Gesangspartien ausgerichtet. Oh Wonder neigen dabei niemals zur Ekstase und schaffen es, durchgängig mellow zu bleiben und dabei trotzdem die Faszination auf ihrer Seite zu haben. Die Präsentation des Materials ließ hingegen keinen Zweifel daran, dass beide durchaus alte Hasen im Geschäft sind. Und so klangen Oh Wonder denn auch routinierter als sie (als Projekt) eigentlich sein dürften.

Obwohl es erst am frühen Abend war, platzte das Molotow fast aus allen Nähten bei Ball Park Music aus Australien. Kein Wunder, denn die Band um Sänger Sam Cromack wartet mit tollem Indie-Pop und mehrstimmigen Gesang auf. Eine gute Mischung. Ebenfalls großer Andrang herrschte einige Etagen höher in der Molotow SkyBar bei Karies aus Stuttgart - ebenfalls kein Wunder, denn man sollte sich den eindringlichen und wütenden Auftritt einfach nicht entgehen lassen. Postpunk ist das natürlich auch irgendwie, aber Karies klingen schon sehr speziell - vor allem natürlich bedingt durch den wirklich lauten Schrei-Gesang von Benjamin Schröter. Als Gegenpol dazu singt Bassist Max Nosek eher bedächtig. Der Hooton Tennis Club aus Liverpool machte seine Sache unten im Molotow Club schon sehr gut, der Britpop/Rock bringt gute Laune, bleibt allerdings auch nicht besonders lange im Gedächtnis hängen. Ebenso schrammte Happyness teilweise scharf an der Langeweile vorbei, dann doch lieber weiter zum St. Pauli Fanshop, dort konnte man sich auf tollen IndiePop von Oscar aus London freuen. Mit seiner prägnanten Stimme und wirklich tollen Melodien verbreitet der junge Mann gute Laune.

Im pittoresken Imperial-Theater, das ansonsten für Krimi-Vorführungen vorgesehen ist, spielten dann Marisa Hylton und Manny Folorunso, ein junges Duo aus London, das sich A.O.S.O.O.N nennt - das steht für "alot of something out of nothing" - was unter anderem für die Art steht, mit der sie ihre Musik mit minimalen Mitteln konstruieren. Die betont schüchtern agierenden Musikanten arbeiten hauptsächlich mit Gitarre und Bass. Gelegentlich kommen noch Samples und Loops hinzu - aber eher als Verzierungen. Interessant ist dabei die musikalische Ausrichtung: Marisa spielt im Prinzip klassische Songwriter-Songs, während Manny eine eher funkige Herangehensweise hat - beide favorisieren dabei aber Indy- und New Wave Vibes. Eine homöopathische Dosis HipHop und ganz seltene Extase-Momente runden das Bild ab. Das Songmaterial des Duos ist dabei noch eher rudimentär, aber das Potential für eine eigenständige Entwicklung ist zweifelsohne vorhanden.

Wenn man Hot Panda aus Vancouver so auf der Bühne des kukuun sieht, könnte man einiges an schlechter Musik befürchten - so sehen eigentlich Bands aus, die ihre Schulband-Vergangenheit einfach nicht abschütteln können. Aber zum Glück klingen sie nicht so - das ist Indie-Rock, der nach vorne geht, der mitreißt, der wachmacht. Außerdem spielen einen Song der wunderbaren Mclusky. Und Catherine Hiltz spielt Bass und Trompete gleichzeitg!

Aly Spaltro alias Lady Lamb hatte hingegen Pech: In Brüssel war ihr am Tag zuvor ein Großteil der Ausrüstung und der Merchandise gestohlen worden. Doch davon ließ sie sich die Stimmung nicht verderben, sondern legte mit ihrer jungen Band (die jetzt nur noch Lady Lamb (also ohne Beekeeper) heißt) ein ziemlich beeindruckendes, intensives, druckvolles Rockset am Rande der Hysterie hin. Dabei wirkte sie äußerst sympathisch und aufgedreht und ließ sich auch nicht davon irritieren, dass das Mikro nicht richtig geerdet war und Stromstöße verteilte: Kurzerhand zog sie ihre Socken aus und stülpte diese über das Mikro. Lady Lamb hat im Laufe ihrer Karriere eine ziemlich schlüssige Entwicklung durchlaufen, die dazu führte, dass ihre Songs heutzutage wesentlich geradliniger und effektiver konstruiert sind als die eher zerfahrenen Tracks ihrer offiziellen Debüt-LP. Was nicht heißen soll, dass sie sich in Sachen Energieverwertung auch nur einen Deut zurücknähme.

Zum Abschluss des dritten Festivaltages standen noch zwei weitere Bands aus Island auf dem Programm. Den Auftakt machten Vök im Headcrash - und konnten dort mit ihrem Indie-Electro-Pop mit Saxofon-Einsatz viele Pluspunkte einsammeln. Ebenso mitreißen können Agent Fresco im Rock Café St. Pauli - das ist Alternative Rock mit persönlichen Texten. Island kann also auch einfach mal rocken, anstatt immer nur verträumte, vertrackte Musik zu produzieren. Vor allem Sänger Arnor Dan Arnason sucht den direkten Kontakt zum Publikum (darunter auch u.a. Mitglieder von Mammút vertreten), erzählt sehr viel über die Inhalte der Songs und reißt mit seiner Persönlichkeit einfach mit. Mit Klingeln in den Ohren wurde dann der dritte Tag des Reeperbahn Festivals beendet.

Der letzte Tag begann mit einem entspannten Showcase-Nachmittag im Garten des Molotow-Clubs. Bei großteils strahlendem Sonnenschein spielten hier ein paar Acts in entspannterer Atmosphäre auf, als das bei den "normalen" Club-Konzerten möglich gewesen wären. Lea Emmery und ihre multinationale Band Kid Wave hatten zwei Tage zuvor den Karatekeller des Molotow gerockt - was leider nicht allzu viele Fans mitbekommen haben dürften, denn der kleine Club platzte während des Auftrittes aus allen Nähten. Im Sommergarten-Setting gelang Kid Wave dann das Kunststück, die Songs des Debütalbums "Wonderlust" sehr viel poppiger und relaxter rüberzubringen als das auf der Scheibe der Fall ist. Für Power-Pop dieser Art ist das schon eine Art Kunststück - allerdings eines, was sogar funktionierte: So sah man das Material zuweilen aus einer ganz anderen Richtung und konnte auch mal auf die Texte hören.

Die Damen von Pins aus Manchester konnte man an diesem Tag direkt zwei Mal bewundern - zuerst nachmittags im Molotow Garten und zu späterer Stunde dann im kukuun Club. Egal wo, es macht einfach Spaß, die Band um Sängerin Faith Vern live zu sehen. Ihre musikalische Mischung aus IndieRock, Fuzz, PostPunk und Glam passt ebenso wie die Bühnenpräsenz, wo es eben gesunder Arroganz auch einfach reine Spielfreude zu erleben gibt. Da spielt die Tageszeit absolut keine Rolle.

Am letzten Tag des Festivals galt es auch bei Ray Cokes Reeperbahn-Revue Abschied zu nehmen bis zum nächsten Jahr. Hierzu hatte der Meister eine Band aus freiwillig verpflichteten Helfern (u.a. Jesus an den Drums) zusammengestellt, um Hamburg als Geburtsstadt der Beatles mit einer betont torkelnden Version von "Let It Be" eine Hommage zu entrichten. Gespielt torkelnd oder tatsächlich - das war die Frage beim Auftritt von Isolation Berlin im St. Pauli Fanshop. Sänger Tobi ließ die Ansagen zwischen den Songs durchaus lallend vorbeirauschen, was aber während des Song-Vortrages absolut nicht zu hören war. Hier passte alles, was die Band selbst als Berliner Schule oder Protopop bezeichnet.

Im Knust gab es zum Abschluss dann noch mal eine ordentliche Dröhnung. Beth Jeans Houghton hatte sich unter dem Projektnamen Du Blonde neu aufgestellt - und den verspielten Kirmes-Kinder-Pop ihres letzten Albums gegen eine eher druckvoll und düster marschierende New Waver- und Glam-Rock-Variante eingetauscht. Insbesondere live funktionierte das hervorragend: Mit einer Truppe durchgeknallter Kollegen tanzte Beth das Material gut gelaunt und eben rockiger als beigewohnt vor. Zum Glück hat sie dabei das extrovertierte Posieren nicht verlernt. Letzteres kann ja heutzutage schon mal etwas verstörend wirken - die richtige Portion Wahnsinn vorausgesetzt, funktioniert das aber recht gut und ist dann auch eher unterhaltsam. "Unterhaltung" steht bei der vielgelobten Newcomerin Torres aus New York vielleicht nicht an der obersten Stelle. Der Frau im dunkelschwarzen Overall ging vielmehr der Ruf voraus, zuweilen fast autistisch zu agieren. Das war im Knust nicht der Fall. Zwar pflegte Torres (wie auch die Band) durchaus ihr Düster-Image und legten sich auch betont konzentriert ins Zeug - aber dennoch schwappten die Vibes und die Energie auf das Publikum über. Torres steigerte sich zuweilen so in ihre Arbeit hinein, dass das nur noch ein manischen Kopfschütteln die Spannung lösen konnte. Andererseits gab es aber auch ein paar Momente, in denen sie sich ein Lächeln leistete oder den Blickkontakt zum Publikum suchte. Zwar konnte die Spannung nicht durchgängig gehalten werden (was an dem zuweilen etwas ausufernden Drone-Material liegt, das gerne man ermüdend gedehnt wurde), aber im Großen und Ganzen blieb das Konzert als druckvolles Rock-Set im New Wave-Setting in Erinnerung.

Fazit für 2015? Das konnte sich mal wieder mehr als nur sehen lassen. Wie immer eine tolle Mischung aus bekannten und unbekannten Bands, man konnte sich musikalisch überraschen lassen oder sich ausgiebig auf der Reeperbahn Konferenz mit Kollegen aus der Branche über unzählige Themen austauschen. So kann es gerne weitergehen.

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Text: -Ullrich Maurer / David Bluhm-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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